AUS DEM GERICHTSSAAL

„Total aus dem Ruder gelaufen“

Friedliche Fans bestimmen mit ihren Fahnen und Gesängen das Geschehen auf den Tribünen, doch es gibt einige wenige schwarze Schafe, die über die Stränge schlagen.  Archiv
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Friedliche Fans bestimmen mit ihren Fahnen und Gesängen das Geschehen auf den Tribünen, doch es gibt einige wenige schwarze Schafe, die über die Stränge schlagen. Archiv

Rosenheim – Das Jugendschöffengericht Rosenheim hat drei weitere Mitglieder der Fan-Gruppierung „Inntal-Crew Rosenheim“ wegen Raubes und Landfriedensbruchs jeweils zu einer Geldstrafe von 500 Euro und zu 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt.

Die beiden 20-jährigen Raublinger und der gleichaltrige Tuntenhausener hatten zusammen mit weiteren Anhängern der Starbulls angereiste Fans der Kassel Huskies angegriffen und Banner sowie Fan-Schals gewaltsam entwendet.

Der Ausraster von etwa 15 Rosenheimer Eishockey-Ultras beschäftigt das Gericht nun schon seit Längerem. Mit Sportsgeist hatte deren Aktion nämlich nichts zu tun. Am 5. Februar 2017 kam es nach der Partie in der Rosenheimer Innenstadt zu gewalttätigen Übergriffen auf Anhänger der Kassel Huskies. Drei Mitglieder der Inntal-Crew sind vom Jugendschöffengericht deshalb bereits zu Arbeitsleistungen und einer Geldstrafe verurteilt worden.

Im Chat aufgefordert, Kassler „abzuziehen“

Nun mussten sich drei weitere Tatbeteiligte wegen der Vorwürfe im Gerichtssaal verantworten. Laut den Erkenntnissen der Polizei waren auch sie Teil der Gruppe und haben sich deshalb wegen Raubes in Tateinheit mit Landfriedensbruch beziehungsweise vorsätzlicher Körperverletzung strafbar gemacht. Besonders schwer wog, dass sie sich als Teil einer Gruppe, in einer die Öffentlichkeit gefährdenden Weise, mit vereinten Kräften an Gewalttätigkeiten gegen Menschen einer anderen Gruppe beteiligt hatten.

Die drei Angeklagten waren als Mitglieder der Inntal-Crew Rosenheim regelmäßig im Stadion. Im Vorfeld des Spiels gegen die Kassel Huskies wurde in einer internen Whatsapp-Gruppe bereits vorgeschlagen, der Kasseler Fan-Delegation aus dem Zug die alkoholischen Getränke zu entwenden. Einer der beiden Raublinger hatte da bereits signalisiert, mitzumachen. Am Tattag hatte ein anderweitig Verfolgter im Laufe des Tages siebenmal im Chat dazu aufgefordert: „Bitte zieht die Kassler hart ab.“

Gegen 19 Uhr versammelte sich dann eine Gruppe von etwa 15 Personen, darunter auch die drei Angeklagten, um die etwa 600 Kassler Fans körperlich zu attackieren und ihnen Fanutensilien abzunehmen. Beim Versuch, ein Banner zu entreißen, hatte der Tuntenhausener zwei Kassler Fans mit der Faust gegen den Kopf geschlagen und sie dabei verletzt. Währenddessen gelang es einem unbekannten Täter, einem weiteren Kassler Fan den Fahnensack vom Rücken zu reißen. Während ihn ein weiterer unbekannter Täter in den Schwitzkasten nahm, entwendeten weitere Täter ein Banner im Wert von etwa 60 Euro.

Angeklagte räumten Vorwürfe ein

„Es war eine Riesendummheit“, „eine völlig unüberlegte Aktion“, oder „total aus dem Ruder gelaufen“ – ziemlich kleinlaut räumten die Angeklagten die Tatvorwürfe umfassend ein und entschuldigten sich bei den Geschädigten.

Aus Sicht des Gerichts stellte sich die Frage, wie es zur Tat gekommen war. Die Angeklagten hätten sich wohl von der Gruppendynamik mitreißen lassen, denn bisher hätten sie einen geradlinigen Lebensweg vorzuweisen, der auch darauf hoffen lasse, dass es zu keinen weiteren Straftaten kommen werde. Dennoch dürfe man sich nicht täuschen lassen, so das Gericht: Landfriedensbruch sei keine Bagatellstraftat. Zum Glück für die Angeklagten seien im Jugendstrafrecht viele positive Dinge ins Urteil miteingeflossen, beispielsweise der Rückhalt der Eltern, betonte Richterin Verena Köstner.

Geldbußen und Sozialstunden

Damit folgte das Jugendschöffengericht dem Vorschlag der Jugendgerichtshilfe, nach Jugendstrafrecht zu urteilen. Ausschlaggebend dafür war, dass es sich nach sozialpädagogischer Einschätzung um eine Jugendverfehlung gehandelt habe. Die Zahlung der Geldbuße an die Jugendabteilung des Kassler Eishockey-Vereins und die Sozialstunden sollen als erzieherische Maßnahme nachhaltig in Erinnerung bleiben. Dem Urteil vorangegangen war ein Rechtsgespräch, in dem die Beweislage und das Strafmaß erörtert worden und eine Verständigung zustande gekommen waren. Der Verein hatte gegen die drei bereits ein dauerhaftes und bundesweites Stadionverbot verhängt.

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