HISTORISCHER STADTKALENDER

Symbol des „Gewerbefleißes“

Das Januar-Blatt des Kalenders zeigtdas Wohn- und Geschäftshaus in der Münchener Straße um das Jahr 1910.  stadtarchiv
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Das Januar-Blatt des Kalenders zeigtdas Wohn- und Geschäftshaus in der Münchener Straße um das Jahr 1910. stadtarchiv

Der historische Stadtkalender „Bilder aus Alt-Rosenheim“ setzt jeden Monat eine historische Aufnahme in einen geschichtlichen Zusammenhang und gehört damit seit Jahren zu den beliebtesten Veröffentlichungen zur Stadtgeschichte. Das Januar-Blatt 2018 zeigt das Wohn- und Geschäftshaus Münchener Straße 12 um 1910.

Rosenheim – Ende 1896 begann die Münchner Baufirma Karl Stöhr mit der Errichtung des letzten Teils des Gillitzer-Blocks, den Häusern Münchener Straße 10 und 12. Das Eckhaus Nr. 12 sollte zu einem besonderen Blickfang werden: Karl Stöhr hatte einen fünfstöckigen Bau mit imposanter Dachkuppel entworfen. Nach Einwänden des Stadtmagistrats wurde die Planung jedoch auf vier Stockwerke reduziert.

Im Dezember 1897 konnte das Haus Münchener Straße 12 bezogen werden. Die Obergeschosse enthielten großbürgerliche Wohnungen und eine Zahnarztpraxis. Den größten Teil des Erdgeschosses hatte der Rosenheimer Gewerbeverein angemietet, der hier eine Gewerbehalle eröffnete, wo örtliche Industrie- und Handwerksbetriebe ihre Produkte ausstellen und verkaufen konnten.

In die neue Einrichtung setzte das Rosenheimer Gewerbe große Erwartungen. „Fremden und Einheimischen soll sie ausweisen, was der Gewerbefleiß Rosenheims zu leisten vermag“, äußerte Rechtsrat Franz Kürzinger in Vertretung von Bürgermeister Josef Wüst bei der Eröffnungsfeier der Gewerbehalle im Hotel „Deutscher Kaiser“.

Aus der Gewerbehalle wurde ein Kaufhaus

Allerdings bleib der Erfolg aus, was sich auch nach diversen Werbeaktionen nicht besserte. „Schon sehr bald nach der Eröffnung des Geschäftsbetriebes in der Gewerbehalle musste man die Überzeugung gewinnen dass der Verkauf ausgestellter gewerblicher Erzeugnisse flau von Statten gehe und keineswegs günstige Geschäftsabschlüsse zu verzeichnen waren“, bilanzierte der „Rosenheimer Anzeiger“, als der Gewerbeverein im März 1899 die endgültige Schließung der Gewerbehalle beschloss. In den Räumen eröffnete nun das Herren- und Knabenbekleidungsgeschäft „Zum Tiroler“. Auf dieses folgte ab etwa 1907 das Kaufhaus von Wolfgang Wilhelm. 1911 übernahm Karl Purucker das Kaufhaus und führte es unter dem Namen Wilhelm weiter. Mit dem Werbespruch „Bei Wilhelm ist gut einkaufen“ entwickelte sich das Geschäft in den folgenden Jahrzehnten zu einer der wichtigsten Rosenheimer Einkaufsadressen.

1957 übernahm die Firma Karstadt das Kaufhaus Wilhelm und ließ das Gebäude tiefgreifend umbauen. Die mächtige Kuppel wurde abgetragen und die Fassade vollständig vereinfacht und modernisiert. Der Umbau bildete den ersten massiven Eingriff in die einstige Geschlossenheit des Gillitzer-Blocks. Gut zehn Jahre später, 1968, beschloss der Karstadt-Konzern, das Haus Münchener Straße 12 und drei Nachbargebäude vollständig abzubrechen, um hier ein neues Warenhaus zu errichten. Das 1970 fertiggestellte Kaufhaus stand mit seiner kompromisslos modernen Fassade nun in krassem Gegensatz zur gründerzeitlichen Pracht der unmittelbar angrenzenden Gillitzer-Bauten. Mitte der 1990er-Jahre wurde das Kaufhaus erneut umgebaut und erweitert.

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