22 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen mehrfacher Steuerhinterziehung

Techniker versagte als Kaufmann

Rosenheim - Die Geschäfte liefen gut, aber dann kamen persönliche Enttäuschung und der Alkohol ins Spiel: Von da an ging es mit dem selbständigen 44-jährigen IT-Techniker und Softwareentwickler rapide abwärts.

Der Mann musste sich jetzt wegen Steuerhinterziehung in Höhe von rund 240.000 Euro vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Heinrich Loeber verantworten.

In den Jahren 2000 bis 2006, so die Staatsanwaltschaft, habe es der Angeklagte unterlassen, die fälligen Einkommens- und Umsatzsteuererklärungen beim Finanzamt abzugeben und die für die Besteuerung erheblichen Tatsachen vollständig und wahrheitsgemäß offenzulegen. Dem 44-Jährigen war es offensichtlich äußerst peinlich, sich selbst vor Gericht über die Hintergründe und Ursachen seines "Abrutschens in den Alkohol" zur Sache zu äußern, ließ aber über seinen Verteidiger, den Traunsteiner Rechtsanwalt Dr. Herbert Buchner, erklären, dass die in der Anklage erhobenen Vorwürfe zuträfen.

Von Richter Loeber nach den Ursachen befragt, zeigte sich alsbald, dass der Angeklagte nicht nur Täter, sondern gleichzeitig auch Opfer seines Vertrauens geworden war. Er habe jemanden kennengelernt, dem er vollkommen vertraut habe, auch in geschäftlichen Dingen sowie auch in allen Geldangelegenheiten. Er habe sich immer als Techniker gefühlt und sei froh gewesen, sich relativ wenig um den "kaufmännischen Kram" einschließlich Steuererklärungen kümmern zu müssen. Genau das wurde ihm zum Verhängnis.

Als er feststellen musste, dass er gerade von den Menschen, denen er völlig vertraut hatte, ausgenutzt und hintergangen worden war - sein Verteidiger sprach davon, dass diese ihn "wie eine Weihnachtsgans" ausgenommen hätten - da sei er innerlich zerbrochen, habe sich "dem Suff ergeben" und das Geschäft vernachlässigt.

Auf die Frage, warum der Angeklagte nach dieser Enttäuschung so tief gefallen sei, gab der vom Gericht beauftragte neurologische Gutachter eine nachvollziehbare Antwort. Er beschrieb den Angeklagten als intelligenten und erfolgreichen Geschäftsmann, der sich aber aufgrund einer nicht zu übersehenden Gesichtsverletzung verunstaltet fühle. Deshalb, so der Gutachter, habe sich der Angeklagte in die innere Immigration zurückgezogen und sich nur schwerlich Menschen anvertraut, denn er habe stets Angst gehabt, dass er dann von diesen wieder verlassen werden könnte. Aber wenn er jemanden vertraut habe, wie im vorliegenden Fall, dann sei dieses Vertrauen vollkommen gewesen.

Als der Angeklagte seinerzeit feststellen musste, dass ihn sein inzwischen gestorbener Freund und Geschäftspartner finanziell ausgenutzt und geschäftlich zugrunde gerichtet hatte, wollte er das anfangs nicht wahrhaben, sei dann aber innerlich zusammengeklappt und habe zur Flasche gegriffen, um sich nicht mit der Realität konfrontiert zu sehen. Um die notwendigen, geschäftlichen Verpflichtungen habe er sich kaum noch gekümmert.

Der Gutachter umschrieb diesen Zustand als "Flucht in die bewusste Unwissenheit". Er attestierte seinem nicht vorbestraften Probanden, dass dieser weder ein egozentrischer oder narzisti-scher Betrüger sei, der hätte Steuern sparen wollen. Vielmehr sei er aufgrund der geschilderten Persönlichkeitsstruktur seinen geschäftlichen Verpflichtungen nicht nachgekommen und selbst Opfer von Betrügereien geworden. Der starke Alkoholgenuss, so der Gutachter, habe allerdings auch zeitweise dessen Steuerungsfähigkeit eingeschränkt. Doch zwischenzeitlich sei dieser abstinent und wieder uneingeschränkt geschäftstüchtig.

Nach dem Zusammenbruch, so argumentierte der Verteidiger, habe sich der Angeklagte redlich bemüht, Schadenswiedergutmachung zu leisten. Von den rund 240.000 Euro Steuerschulden habe er bereits 145.000 Euro zurückgezahlt. Sowohl die Vertreterin der Anklage als auch der Verteidiger bestätigten dem Angeklagten, der heute verantwortlicher Geschäftsführer einer GmbH ist, eine positive Sozialprognose und plädierten auf eine zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe.

Das Gericht schloss sich den Vorschlägen weitgehend an und verurteilte den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten; die Bewährungszeit beträgt drei Jahre. Der Verurteilte muss zudem monatlich 1600 Euro an den Fiskus zurückzahlen.

je/Oberbayerisches Volksblatt

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