Ein Sommer ohne Hoffnung

Eine Alternative:Mit ihrem Wagen steht Claudia Horländer (47) auf dem Grünen Markt in Rosenheim. Sie verkauft Schmalzgebäck. Geyer

Weil wegen Corona Feste und Märkte abgesagt sind, bleibt der Terminkalender von Schaustellerin Claudia Horländer derzeit leer. Sie versucht sich zu helfen

Rosenheim – „Mein erster Sommer in Rosenheim.“ sagt Claudia Horländer (47). Das klingt zunächst merkwürdig, schließlich stammt sie aus Rosenheim. Den Sommer aber hat sie hier noch nie erlebt. Denn Hörländer ist Schaustellerin und zieht im Sommer über Volksfeste und Märkte. Die Corona-Krise hat sie nun dazu gezwungen, die warmen Monate in Rosenheim zu verbringen. Denn vorerst bis 31. August sind alle Großveranstaltungen verboten.

Der Terminkalender ist leer

Es sind Volksfeste und Märkte, auf denen Claudia Horländer und ihr Mann typischerweise mit ihrem Wagen stehen. Längst aber ist ihr Terminkalender ausgedünnt, denn aufgrund der Corona-Krise sind die Märkte in Wasserburg, Oberaudorf und Neubeuern sowie der verkaufsoffene Sonntag in Rosenheim bereits ausgefallen. Auch das Frühlingsfest in Deggendorf hat das Schaustellerpaar notgedrungen gestrichen. Der Sommer gilt als Hochzeit für Schausteller, ab Ende September ist die Saison vorbei.

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Zwar geht Claudia Horländer mit ihren Schmalzkuchen auch auf den Weihnachtsmarkt, aber für ihren zweiten Stand, das Motodrom Derby, ist es dann zu spät. Der Stand war bereits für die Saison vorbereitet, dann machte Corona alles zunichte. Nach wie vor ist der Wagen nun in seinem Winterdepot eingelagert. Auch für dieses zweite Standbein von Claudia Horländer sind alle relevanten Termine abgesagt.

Nicht einfach, wenn man sich eigentlich immer zu helfen weiß, und nun plötzlich dazu verdammt ist, nichts zu tun. Claudia Horländer könnte am Boden zerstört sein. Aber sie sagt: „Ich bin nicht der Typ, der aufgibt.“

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Ein erster Schritt ist gemacht. Sie hat Kontakt zur Stadt Rosenheim aufgenommen, steht nun die dritte Woche am Grünen Markt in Rosenheim und verkauft aus ihrem Wagen Schmalzgebäck. Ob sich diese Alternative rechnet und wie hoch ihre finanziellen Einbußen aufgrund der vielen Festabsagen tatsächlich sind, dazu will sie sich nicht äußern. Nur so viel: „Nein, vergleichbar mit den Volksfesten oder Märkten ist es auf keinen Fall.“ Ihre Devise ist weiterzumachen und geschäftlich irgendwie zu überleben, trotz Blessuren.

Gutes Miteinander beim Grünen Markt

Aus ihrer Sicht ist es ohnehin ein Irrglaube, dass man als Schausteller leicht Geld verdienen könne, sagt Horländer. Als Schaustellerin müsse man viel improvisieren und zupacken. Die Wenigsten würden sehen, wie viel Arbeit hinter jedem Schausteller-Fahrgeschäft stecke: Logistik, Wareneinkauf, die Koordination der Fahrzeuge, Personalplanung, Steuern.

Claudia Horländer kennt Rückschläge, etwa, wenn zwei Wochen Volksfest verregnet sind. Allzu zart besaitet dürfe man als Schausteller nicht sein, aber man lerne, wie man etwa mit aggressiven und alkoholisierten Kunden umgehe, sagt sie. In den vergangenen Jahren sei das Schaustellergeschäft insgesamt rauer geworden. Corona aber, das sei eine echte Vollbremsung.

Der Grüne Markt ist im Moment die einzige Möglichkeit für sie, Geld zu verdienen. Dass die Gastronomie nun wieder öffnen darf und die Schausteller weiterhin darben, ist für sie nicht nachzuvollziehen. „An meinem Stand könnte ich die Abstandsgebote und die Auflagen problemlos einhalten“, sagt Horländer. Im Moment bleibt ihr daher nur die Hoffnung, dass sich ihr Verkaufswagen herumspricht in der Stadt.

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Ihren Tagesablauf hat sie im Moment ganz anders gestaltet als vor Corona. Ab 8 Uhr steht sie am Ludwigsplatz, um 14 Uhr schließt sie dort, räumt auf und erledigt Bürokram. So früh Feierabend hatte sie früher selten. Auf den Volksfesten geht das Geschäft bis in die Nacht hinein. Meist sei sie nicht vor zwei Uhr morgens im Bett gelegen, sagt sie. Nach einer kurzen Nacht habe der nächste Tag dann in der Regel schon zwischen sieben und acht Uhr, wieder begonnen.

Was wird aus dem Weihnachtsmarkt?

Disziplin und Belastbarkeit sind es, die Claudia Horländers Berufsalltag normalerweise prägen – und ihr vermutlich derzeit helfen, um nicht aufzugeben, sich von der Corona-Krise nicht unterkriegen zu lassen. Schon ihre Eltern waren Schausteller, den Sommer über kam sie als Mädchen mit auf Tournee. Die ständigen Umzüge und Schulwechsel, die langen Arbeitszeiten der Eltern: ist das nicht schwierig für ein Kind? Im Gegenteil. Sie habe das Schaustellerleben schon als kleines Mädchen geliebt, sagt sie.

Was Horländer sehr freut, ist das gute Miteinander auf dem Grünen Markt. Dennoch: Die Sehnsucht nach Volksfesten und Märkten bleibt. Für diesen Sommer ist es das Thema durch. Nun ist der Rosenheimer Weihnachtsmarkt ihre Hoffnung, dass das Jahr noch ein gutes Ende nimmt. Sie hofft darauf, dass sie wenigstens dort ihren Stand aufbauen kann.

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