Spielen als Sucht

Das Spielen an den bunten, blinkenden Automaten wird schnell zur Sucht. Foto dpa
+
Das Spielen an den bunten, blinkenden Automaten wird schnell zur Sucht. Foto dpa

21 Spielhallen mit 224 Glücksspielautomaten gibt es im Stadtgebiet Rosenheim. Auf ihren Werbetafeln locken die Betreiber mit Spaß und dem großen Gewinn.

So manch einer kann davon gar nicht genug bekommen - der Kick am Automaten wird zur Sucht. So mancher verzockt dabei sein ganzes Leben.

Rosenheim - Laut Landesstelle für Glücksspielsucht gibt es alleine in Bayern über 28000 pathologische Glücksspieler. Für sie wird das alltägliche Zocken zum Albtraum: Statt Anerkennung und Reichtum beschert es ihnen den sozialen Abstieg und den finanziellen Ruin.

"Ich war ein Zocker", gesteht Michael Trojan aus dem Raum Rosenheim, der unter diesem Pseudonym zwei Bücher über seine Automatenglücksspielsucht geschrieben hat. "Im Großen und Ganzen war es immer dasselbe: so lange spielen, bis man gewinnt", sagt er. Das Gefühl, ein Spieler auf der Überholspur zu sein, sei jedoch trügerisch: Trotz täglicher Gewinne überwögen die Ausgaben. Obwohl man ständig pleite sei und oft über das Aufhören nachdenke, komme man kaum mehr los.

"Spielen ist ein Grundbedürfnis des Menschen, das ihm hilft, die Welt zu entdecken", erklärt die Leiterin der Fachstelle Glücksspielsucht in der Fachambulanz für Suchterkrankungen des Diakonischen Werkes Rosenheim, Angelika Schmedding. Automatenbetreiber knüpfen daran an: Glücksspiel wird mit positiven Begriffen und Gefühlen assoziiert - die bunten, blinkenden und klingelnden Automaten sprechen viele Sinne an, werden als interessant erlebt. Dem Spieler geht es nicht um finanziellen Gewinn, sondern um den emotionalen Kick. "Problematisch ist besonders, wenn Spieler gleich zu Anfang viel gewinnen. So werden sie regelrecht angefixt", sagt die Diplom-Sozialpädagogin.

"Man gewinnt ein bisschen was, man verliert ein bisschen was, und dann kommt das Schlimmste: Der Automat gibt Freispiele oder höhere Gewinne heraus", erklärt Autor Trojan das Prinzip. Das passiere aber nicht aus Zufall, sondern ganz gezielt, "weil kein normaler Mensch aufhört, wenn er immer höhere Gewinne erzielt." Doch das Computersystem betrüge sich niemals selbst - Runde für Runde geht das Geld wieder verloren, bis alles verspielt ist.

Zwar müssen die Spielhallenbetreiber die Auflagen nach dem Glücksspielstaatsvertrag einhalten, um überhaupt eine Genehmigung zu bekommen, wie man von Seiten der Stadt Rosenheim erklärt. Dazu gehörten etwa technische Vorkehrungen an den Geräten, die den Gewinn und Verlust pro Stunde begrenzen. Doch komplett verwehren könne man sich als Kommune gegen die Spielhallen nicht - aufgrund des Grundrechtes der Berufsfreiheit, wie es heißt.

"Glücksspiel hat sich in den vergangenen Jahren als äußerst lukratives Geschäft für die Betreiber entwickelt", sagt Suchtberaterin Schmedding und betont, dass auch andere kräftig mitverdienen: Jährlich fünf Milliarden Euro an Steuern nimmt der Staat durch die Glücksspielbranche ein - das sind etwa 1,1 Prozent der Gesamtsteuereinnahmen. Im Umkehrschluss bedeutet dass, das immer mehr Betroffene immer mehr Geld an den Automaten verlieren. In den ersten fünf Jahren seit ihrem Bestehen hat die Rosenheimer Beratungsstelle rund 500 Personen betreut. Davon sind etwa 70 Prozent Betroffene, 30 Prozent Angehörige. Schmedding spricht von einer ständigen Zunahme der Zahlen. Im Durchschnitt habe ein süchtiger Spieler rund 30000 Euro Schulden.

"Jeden verdammten Tag habe ich mein hart erarbeitetes Geld in eine Maschine gesteckt, die nur andere bereichert", beschreibt Trojan seine baldige Einsicht. Doch einfach aufzuhören schaffte er nicht: "Lieber läuft man vor dem eigenen Problem weg, als sich ihm zu stellen."

Das kennt auch Suchtberaterin Schmedding. Vielen Betroffenen falle es schwer, sich die Sucht einzugestehen. Dazu komme, dass Spielsüchtige oft überdurchschnittlich intelligent seien und sehr hohe moralische Maßstäbe hätten. "Sie wissen genau, was sie da tun und hadern mit sich, doch schaffen es trotzdem nicht raus." Außerdem zeichneten sich die Betroffenen durch hohe soziale Kompetenz und große Leistungsbereitschaft aus - arbeiten also viel, leben intensiv und haben hohe Ansprüche, insbesondere an sich selbst. Die Glücksspielsucht ist für sie Rückzugsmöglichkeit, gleichzeitig aber ein ganz bewusst wahrgenommener Makel. Bisher ehrliche Menschen beginnen zu lügen, um den Gang in die Spielothek und das verlorene Geld zu verheimlichen. "Wegen dieses Dilemmas ist die Suizidgefahr bei Spielsüchtigen besonders groß", sagt sie.

Der Weg aus der Sucht ist nicht leicht, aber möglich. Während Buchautor Trojan in seinen Ratgebern Tipps aus seinen eigenen Erfahrungen gibt, setzt Schmedding auf die therapeutische Arbeit der Fachambulanz für Suchterkrankungen. Dort werden Einzel-, Paar-, Familien- und Gruppensitzungen für Betroffene und Angehörige angeboten. Neben dem Austausch in der Gruppe geht es ihr unter anderem um das Entdecken und Integrieren der Talente der Betroffenen. Sie seien oft hochbegabt, lebten aber nicht selten an den eigenen Fähigkeiten vorbei. Sie rät Spielsüchtigen - sofern sich das im Alltag realisieren lässt - möglichst wenig Geld bei sich zu tragen. Sie macht Betroffenen Mut: "Wir hatten schon viele Spieler, die es aus der Sucht heraus geschafft haben."

Kommentare