Hilfe in schwierigen Situationen

Telefonseelsorge in Rosenheim: In der Corona-Pandemie äußern mehr Menschen Suizidgedanken

Birgit Zimmer ist Theologin und seit acht Jahren Leiterin der Telefonseelsorge Rosenheim. Sie spricht oder schreibt täglich mit Menschen, deren Gedanken um das Thema Suizid kreisen, oder auch mit Hinterbliebenen.
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Birgit Zimmer ist Theologin und seit acht Jahren Leiterin der Telefonseelsorge Rosenheim. Sie spricht oder schreibt täglich mit Menschen, deren Gedanken um das Thema Suizid kreisen, oder auch mit Hinterbliebenen.
  • vonAlexandra Schöne
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Rosenheim – Alle 53 Minuten begeht ein Mensch in Deutschland Suizid. Der Welt-Suizid-Präventionstag am Donnerstag, 10. September, macht auf dieses Thema aufmerksam. Birgit Zimmer (57) leitet seit 8 Jahren die Telefonseelsorge Rosenheim. Ein Gespräch über Hilfe bei Suizidgedanken.

Frau Zimmer, wie viele Menschen melden sich bei Ihnen, die Suizidgedanken haben?

Birgit Zimmer: Man kann sagen, dass in jeder Schicht ein Gespräch vorkommt, in dem es in irgendeiner Form um Suizid geht. Das heißt nicht, dass sich der Mensch sofort umbringen will. Er spielt vielleicht mit dem Gedanken oder hat schon einmal damit gespielt. Oder der Anrufer kennt jemanden, wo Hilfe angesagt ist. In den Monaten von April bis Juni ist die Zahl der Hilfesuchenden sehr stark angestiegen. Zwar nicht so sehr am Telefon, aber dafür per Mail. In diesen drei Monaten hatten wir fast 900 Mails, die um das Thema Suizid kreisen.

Woran liegt es, dass sich so viele per Mail melden?

Zimmer: Es ist das Medium an sich, glaube ich. Außerdem ist es so noch einmal anonymer. Junge Menschen fühlen sich dann gesicherter und können alles erst einmal runterschreiben. Wir haben im Moment auch viele Studierende, die nicht mit der Situation klarkommen, dass die Uni nicht live ist und dass sie vereinsamen.

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Was beschäftigt die Menschen sonst noch?

Zimmer: Ein Riesenthema ist auch Trennung und Partnerschaftsprobleme. Jetzt in der Corona-Krise ist auch eine große Testphase. Das muss natürlich nicht unbedingt in den Suizid führen, aber es beschäftigt die Leute. Wir haben auch einen großen Teil an psychisch Auffälligen, die anrufen. Während des Lockdowns mussten viele ihre Einrichtungen verlassen. Sie konnten dann nicht mehr mit ihrem Therapeuten sprechen, höchstens am Telefon. Sie haben keine Bezugsperson mehr.

Wer ruft bei Ihnen an oder schreibt Ihnen?

Zimmer: Ich merke, dass die Menschen immer jünger werden. Es sind viele Jugendliche, die mit Problemen in der Schule, mit Selbstwahrnehmung oder mit Mobbing zu kämpfen haben. Man merkt einfach, dass es keine persönlichen Anlaufstellen oder Gesprächspartner mehr gibt.

Wie reagieren Sie, wenn sie jemand mit konkreten Suizidgedanken anruft?

Zimmer: Man muss denjenigen ernst nehmen und ihn in dieser schwierigen Lage würdigen. Es bringt nichts, mit billigen Sätzen dagegen anzureden und über den Menschen hinweg zu sehen. Ich versuche, mit der Person die schwierige Situation auszuhalten. Man muss aber auch deutlich machen: Wir stehen für das Leben. Wenn derjenige bereit ist, sich darauf einzulassen, begleiten wir ihn durch die Krise. Wir versuchen, gemeinsam Lösungen zu finden machen klar, dass es einen Ausweg gibt. Wir begleiten die Menschen ohne zeitliche Beschränkung. Das passiert oft über Mailberatung mit einer festen Bezugsperson.

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Können Sie die Menschen am Telefon beruhigen?

Zimmer: In der Regel schon. Aber man kann nie zu 100 Prozent sicher sein. Wir haben oft das Gefühl, dass wir es hinbekommen haben. Manchmal meldet sich die Person dann noch einmal bei der Mailberatung und bedankt sich für die Begleitung. Das kommt nicht häufig vor, ist aber ein gutes Gefühl.

Was macht das mit Ihnen als Person, wenn Sie jeden Tag mit solchen Situationen konfrontiert werden?

Zimmer: Es kommt immer auf den Fall drauf an. Suizid berühr mich immer. Es macht mich im ersten Augenblick sehr traurig. Ich denke mir, dass das Leben so viele Möglichkeiten bietet und warum der Mensch diese nicht mehr sieht. Ich bin dankbar, dass ich ein gutes Leben habe und möchte etwas davon abgeben. Diese Einstellung haben auch meine ehrenamtlichen Mitarbeiter.

Nehmen Sie die Eindrücke mit nach Hause?

Zimmer: Ich kann das normalerweise strikt trennen. Mich wühlt es eher auf, wenn meine Ehrenamtlichen mich anrufen und mich nach Hilfe fragen, weil sie einen suizidalen Fall in der Leitung haben.

Handy-App, Informationen und Hilfe bei Suizidgedanken:

Die Seelsorge der Diakonie ist unter den Telefonnummern 0800/1110111 oder 0800/1110222116123 zu erreichen. Das Angebot ist kostenlos. Auf der Internetseite www.telefonseelsorge.de gibt es Telefonnummern sowie Links zur Mail- und Chatberatung.

Die App „Krisen Kompass“ ist eine Initiative der Telefonseelsorge Deutschland. Sie soll zur Suizidprävention beitragen. Seit März 2020 steht die App für iOS- und Android-Smartphones im Apple App Store beziehungsweise bei Google Play kostenlos bereit. Die App ist sowohl für diejenigen, die suizidgefährdet sind, als auch für Menschen aus deren Umfeld gedacht. Zugleich kann sie Hinterbliebenen Hilfe bei der Bewältigung ihres Verlusts bieten.

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