Eine Verkehrswende, die eigentlich keiner will: Droht dem Rosenheimer Busverkehr das Aus?

Seit gut vier Wochen verwaist: Seit dem 20. April wird die Bushaltestelle Turner-/Burgweg im Rosenheimer Stadtteil Oberwöhr nicht mehr angefahren. Schlecker
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Seit gut vier Wochen verwaist: Seit dem 20. April wird die Bushaltestelle Turner-/Burgweg im Rosenheimer Stadtteil Oberwöhr nicht mehr angefahren.
  • Ilsabe Weinfurtner
    vonIlsabe Weinfurtner
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Der Busverkehr in Rosenheim ist aus dem Takt gekommen. Die Corona-Krise hat die Fahrgastzahlen dramatisch schrumpfen lassen. Die Erlöse für den eigenwirtschaftlich betriebenen „Stadtverkehr Rosenheim“ sind auf ein Minimum geschrumpft. Es gilt ein Notfahrplan. Welche Folgen das hat, zeigt sich im Stadtteil Oberwöhr.

Rosenheim – „Seit Ende Februar war ich nicht mehr in der Stadt“, sagt die 80-Jährige, die seit vielen Jahren in Oberwöhr lebt. Ihren Namen will sie lieber nicht in der Zeitung lesen. Aber sie ist froh, dass sie am Telefon erzählen kann, wie abgeschnitten sie sich fühlt, seit der Ausgangsbeschränkung und seit der Bus nicht mehr in der Mitte des Stadtteils hält. Die alte Dame ist schwer krank. Sie hat Probleme mit den Augen, leidet an Diabetes, muss regelmäßig zum „Nervenarzt“ wie sie sagt, weil es nicht mehr so gut geht nervlich. Die Rente ist schmal, daher war der Bus immer wichtiges Verkehrsmittel, um die Arzttermine in der Innenstadt wahrnehmen zu können. Eingestiegen ist die Seniorin stets an der Haltestelle am Turner-/Burgweg in Oberwöhr. Doch die fährt der Bus nicht mehr an, seit Corona alles durcheinandergebracht hat.

Jahreskarte macht derzeit keinen Sinn

„Mei, jetzt bleibe ich halt vor allem daheim“, sagt die 80-Jährige. Froh darüber ist sie nicht. Denn auch sie hat unter den Corona-Einschränkungen gelitten. „Gerade jetzt, wo die Geschäfte wieder offen haben“, wäre sie gerne einmal nach Rosenheim gefahren. Doch der Weg zu einer der anderen Bushaltestellen, in ihrem Fall die an der Krainstraße oder am Waldeck, ist einfach zu weit. Erst vor ein paar Tagen hat sie sich ein Taxi genommen. 16 Euro habe die Fahrt gekostet. Viel zu viel Geld für die Rentnerin, die über eine Jahreskarte für den Bus verfügt. 300 Euro hat sie dafür nach eigener Aussage bezahlt. Für ein Angebot, das sie seit Wochen nicht nutzen kann. Das Gespräch geht dem Ende zu, als die alte Dame sagt: „Es ist gut, dass jemand hört, wie es uns hier draußen geht.“

Problem ist seit Längerem bekannt

Dabei ist es nicht so, dass das Problem nicht bekannt ist. Sowohl die Vertreter der Stadt als auch Ingmar Töppel, der Geschäftsführer des „Stadtverkehr Rosenheim“ (SVR), wissen um den weißen Fleck auf der Karte mit den Bus-Verbindungen. Auch der Aufgabenträger, die Rosenheimer Verkehrsgesellschaft (RoVG), kennt die Lücke. Wie man sie schließen könnte, das allerdings ist derzeit nicht klar.

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Wie sie entstehen konnte, dafür umso mehr: Der SVR fährt eigenwirtschaftlich. Das heißt, er bietet an, was für ihn betriebswirtschaftlich rentabel ist. Dass sich das nicht immer mit den Wünschen der Kunden und der Stadtratsfraktionen deckt, war schon vor der Corona-Krise großes Thema. Zumal mit der Fortschreibung des Nahverkehrsplanes im Raum stand, dass der Öffentliche Personennahverkehr für seine Nutzer attraktiver gestaltet werden soll. Dazu kam, dass es um das Verhältnis zwischen Töppel, der ehemaligen Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer und auch einigen anderen Kommunalpolitikern nicht zum Besten stand. Gespräche, so war immer wieder zu hören, seien schier unmöglich.

Pandemie wirkt wie ein Brennglas

Auf diese eingefahrene Situation wirkte Corona wie ein Brennglas: Innerhalb kürzester Zeit verlor der SVR bis zu 80 Prozent seiner Fahrgäste. Töppel meldete Kurzarbeit an, die Regierung von Oberbayern entließ ihn aus der Beförderungspflicht, ein Notfahrplan wurde erarbeitet. Mit dem Ende des Lockdowns und dem Wegfall der Ausgangsbeschränkung belebte sich das Geschäft zwar ein wenig. Doch es reicht hinten und vorne nicht. Die jüngsten Fahrgastzahlen vom Dienstag zeigen: 1700 Fahrgäste nutzen das Angebot pro Tag. 130 Fahrten stadteinwärts und -auswärts bietet der SVR derzeit täglich an. „Das rechnet sich einfach nicht“, sagt Töppel.

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Immerhin: Mit dem neuen Oberbürgermeister Andreas März (CSU) scheint die Eiszeit zwischen den Beteiligten ein Stück weit vorbei zu sein. Töppel selbst sagt, er sei „guten Mutes“, dass sich eine Lösung finden lasse. Derzeit aber könne es der SVR „nicht besser machen“. Dass die Wege zur nächsten Haltestelle in Oberwöhr länger sind als die sonst üblichen 500 Meter, weiß Töppel. Ähnliche Folgen der Ausfälle gebe es in Pfaffenhofen und auch in Kolbermoor, wo die Siedlung im Norden nicht angefahren werde.

Veränderte Lebensrealitäten der Menschen

Kritisch blickt der SVR-Geschäftsführer auf die Zeit nach der Corona-Krise. Die Ideen aus dem fortgeschriebenen Nahverkehrsplan ließen sich nicht mehr realisieren. Die Lebensrealitäten der Menschen hätten sich in den Wochen der Pandemie zu sehr verändert. „Es gibt so viele Fragezeichen“, sagt Töppel, das kann niemand mehr überblicken.“

Gespräche sollen Lösung bringen

Auf die Problematik hingewiesen hatte die Stadtratsfraktion der Grünen während der jüngsten Haupt- und Finanzausschuss-Sitzung. Dort hatte Franz Opperer die Situation angesprochen und einen Bericht darüber eingefordert, „wie es mit dem ÖPNV in Rosenheim weitergehen soll“. März sagte, es gebe Überlegungen für ein ganz neues Fahrplankonzept. Man sei im Gespräch, „enger als das bisher vielleicht der Fall war“. Auf den Hinweis der Grünen-Stadträtin Sonja Gintenreiter, dass gerade Nutzer mit einer Jahreskarte nun benachteiligt seien, versprach Pressesprecher und Wirtschaftsdezernent Thomas Bugl sich des Themas anzunehmen.

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Das Herz der alten Dame in Oberwöhr ließe sich mit einer raschen Lösung sicher gewinnen. Und wohl auch vieler anderer alter Menschen. Denn: „Wie mir geht es vielen Senioren hier draußen“, sagt die 80-Jährige.

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