100 Tage im Amt: So hat die neue Aufgabe das Leben des Rosenheimer OBs Andreas März verändert

Angekommen: Oberbürgermeister Andreas März sitzt an seinem Schreibtisch. In seinem Büro hat sich seit dem Auszug von Amtsvorgängerin Gabriele Bauer kaum etwas verändert. Schlecker
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Angekommen: Oberbürgermeister Andreas März sitzt an seinem Schreibtisch. In seinem Büro hat sich seit dem Auszug von Amtsvorgängerin Gabriele Bauer kaum etwas verändert. Schlecker
  • Anna Heise
    vonAnna Heise
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Seit 100 Tagen ist Rosenheims Oberbürgermeister Andreas März im Amt. 100 Minuten für ein Gespräch hat er nicht. Sein Terminkalender ist voll. 60 Minuten Zeit nimmt er sich trotzdem. Zeit für einen Spaziergang durch die Stadt – und für ein Gespräch darüber, wie die neue Aufgabe sein Leben verändert hat.

Rosenheim– Andreas März (47) steht neben dem Marktfrauen-Brunnen am Ludwigsplatz. Die Ärmel seines hellblauen Hemdes sind hochgekrempelt. Er trägt Jeans, dazu graue Sneakers. Gelassen und mit einem Lächeln blickt er in die Kamera. An Fototermine hat er sich gewöhnt, seit den Tagen, als Rosenheim als Corona-Hotspot bundesweit bekannt wurde. Und März einen Medienauftritt nach dem anderen absolvieren musste.

Ein Titel, der viele Veränderungen bringt

Er hat Tritt gefasst als Oberbürgermeister. Und er mag, was er tut. Das betont er immer wieder. „Ich bin genau da, wo ich schon immer hinwollte.“ Er schweigt einen Moment lang. So, als ob er die Worte wirken lassen will. Zwei Männern, die an ihm vorbeigehen, nickt er kurz zu. Am Würstlstand ruft ihm der Verkäufer „Griaß di, Andi“ hinterher. Eine Frau dreht sich um, lächelt schüchtern in seine Richtung, sagt „Hallo Herr Oberbürgermeister“.

Die Menschen der Stadt erkennen ihn. Dass sie ihn ansprechen, von ihren Sorgen und Problemen erzählen: Das ist längst Normalität im Leben des Andreas März. Er ist eben nicht mehr nur „der Andi“, er ist jetzt auch Oberbürgermeister.

Jeans, Hemden und Anzüge

Ein Titel und eine Aufgabe, die viele Veränderungen in sein Leben gebracht haben. „Das fängt schon damit an, dass ich mir überlegen muss, was ich anziehe“, sagt er. Kurze Hose und T-Shirts für einen Samstagvormittag in der Stadt mit seinen Kindern seien mittlerweile keine Option mehr. Er setzt auf Jeans, Hemden oder Anzüge. „Das hätte ich früher vielleicht ein bisschen anders gemacht.“

Zwölf Jahre lang Geschäfte der Bizz‘up GmbH geleitet

Wenn er von früher spricht, meint er die Zeit vor der Politik. Damals, als er Familie und Beruf noch mühelos unter einen Hut gebracht hat. Er steht vor der großen, schwarzen Tür am Salzstadel 2 Von hier aus hat er in den vergangenen zwölf Jahren die Geschäfte der Bizz‘up GmbH geleitet.

Alte Wirkungsstätte: Zwölf Jahre lang hat Andreas März die Geschäfte der Bizz‘up GmbH“ geleitet.

2013 beginnt seine politische Karriere als Stadtrat. Es folgen Ausschusssitzungen am Abend, die Treffen mit verschiedenen Aufsichtsräten. Es war ein Vorgeschmack auf das, was er heute lebt: lange Abende im Büro, Veranstaltungen, Pressekonferenzen. Seine Anwesenheit wird an vielen Orten erwartet, seine Meinung ist gefragt.

Keine geregelten Arbeitszeiten

Aber der Preis ist hoch. „Es ist schwer, das Familienleben aufrechtzuhalten. Das gelingt mir nicht wirklich gut“, sagt er. Geregelte Arbeitszeiten gibt es seit seinem Amtsantritt vor 100 Tagen nicht mehr. „Meine Kinder und meine Frau finden das nicht so toll. Auch wenn sie natürlich stolz auf mein neues Amt sind. Ohne die jahrelange Unterstützung meiner Familie wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin.“

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Aber es komme eben trotzdem immer wieder vor, dass sie ihn fragten, ob er wirklich ins Büro müsse, wann er endlich nach Hause komme. Es ist genau diese eine Sache, die ihm schwerfällt: Freiräume zu schaffen. Für die Familie, für Freunde und für sich selbst. Weil er im Moment seine gesamte Energie und Zeit ins Amt steckt.

Auch Sonntag im Büro

Sein Tag im Büro beginnt um 7.30 Uhr. Die Abende gehören den Sitzungen und Außer-Haus-Terminen – manchmal geht das so bis spät in die Nacht. Auch am Sonntag fährt er ins Rathaus. „Da habe ich meine Ruhe und kann nachdenken“, sagt er.

Er beantwortet E-Mails, liest seine Post und bereitet sich auf den nächsten Tag vor. Dann sitzt er an seinem Schreibtisch. In seinem Büro,in dem sich seit dem Auszug von Amtsvorgängerin Gabriele Bauer kaum etwas verändert hat. Hier legt er keinen Wert auf seine eigene Handschrift.

Oberbürgermeister zum Anfassen

Anderswo sehr wohl. Etwa im Rathaus selbst. Transparenter soll es zugehen, es soll „offensiver mit unangenehmen Themen“ umgegangen werden.

März will ein „Oberbürgermeister zum Anfassen sein“. Fast täglich ist er deshalb im Rathaus unterwegs, bringt die unterschriebenen Bebauungspläne selber ins Stadtplanungsamt. „Ich fühle mich unter meinen Dezernenten als Kollege“, sagt März.

März will die Richtung vorgeben

Er sei keiner, der hinter dem Schreibtisch sitze und Anweisungen gebe. Er hilft lieber selbst mit, auch um die Richtung vorzugeben.

„Ich habe Oberbürgermeister nicht gelernt. Keiner hat mir gezeigt, wie es geht. Ich muss mich also selber anlernen.“ Dass er dafür auch Kritik erntet, damit kommt er klar. Er könne unterscheiden, ob die Kritik an ihn als Person gerichtet ist oder an ihn als Oberbürgermeister.

Kritik für die Zusammenarbeit mit der SPD

Er nennt als Beispiel die Zusammenarbeit mit der SPD. Eine Entscheidung im Nachgang der Wahl, für die er stark kritisiert worden war – auch aus den eigenen Reihen. Trotzdem habe er seinen Willen durchgesetzt, weil er jemand sei, den die Meinung anderer nicht aus der Bahn werfe. Was ihm die Kritiker durchaus nicht nur positiv auslegen. Bereut hat er das Bündnis mit den Sozialdemokraten, zu dem auch Lars Blumenhofer von der FDP gehört, nicht. „Die Zusammenarbeit mit der SPD funktioniert hervorragend“, sagt er.

Generell sei der Umgang im Stadtrat „anständig“, auch bei kontroversen Themen. Das Miteinander sei nie beleidigend oder polemisch, nie „unter der Gürtelline“. Auch das sei eine Sorge gewesen – wie die Arbeit im Stadtrat mit der AfD und dem „Bündnis für Rosenheim“ funktionieren würde.

Kein Besserwisser, kann Fehler zugeben

Diese Harmonie hält er sich zum Teil selbst zugute. Grund sei seine Art. Er sei eben nicht einer, der alles besser wisse. Er könne Fehler zugeben, könne für gescheiterte Pläne Verantwortung übernehmen. Ganz gleich, ob er für die Menschen in Rosenheim nun „der Andi“ ist. Oder der „Herr Oberbürgermeister“.

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