Zwei Todesfälle innerhalb von 14 Monaten

Tod hinter Gittern: Gibt es in der JVA Bernau ein massives Problem mit Gewalt?

Blick auf die Justizvollzugsanstalt in Bernau am Chiemsee.
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Blick auf die Justizvollzugsanstalt in Bernau am Chiemsee.
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Seit 2008 hat das Bayerische Innenministerium drei Fälle verzeichnet, in denen Insassen von Justizvollzugsanstalten (JVA) durch andere Gefangene ums Leben kamen. Zwei davon in der JVA Bernau – und zwar innerhalb von 14 Monaten. Hat das Bernauer Gefängnis ein Problem mit Gewalt hinter den Mauern?

Bernau –Eine Chronik wie aus einem „Tatort“-Drehbuch: Einmal wird ein 30-jähriger Mann bewusstlos in seiner Zelle in der JVA Bernau entdeckt, mutmaßlich durch einen Zellengenossen (27) verletzt; er stirbt tags darauf, Anfang Oktober, im Krankenhaus, ohne nochmals das Bewusstsein erlangt zu haben.

Ein anderes Mal prügelt ein Häftling einen Mitinsassen beim Hofgang so brutal, dass der noch an Ort und Stelle stirbt (15. August 2019). Nach heftigen körperlichen Auseinandersetzungen war in den OVB-Heimatzeitungen einmal sogar von einem „Bandenkrieg“ die Rede. Die JVA Bernau: Gibt es dort überdurchschnittlich viel Gewalt hinter Gittern?

Nur drei Fälle in ganz Bayern

Wie steht es grundsätzlich um Todesfälle durch andere Gefangene in Bayern? „Sehr selten“, heißt es dazu aus dem Bayerischen Justizministerium auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen. Man führe nicht mal eine eigene Statistik. Das Ministerium hat aus den vergangenen Jahren nur drei Fälle auf dem Schirm: ein Mord 2008 in Straubing – und eben die beiden Vorfälle in Bernau. Zwei Tote innerhalb eines Zeitraums von 14 Monaten.

Auswirkungen auf das Personal

Derart schwere Zwischenfälle sorgen auch intern für Grübeln. „So etwas hat natürlich Auswirkungen auf das Personal und auch auf mich“, sagt dazu Jürgen Burghardt, Leiter der JVA Bernau mit Blick auf den tödlichen Hofgang. Er erklärt weiter: „Normale Einzel- und Gemeinschaftshafträume werden mit Blick auf die Persönlichkeitsrechte der Gefangenen und Bediensteten nicht mit technischen Mitteln optisch oder akustisch überwacht.“ Ausnahmen sind die Sicherheitsräume, in die Gefangene gebracht werden können, die sich oder andere gefährden.

Allerdings hat man in Bernau nach dem Vorfall 2019 nachgerüstet. Eine Sprecherin des Justizministeriums bestätigte auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen, dass die Höfe mittlerweile mit Kameras überwacht werden.

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Bei dem Angriff im August 2019 aber hätten auch diese Kameras lediglich der Rekonstruktion der Tat dienen können – der Täter schlug so schnell und überraschend auf seinen Kontrahenten ein, dass auch das Wachpersonal vor Ort nicht mehr rechtzeitig eingreifen konnte.

Die Auseinandersetzung sei gezielt und bewusst herbeigeführt und schnell beendet worden, sagt Burghardt: „Derartige Vorgänge wären auf Dauer und konsequent nur durch Maßnahmen zu verhindern, die den Grundsatz der Resozialisierung und auch sonstige Grundrechte in ganz erheblichem Maße beschneiden.“

Die Personalausstattung nennt das Justizministerium „ausreichend“. Das findet im Grunde auch Burghardt, schließlich habe die Zahl der Mitarbeiter in der JVA Bernau seit 2005 um ein Fünftel zugenommen. Allerdings: Noch mehr Justizvollzugsbeamte seien wünschenswert. 

Gewaltbereitschaft nimmt zu

Das findet auch Ralf Simon, Landesvorsitzender des Verbands der Justizvollzugsbeamten. Die Beamten an sich seien gestandene Männer, „das sind keine Schulabgänger“. Fast alle haben sie schon einen anderen Beruf gelernt, die Ausbildung vermittelt unter anderem Kenntnisse der Psychologie. Aber: „Die Gewaltbereitschaft nimmt zu, und die Klientel wird schwieriger.“

In Bernau werden Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren abgesessen. Macht keinen großen Unterschied, erfährt man von Burghardt. Was im Freiheitsentzug ablaufe, kenne er in der „gesamten Bandbreite“. Seine Beobachtung: Nicht die Schwere der Tat oder die Dauer der Strafe entscheide über das Gewaltpotenzial, sondern das Wesen des Häftlings. Und seine momentane Situation.

Alles andere als eine homogene Gemeinschaft

Die stellt sich oft schwierig dar. Landesvorsitzender Simon bemerkt eine wachsende Zahl psychisch erkrankter Menschen in bayerischen Haftanstalten. So wie der ehemalige US-Eishockey-Profi, der in der JVA Bernau einem Beamten das Nasenbein gebrochen hat. Das Landgericht wies kürzlich, wie berichtet, seine Unterbringung in einer geschlossenen Einrichtung an.

Die JVA-Gesellschaft ist zudem alles andere als homogen. Straftäter aus 60 Nationen sitzen dort nach Burghardts Statistik ein. „Das macht die Verständigung nicht einfacher“, weiß Ralf Simon. Und Burghardt sagt, man könne den Häftlingen einen Video-Dolmetscher anbieten, auch die Weiterbildung des Personals sei angepasst worden. 

Und doch sind Animositäten nicht auszuschließen. Wie im Sommer zu erleben war: Da gingen zwei gebürtige Kasachen auf einen Mann türkischer Abstammung los, dem laut einer Zeugenaussage eines JVA-Beschäftigten eine Führungsrolle innerhalb der muslimischen Gemeinschaft zukommt.

Ein Diakon im Spannungsfeld

Bei solchen Spannungen kommt einer recht, dessen Job das Brückenbauen ist: Heiner Vogl, Diakon, einer von zwei Seelsorgern für die JVA. Das Seelsorgeangebot gelte nicht nur für Christen, es werde allgemein gern angenommen, erzählt er im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. Ihn selber, so beteuert er, bereichere die Vielfalt: „Das interkonfessionelle Miteinander der vielen verschiedenen Religions- und Volksgruppen sehe ich gerade hier im Gefängnis immer wieder als Chance, Vertrauen aufzubauen und gegenseitiges Verständnis und Wertschätzung zu bewirken.“

Juristische Nachspiele

So steht es juristisch um die beiden Todesfälle in der JVA Bernau: Der Täter vom August 2019 (Hofgang) ist verurteilt, wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge muss er weitere fünf Jahren in Haft bleiben. Das Urteil ist noch nicht in Kraft. Bei dem Zwischenfall vom 8. Oktober 2020 hat sich der Verdacht gegen den Zellengenossen des verstorbenen 30-Jährigen erhärtet. „In diesem Fall hat zwischenzeitlich das Amtsgericht Rosenheim auf Antrag der Staatsanwaltschaft einen Unterbringungsbefehl gegen den 27-Jährigen erlassen“, sagt der Oberstaatsanwalt Gunther Scharbert. „Der Tatvorwurf lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge.“ Der Mann befindet sich in geschlossener Unterbringung, also in der forensischen Psychiatrie.

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