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Vorstandsvorsitzende der Robert-Enke-Stiftung in Rosenheim

„Die Krankheit kann jeden treffen“: Teresa Enke über Depressionen und den Tod ihres Mannes Robert

Kann wieder lachen: Teresa Enke ist die Ehefrau des achtmaligen Nationalspielers Robert Enke, der sich im November 2009 das Leben genommen hat. Einen Tag nach seinem Tod wird bekannt, dass er an Depressionen gelitten hat.
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Kann wieder lachen: Teresa Enke ist die Ehefrau des achtmaligen Nationalspielers Robert Enke, der sich im November 2009 das Leben genommen hat. Einen Tag nach seinem Tod wird bekannt, dass er an Depressionen gelitten hat.
  • Anna Heise
    VonAnna Heise
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Rosenheim – Unter dem Motto „Wir müssen reden“ findet am Freitag, 6. Mai, eine Veranstaltung zum Thema „Psychische Krankheiten im Sport“ statt. Mit dabei: Teresa Enke, Ehefrau des verstorbenen Fußball-Nationaltorhüters Robert Enke und Vorstandsvorsitzende der Robert-Enke-Stiftung. Ein Gespräch über Depressionen, fehlende Therapieplätze und warum sich seit der Pandemie vieles zum Negativen verändert hat.

Im November jährt sich der Todestag Ihres Mannes Robert. Wie gehen Sie damit um?

Teresa Enke: „Ich versuche, den Todestag so normal wie möglich zu verleben, um diese Tragödie gar nicht so an mich ranzulassen. Mir ist eher der Geburtstag wichtig, auf den ich dann eingehe. Den Todestag versuche ich weitestgehend auszublenden.“

Wie haben Sie es geschafft, nach dem Tod Ihrer Tochter und Ihres Mannes ins Leben zurückzufinden?

Enke: „Diese Frage wird mir oft gestellt. Ich habe weiter gemacht, weil ich für meine andere Tochter da sein wollte und ich auch ein lebensbejahender Mensch bin. Es gab für mich gar keine Wahl. Aber ich wäre sicherlich nicht so schnell wieder auf die Beine gekommen, wenn ich nicht meine Tochter gehabt hätte. Außerdem meine Tiere, um die ich mich gekümmert habe und natürlich meine Familie und Freunde.“

Wie haben die Depressionen Ihres Mannes Ihr gemeinsames Leben geprägt?

Enke: „Unser Leben war nicht geprägt von seiner Krankheit. Die Krankheit kam in der Zeit, wo wir zusammen waren – und das waren 14 Jahre – drei Mal ziemlich heftig, aber ansonsten hatten wir ein ganz normales glückliches, aufregendes Leben. Aber natürlich war ich programmiert darauf, wenn er mal nicht so gut drauf war, dass ich mir dann Sorgen gemacht habe. Aber unser Leben war ein normales.“

Wann haben Sie realisiert, dass Robert Enke ernsthaft krank ist?

Enke: „Es hat etwas länger gedauert, bis ich es realisiert habe. Anfänglich konnte ich nachvollziehen, woher die Ängste kamen. Vereinswechsel, neues Umfeld – ich konnte das alles gut nachempfinden. Aber so richtig realisiert habe ich das dann bei unserem Weggang nach Lissabon. Das war so das erste Mal, wo es mich richtig erschlagen hat.“

Einen Tag nach dem Tod Ihres Mann haben Sie seine Krankheit öffentlich gemacht. Wie wichtig war dieser Schritt für Sie?

Enke: „Dieser Schritt war sehr wichtig für mich. Nicht weil ich etwas erreichen wollte oder eine Stiftung gründen wollte. Ich wollte über die Krankheit meines Mannes sprechen. Ich wollte nicht, dass jemand anderes über ihn spricht. Wir hatten das damals lange genug geheim gehalten und deswegen war es für mich ein Bedürfnis für ihn zu sprechen und den Menschen zu erklären, wie das passieren konnte.“

Erinnern Sie sich noch an die Reaktionen?

Enke: „Die Reaktionen, die ich danach wahrgenommen habe, waren enorm. Diese Pressekonferenz hat dann im Nachhinein geholfen, diese Stiftung zu gründen und meine Glaubwürdigkeit zu unterstreichen. Deswegen war das retroperspektiv ein sehr wichtiger Schritt, aber in erster Linie war das wie gesagt nur für meinen Mann, für unsere Ehe und unsere Liebe.“

Was hat sich seit dem Tod von Robert Enke im Umgang mit dem Thema Depressionen in der Öffentlichkeit geändert?

Enke: „Ich finde, Roberts Tod hat viel bewirkt. Die Menschen gehen offener mit dem Thema um. Für sie ist es auch leichter, wenn ein solcher bekannter, erfolgreicher Sportler, der mitten im Leben stand, diesen Schritt wählt. Da haben die Menschen nicht so viele Berührungsängste gehabt, über das Thema zu sprechen. Viele haben danach erkannt, dass sie ähnliche Veranlagungen oder ähnliche Probleme haben, und haben dann einen Psychiater oder Psychotherapeuten aufgesucht.“

Glauben Sie, dass vielen Menschen nach Roberts Tod erst klar geworden ist, dass Depression eine Krankheit ist und keine Schwäche?

Enke: „Ja, das glaube ich ganz fest. Ich denke natürlich, dass es immer noch ganz viele gibt, die sagen: ,,Mein Gott, er hatte doch alles, warum hat er sich umgebracht?" Aber trotzdem haben die Menschen begriffen, dass es einen im Leben stehenden jungen Mann getroffen hat, der gerade noch einmal Vater geworden ist. Diese Krankheit kann kommen, auch in guten Zeiten und das haben wir bei Roberts letzter Depression erfahren müssen. Die anderen sind durch eine Veränderung ausgelöst worden und diesmal war es eine positive Veränderung. Man kann nicht sagen, wann sie kommt.“

Welches Ziel verfolgen Sie mit der Robert-Enke-Stiftung?

Enke: „Die Hauptaufgabe der Stiftung ist die Entstigmatisierung. Das ist mir und meinem Team sehr wichtig. Man kann gar nicht oft genug den Satz: „Es ist eine Krankheit und keine Schwäche" sagen. Und wie gesagt, mittlerweile wird so viel über dieses Thema gesprochen. So viele Menschen äußern sich zu dem Thema oder schreiben Bücher und sprechen in Talkshows. Die Enttabuisierung werden wir weiterhin verfolgen, weil wir auch noch den Letzten bekommen wollen.“

Wenden sich nur Sportler an die Stiftung?

Enke: „Es wenden sich viele Sportler an die Stiftung, aber auch ganz normale Menschen mit ihren Ängsten und Bedürfnissen. Angehörige und Betroffene, die unsere Berater-Hotline aufrufen oder sich an die Stiftung wenden. Natürlich wenden sich Trainer und Eltern an uns. Es ist vielfältig, aber es sind auch viele Leistungssportler dabei.“

Ist die Zahl der Anrufe seit der Pandemie gestiegen?

Enke: „Die Zahl der Anrufer ist sehr gestiegen. Es ist besorgniserregend. Aber was uns ganz besonders erschreckt hat, ist die Anfrage bei Jugendlichen und vor allem auch Kindern. Da sind wir etwas überfordert, weil das nicht in unserem Stiftungszweck vorhanden ist. Aber wir versuchen natürlich auch, soweit es uns möglich ist, zu helfen, auch wenn wir da noch nicht so gut vernetzt sind. Das ist wirklich erschreckend, was die Pandemie mit den Menschen gemacht hat und vor allem noch machen wird. Ich glaube, das ist im Moment nur der Anfang und da wird noch vieles auf uns zu rollen, wo wir nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen, weil die Kapazitäten stark begrenzt sind.“

Hinzu kommt, dass Menschen in Bayern oft mehrere Jahre auf einen Therapieplatz warten müssen. Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern, damit diesen Menschen schneller geholfen werden kann?

Enke: „Es ist wirklich eine Tragödie, dass Menschen so lange auf einen Therapieplatz warten müssen. Das ist schlichtweg nicht tragbar. Wenn man so lange auf einen Therapieplatz wartet, dann heilt man, wenn man Glück hat, entweder von selbst oder man hat sich suizidiert und das ist grob fahrlässig. Aber dafür muss sich das Gesundheitssystem ändern. Dafür muss es mehr Psychiater und Psychotherapeuten geben. Ich hoffe, dass in Zukunft darauf mehr Augenmerk gelegt wird. Aber wie gesagt, ich bin nicht in der Politik, ich kann nur daran appellieren, dass man über diese Missstände spricht und dadurch vielleicht auch die Regierung wachrüttelt.“

Wie wichtig sind Veranstaltungen wie ,,Wir müssen reden – psychische Krankheiten im Sport", die in Rosenheim stattfindet?

Enke: „Solche Veranstaltungen sind enorm wichtig, weil man niederschwellig in lockerer Atmosphäre über das Thema psychische Gesundheit sprechen kann. Die Menschen können Fragen stellen. Sie sind nicht alleine. Es ist wichtig den Menschen zu zeigen, dass dieses Thema in der Gesellschaft angekommen ist und dass es Menschen gibt, die sich dafür einsetzen und – wie Sophia Thiel – offen über ihre Erkrankung sprechen. Es nimmt den Menschen den Schrecken alleine zu sein und nicht darüber sprechen zu wollen. Deswegen sind diese Veranstaltungen Gold wert für Menschen, die sich überlegen, offener mit dem Thema umzugehen oder aber auch Angehörige, die merken, dass es viel mehr Menschen gibt, die in der gleichen Situation sind.“

Wie geht es Ihnen mittlerweile nach dem Tod Ihres Mannes?

Enke: „Mir geht es mittlerweile gut. Ich stehe wieder mitten im Leben, bin verheiratet und habe auch nochmal ein Kind bekommen. Und ich bin sehr froh, diese Stiftungsarbeit zu haben, mich engagieren zu können und bin auch sehr dankbar für mein Leben und die Chance, die ich nochmal bekommen habe. Robert ist und bleibt ein Teil in unserem Leben und in unserer Familie und auch für diese Zeit bin ich sehr dankbar.“

Die Veranstaltung „Wir müssen reden – psychische Krankheiten im Sport“ findet am Freitag, 6. Mai, um 18 Uhr in der Gaborhalle in Rosenheim statt. Mit dabei ist neben Influencerin Sophia Thiel auch Teresa Enke, Ehefrau des verstorbenen Fußball-Nationaltorhüters Robert Enke und Vorstandsvorsitzende der Robert-Enke-Stiftung. Moderiert wird die Veranstaltung von Sportjournalist Robert Reng. Eintrittskarten sind im Vorverkauf unter www.blsv-rosenheim.de und www.eventim.de erhältlich. Ein Teilerlös kommt der Robert-Enke-Stiftung zugute.

Hinweis der Redaktion: Hilfe bei existenziellen Lebenskrisen
Generell berichten wir nicht rund ums Thema Suizid, damit mögliche Nachahmer nicht ermutigt werden. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existenziellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800/1110111. Hilfe bietet auch der Krisendienst Psychiatrie für München und Oberbayern unter 0180/6553000. Weitere Infos finden Sie auf der Webseite www.krisendienst-psychiatrie.de.