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Fitness-Influencerin zu Gast bei Veranstaltung „Wir müssen reden“ in Rosenheim

„Es ist wichtig, sich Hilfe zu holen“: Sophia Thiel über psychische Erkrankungen im Sport

Nach zwei Jahren Pause und einer diagnostizierten Essstörung spricht Influencerin Sophia Thiel Anfang Mai über psychische Erkrankungen im Sport in der Gaborhalle.
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Nach zwei Jahren Pause und einer diagnostizierten Essstörung spricht Influencerin Sophia Thiel Anfang Mai über psychische Erkrankungen im Sport in der Gaborhalle.
  • Anna Heise
    VonAnna Heise
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Rosenheim – Unter dem Motto „Wir müssen reden“ findet am Freitag, 6. Mai, in Rosenheim eine Veranstaltung zum Thema „Psychische Krankheiten im Sport“ statt. Mit dabei: Die Influencerin Sophia Thiel aus Rosenheim. Im Gespräch mit uns spricht sie vorab über ihre Auszeit, Leistungsdruck und wie wichtig es ist, eigene Schwächen zuzugeben.

Was macht der Leistungsdruck mit Ihnen?

Sophia Thiel : „Gerade vor meiner Auszeit hatte ich extrem hohe Ansprüche an mich selbst. Ich dachte immer, dass ich das ganze Jahr über so aussehen muss wie auf der Wettkampfbühne. Ich wollte nicht akzeptieren, dass so eine Ernährungsweise nicht haltbar und vor allem nicht gesund ist. Für mich gab es damals nur Vollgas oder gar nichts. Aber das Leben sollte kein Sprint sein, sondern eher ein Marathon, damit man langfristig glücklich und zufrieden ist mit dem was man tut – auch im sportlichen Bereich.“

Können Sie sich Schwächen eingestehen?

Thiel: „Bis kurz vor meiner Auszeit hätte ich mir niemals Schwächen eingestanden. Ich dachte immer, dass man als Vorbild unfehlbar sein muss. Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und fand das ganze Theaterspielen gerade in den Sozialen Medien veraltet. Heute ist es mir wichtig, Realität zu zeigen, egal wo. Jeder Mensch hat sein Päckchen zu tragen. Ich habe mittlerweile kein Problem mehr damit, mir Schwächen einzugestehen, weil es mich menschlich macht. Zudem sehe ich meine Schwächen nicht mehr als persönliches Versagen. Die Schwächen gehören genauso zu mir wie meine Stärken. Schwächen nicht zuzugeben, schadet einem oft nur selbst.“

2019 sind Sie komplett von der Bildfläche verschwunden. Wie schwer war diese Entscheidung?

Thiel: „Das war die schwierigste, aber auch die wertvollste Entscheidung, die ich je getroffen habe. In den zwei Jahren habe ich mich kennengelernt, wie in all den ganzen Jahren zuvor nicht. Es war teilweise sehr schwer, weil ich lernen musste, mit mir alleine zu sein. Und das kann manchmal sehr unbequem sein. Aber ich habe daraus unheimlich viel gelernt und Stabilität gewonnen. Heute geht es mir umso besser.“

Wie schwer war es, sich einzugestehen, dass Sie Hilfe brauchen?

Thiel: „Es war nicht einfach. Ich habe mich wie eine Versagerin gefühlt und mich wahnsinnig geschämt. Aber jetzt bin ich mit mir selbst zufrieden und langfristig glücklich mit dem, was ich tue. Mein Päckchen hat sich über die Jahre immer weiter aufgebaut. Seit 2015 hatte ich schon die ersten Signale und 2019 konnte ich nicht mehr. 2020 habe ich dann beschlossen, mir helfen zu lassen. Das war eine total wichtige Entscheidung. Ich habe mir lange eingeredet, dass ich es alleine schaffe und niemanden brauche. Dadurch habe ich viel Zeit und Nerven verloren. Durch die Therapie habe ich sehr schnell Besserungsschritte machen können. Ich bin ein absoluter Fan von Psychotherapie und kann das jedem empfehlen. Wenn man sich ein Bein bricht, geht man auch zum Arzt. Aber wenn es einem mit der Psyche nicht gut geht, versucht man immer, sich selber zu heilen. Das mag vielleicht manchmal funktionieren, aber in meinem Fall eben nicht mehr.“

Wie weit verbreitet sind psychische Krankheiten im Sport?

Thiel: „Der Druck im Sport und die hohen Leistungsansprüche an sich selbst sind zum Teil eine schwierige und sehr sensible Kombination. Viele Sportler fallen beispielsweise, wenn die Wettkämpfe vorbei sind, in ein psychisches Loch. Von Bodybuildern weiß ich, dass beispielsweise viele Frauen nach den Extremdiäten Probleme hatten, in ein normales Essverhalten zurückzufinden.“

Und doch sprechen immer noch zu wenig Menschen – anders als Sie – über psychische Erkrankungen.

Thiel: „Mir fällt es mittlerweile sehr leicht, darüber zu sprechen. Es ist mir sehr wichtig, über physische Erkrankungen und über meine persönlichen Erfahrungen zu sprechen. Ich will, dass andere Menschen es besser machen als ich damals. Ich habe viel Zeit mit Leid und Kummer verbracht und hätte eher eine Ausfahrt nehmen können.“

Aber sind psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft nicht nach wie vor stigmatisiert?

Thiel: „Ja. Das merke ich immer wieder in meinem Beruf. Bei dem Thema herrschen große Berührungsängste. Viele wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen und fassen einen dann mit Samthandschuhen an. Das finde ich sehr schade. Es sollte noch viel mehr darüber gesprochen werden – ganz offen und unverblümt. Nur wenn man mit der unbequemen Realität konfrontiert wird, kann man dem Thema die Schwere nehmen. Und viele würden dann vielleicht auch eine geringere Hemmschwelle haben, sich Hilfe zu holen oder sich helfen zu lassen.“

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass durch Leistungsdruck, Übertraining und zu wenig Entspannungsphasen häufig die Seele auf der Strecke bleibt. Was tun Sie, damit es Ihrer Seele gut geht?

Thiel: „Ich musste erst einmal lernen, alleine zu sein. Wenn man sich damit schwertut, alleine zu tun, versucht man natürlich, dass zu vermeiden und sich auch abzulenken – von sich selbst, aber auch von seinen eigenen Themen. Es ist ein Unterschied, ob man alleine oder einsam ist. Ich finde, alleine zu sein, ist etwas sehr Gutes und Wertvolles. Ich gehe wahnsinnig gerne Eis-baden. Das ist meine Art der Meditation. Natürlich ist Training für mich auch ein Teil der Auszeit und macht mir auch sehr viel Spaß. Aber es ist auch laut und hektisch und weniger entspannend. Zum Ausgleich mache ich Yoga zuhause und kümmere mich um mich selbst – mit Massagen oder Wellness.“

Warum sollten Menschen zu der Veranstaltung „Wir müssen reden“ kommen?

Thiel: „Ich denke, dieses Event wird sehr vielen Menschen helfen. Jeder Mensch durchläuft einmal eine schwierige Phase und hat mit sich selbst zu tun und seinen Verhaltensmustern. Je mehr man sich damit auseinandersetzt und je mehr man versteht, wie viele Parallelen es zu den unterschiedlichsten Menschen mit dem gleichen Päckchen gibt, desto eher versteht man, dass man nicht alleine ist. Das entlastet.“

Ihr Rat für Menschen, die im Moment mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben?

Thiel: „Es ist wichtig, sich frühzeitig Hilfe holen und sich nicht dafür zu schämen. Man sollte mit Leuten darüber sprechen und sich anderen Menschen gegenüber öffnen. Ich habe das damals auch gemacht, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal wusste, dass ich eine Essstörung habe. Aber es hat mir so enorm geholfen und ich hab so viel positive Resonanz darauf bekommen. So kommt der Stein ins Rollen. Nicht den Kopf hängen lassen, für sein Glücklichsein kämpfen, Hilfe in Anspruch nehmen um die Zukunft schöner, gesünder und glücklicher zu gestalten.“

Die Veranstaltung „Wir müssen reden – psychische Krankheiten im Sport“ findet am Freitag, 6. Mai, um 18 Uhr in der Gaborhalle in Rosenheim statt. Mit dabei ist neben Sophia Thiel auch Teresa Enke, Ehefrau des verstorbenen Fußball-Nationaltorhüters Robert Enke und Vorstandsvorsitzende der Robert-Enke-Stiftung. Moderiert wird die Veranstaltung von Sportjournalist Robert Reng. Eintrittskarten sind im Vorverkauf unter www.blsv-rosenheim.de und www.eventim.de erhältlich. Ein Teilerlös kommt der Robert-Enke-Stiftung zugute.

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