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Wie hoch der Schaden ist und wie Sie sich schützen können

70.000 Euro von „Mama“? So zocken Telefonbetrüger in der Region Senioren ab - So viele Opfer gibt es

Ältere Frau telefoniert und wird womöglich Opfer eines betrügerischen Schock-Anrufers
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Anrufe, die Furcht und Schrecken verbreiten: Schockanrufer zocken Senioren auch in der Region Rosenheim ab.
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Erst verbreiten sie Schrecken, dann zocken sie ab: Telefonbetrüger geben sich als Verwandte in Not aus, um dann Senioren abzuzocken. In der Region Rosenheim registriert die Polizei eine wahre Welle von Schockanrufen. Wie krass die Betrüger vorgehen. Und was Sie tun können.

Rosenheim – Es sind Anrufe, die jeder fürchtet. Die Anrufe, die einem verkünden, dass etwas Schlimmes passiert ist. Gerade noch war die Welt in Ordnung. Dann klingelt das Telefon. Am anderen Ende – Schluchzen und Weinen. Langsam fügen sich die Einzelteile zu einem Bild – und schlimmste Befürchtungen werden wahr: Ein Verwandter steckt in ernsten Schwierigkeiten.

So scheint es zumindest. Denn häufig ist die Nachricht nur eine dreiste Fälschung. Skrupellose Betrüger stecken hinter der Hiobsbotschaft. Martin Emig, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, spricht von „perfiden Anrufen“.

Mein Sohn steckt in Schwierigkeiten, ich muss helfen

„Mama, ich habe einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht. Eine Mutter von drei Kindern ist gestorben.“ So etwas erzählt die Stimme am andern Ende der Leitung. Und die Stimme baut dann Druck auf: „Die Polizei hat mich festgenommen. Ich muss 70 000 Euro Kaution bezahlen.“ Welche Oma, welcher Opa denkt sich dann nicht: Mein Sohn steckt in Schwierigkeiten, ich muss helfen?

Den Schrecken, dem solche Nachrichten auslösen, nutzen immer mehr Betrüger immer schamloser aus. Sie schocken ältere Menschen – und nehmen sie danach nach Strich und Faden aus. Zehntausende, manchmal Hunderttausende Euro erbeuten sie. Auch in der Region Rosenheim lassen Betrüger täglich Telefone klingeln.

Weit über 500 Fälle nur in der Region Rosenheim

Martin Emig nennt die Zahlen: „In Stadt und Landkreis Rosenheim sind bereits weit über 500 Fälle von Callcenterbetrug mit den Phänomenen ,Falsche Polizeibeamte‘ und ,Schockanruf‘ polizeilich bekannt geworden.“

Und die Welle wächst noch. Hauptkommissar Simon Bräutigam, im Bereich des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd einer der Fachberater in Sachen Telefonkriminalität, erhielt kürzlich von Kollegen einer Dienststelle Bericht: „Die bekamen innerhalb von zehn Minuten sieben Anrufe gemeldet.“ Was auch daran liegt, dass die Kriminellen einzelne Ortschaften regelrecht abgrasen - schließlich können sie ihre Geldabholer nicht flächendeckend in Deutschland stationieren.

Extrem trickreiches Vorgehen

Wie extrem trickreich und überzeugend die Verbrecher dabei vorgehen, belegt der Fall einer Seniorin aus dem westlichen Landkreis Rosenheim. Sie verlor Bargeld und Wertgegenstände im Wert von etwa 30 000 Euro.

Sie erhielt ihren Anruf, angeblich von ihrer Tochter. Nachdem die vollkommen aufgelöst von einem angeblichen Unfall berichtet hatte, übernahm ein Krimineller, der sich als Polizist ausgab, das Gespräch und setzte die Frau massiv unter Druck. 70 000 Euro Kaution – oder Gefängnis für die Tochter.

Die Kriminellen halten ihre Opfer über Stunden am Haken

„Durch äußerst geschickte Gesprächsführung“, so schildert es die Polizei, hielten die Kriminellen die Frau über mehrere Stunden in der Leitung, gaben ihr immer neue Anweisungen. Sie wurde in die Rosenheimer Innenstadt gelotst, wo sie einem völlig Unbekannten auf offener Straße über 15.000 Euro in bar übergab. Schließlich bestellten die Täter die Frau nach München, um ihr noch mehr Geld abzunehmen.

Auf der Heimfahrt Richtung Rosenheim beendeten die Anrufer das Telefonat. Die Tochter sei nun auf freiem Fuß. Erst zu Hause wurde der Seniorin der Schwindel bewusst. Sie erstattete Anzeige bei der Polizeiinspektion Bad Aibling. Wohl zu spät. „Die Hinterleute von Telefonbetrug sitzen im Ausland, etwa in der Türkei oder im Baltikum. Man kommt diesen Tätern kaum auf die Spur“, sagt Hauptkommissar Bräutigam.

Exponiert sind allerdings diejenigen, die als falsche Polizisten oder Gerichtsdiener von den Senioren das Geld für die angebliche Kautionen übernehmen. „Die erwischen wir manchmal“, sagt Bräutigam. Die Strafe ist hoch - bis zu fünf Jahre Gefängnis -, der Anteil der Beute allerdings auch. Bis zu 20 Prozent des ergaunerten Geldes fließt in die Tasche der Geldboten.

Furcht und Schrecken bringen Menschen um klare Gedanken

Die Masche mit der angeblichen Tochter oder dem Enkel ist ihm gut bekannt. Stets kommen im Laufe des Schockanrufs irgendwelche Vertreter der Gesetzes ins Spiel, seien es Polizeibeamte oder der Staatsanwalt. Im gut eintrainierten Zusammenspiel praktizieren die Kriminellen mit Schock und Furcht eine Taktik, die an militärische Angriffe erinnert. So kommt so mancher Senior nicht mehr dazu, einen klaren Gedanken zu fassen.

Der finanzielle Verlust ist das eine, aber auch der seelische Schaden wiegt schwer, sagt Bräutigam. „Die Menschen sind regelrecht traumatisiert“, sie schämten sich zudem, weil sie so naiv gewesen seien. Längst nicht alle Fälle werden angezeigt, vermutet er: „Die Dunkelziffer ist enorm.“

Aufklärung ist das beste Mittel

Am besten hilft offenbar Aufklärung. Es werden zwar immer häufiger Senioren von Betrügern angerufen. Mittlerweile reagieren viele potenzielle Opfer richtig und benachrichtigen unter Telefon 110 die echte Polizei. Mitunter rettet die angerufenen Senioren auch die Geistesgegenwart von Verwandten oder von Mitarbeiter ihrer Hausbank.

Jedoch: Von 100 Anrufen gelangen zwei an ihr Ziel, schätzt Bräutigam. Und das reicht, um reichlich Beute zu machen. Schon aufgrund der großen Zahl von Versuchen: „In richtigen Callcentern können die Hunderte von Telefonaten jeden Tag führen.“

Wie man sich gegen falsche Polizisten schützt

Die Polizei setzt auf Prävention durch Aufklärung. Sie rät Senioren: „Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen, auch nicht durch angeblich dringende Ermittlungen, etwa zu einem Einbruch in der Nähe.“ Auch auf „dringend zu bezahlende“ Kautionsforderungen solle man nicht eingehen. „Die Polizei fordert niemals Bargeld, Überweisungen oder Wertgegenstände, um Ermittlungen durchzuführen.“

Niemals solle man am Telefon Auskünfte über Hab und Gut, Bargeld und Wertgegenstände geben, auch sollte niemand in die Wohnung gelassen werden, der sehen will, wo man Geld oder Schmuck aufbewahrt. Wichtig: „Rufen Sie nie über die am Telefon angezeigte Nummer zurück, drücken Sie nicht die Wahlwiederholung.“ Vielmehr solle man auflegen und dann die 110 wählen.

Soll man versuchen, mit den Ganoven ins Gespräch zu kommen, sie gar zu überlisten? Keine gute Idee, sagt Hauptkommissar Bräutigam. Die Täter sind so abgefeimt, „da fällt man eher in die eigene Grube“.

Wichtig: Auch Kinder und Enkelkinder sowie Mitarbeiter von Banken sollten sensibel für Schockanrufe werden – und den Senioren beistehen, „ohne sie zu bevormunden“, rät Bräutigam.

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