Fahrt ins Ungewisse: ÖPNV in Rosenheim steckt tief in der Krise

Die Fahrgäste fehlen:Aus Angst vor Ansteckung mit Corona meiden viele Rosenheimer die Fahrt mit dem Bus. re
  • Ilsabe Weinfurtner
    vonIlsabe Weinfurtner
    schließen

Die Fahrgastzahlen sind niedrig, die finanziellen Verluste groß: Der Stadtverkehr Rosenheim steckt in der Krise. Ein Ausweg ist derzeit nicht in Sicht.

Rosenheim – Der Busverkehr in Rosenheim steckt tief in der Krise. Aus Sorge vor Ansteckung bleiben die Kunden weg, mit jedem Tag fährt die „Stadtverkehr Rosenheim GmbH“ (SVR) ein neues Minus ein. Unter den Stadträten mehren sich derweil die Stimmen, die laut über eine Alternative zum eigenwirtschaftlichen Betrieb des Öffentlichen Personennahverkehrs in Rosenheim nachdenken. Immerhin: Für den abgehängten Stadtteil Oberwöhr gibt es Hoffnung.

Auslastung liegt bei zehn bis 15 Prozent

Mit Beginn der Corona-Krise sind die Fahrgastzahlen des SVR stark eingebrochen. In den vergangenen Wochen hat sich die Situation zwar ein wenig entspannt. Doch noch liegt die Auslastung der Busse lediglich bei zehn bis 15 Prozent. Die Einnahmen decken nicht einmal die Fixkosten. Grund dafür ist zum einen der geltende Notfallfahrplan mit ausgedünnten Linien. Aber zum anderen auch die Angst der Fahrgäste, sich auf engem Raum mit dem Coronavirus zu infizieren.

Lesen Sie auch: Eine Verkehrswende, die eigentlich keiner will: Dort dem Rosenheimer Busverkehr das Aus?

Wie weit verbreitet diese Furcht ist, belegt eine Untersuchung der Deutschen Automobil Treuhand (DAT). Sie kommt in ihrem DAT-Barometer zu dem Ergebnis, dass Autofahrer im April im Schnitt rund 25 Prozent weniger Kilometer gefahren sind als üblicherweise in einem Monatsschnitt. Sie beruft sich dabei auf eine „repräsentative GfK-Umfrage unter Pkw-Haltern“. 

Anrufsammeltaxi ist nicht für alle eine Alternative

Doch einen Umstieg auf den ÖPNV habe das nicht zur Folge gehabt. Ganz im Gegenteil würden zwölf Prozent der Haushalte darüber nachdenken, ein weiteres Auto anzuschaffen, um der Gefahr einer Ansteckung aus dem Weg gehen zu können. In Summe hätten 77 Prozent der Befragten angegeben, den ÖPNV „deutlich weniger“ zu nutzen und das auch künftig nicht tun zu wollen. Mitgezählt sind dabei allerdings all jene, die das Angebot noch nie genutzt haben.

Lesen Sie auch: Überall Abstand, nur im Schulbus nicht? Lehrer und Eltern in der Region machen sich Sorgen

In Rosenheim jedenfalls sorgt die Situation für andauernden Gesprächsstoff zwischen der Stadt, der Rosenheimer Verkehrsgesellschaft (RoVG), die Aufgabenträger ist, und Ingmar Töppel, dem Geschäftsführer des SVR. Gemeinsam arbeite man an einem neuen, flächendeckenden Fahrplan-Konzept und hoffe, dieses im Herbst vorstellen zu können, sagte Oberbürgermeister Andreas März (CSU) während der jüngsten Stadtratssitzung. Noch aber betreibe man „Krisenmanagement“.

Welche Auswirkungen der Notfallfahrplan hat, zeigt sich in Oberwöhr. Dort wird die Haltestelle Turner/-Burgweg nicht mehr angefahren. Sehr zum Leidwesen gerade alter Menschen, die Alternativen, etwa ein Taxi, nicht leisten können. Auch das Anrufsammeltaxi sei „teuer, teurer als der Bus“, mahnte Franz Opperer, der Fraktionsvorsitzende der Grünen. Für ihn steht fest: „Zum neuen Schuljahr muss der ÖPNV da sein, wo wir vor Corona waren.“ Am heutigen Freitag, sagte März, werde es ein Gespräch geben, um eine Lösung für den Rosenheimer Stadtteil zu finden.

Mehr Fußgänger als ÖPNV-Nutzer

Wie dringend der Reformbedarf in Rosenheim ist, zeigen offensichtlich Frequenzmessungen, die die Stadt an verschiedenen Standorten durchführt. Demnach nimmt die Zahl der Fußgänger wieder zu, die Nutzer des ÖPNV aber bleiben nach wie vor weg. Für die Stadt ein klares Signal, dass die Menschen den Busverkehr „aus diversen Gründen zurückhaltend nutzen“.

Schon mit der Fortschreibung des Nahverkehrsplans hatte sich gezeigt, dass Linienführung und Takt stark geprägt sind von der Eigenwirtschaftlichkeit des SVR. Dieses Modell zu überdenken hatte jüngst der Rosenheimer SPD-Fraktionschef Abuzar Erdogan angeregt. Im Stadtrat sprach nun auch Franz Lukas (Grüne) davon, dass der SVR eine „neue Struktur“ brauche, weil die Eigenwirtschaftlichkeit „ein fragiles Konzept“ sei. bw

Kommentare