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DER HISTORISCHE VEREIN PRÄSENTIERT DIE DOKTORARBEIT VON ISABEL LEICHT ALS BUCH

Schwieriger Weg des Gedenkens

Das 1963 errichtete Denkmal von Josef Hamberger am Kapuzinerweg. Darüber sagte 1979 der damalige Stadtrat Max Marey, auch Mitglied des Krieger- und Veteranenvereins: „Die Antennen lehnen wir ab.“  Biebel-Neu
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Das 1963 errichtete Denkmal von Josef Hamberger am Kapuzinerweg. Darüber sagte 1979 der damalige Stadtrat Max Marey, auch Mitglied des Krieger- und Veteranenvereins: „Die Antennen lehnen wir ab.“ Biebel-Neu

Denkmäler, die an Kriegstote erinnern, gibt es einige in der Stadt. An Gedenktagen werden Kränze niedergelegt und Reden gehalten. Ansonsten sind diese Denkmäler kaum im Bewusstsein der Bürger. Der Historische Verein Rosenheim hat jetzt die Doktorarbeit von Isabel Leicht unter dem Titel „Der Kriegstoten gedenken“ als Buch herausgebracht. Ein Teil dieser Arbeit beschreibt die Bemühungen des Rosenheimer Krieger- und Veteranenvereins, seine eigenen Vorstellungen über die angemessene Ehrung des „Heldenopfers“ der gefallenen Soldaten durchzusetzen.

Rosenheim – Die Autorin beschäftigt sich in ihrer Doktorarbeit mit lokalen Erinnerungskulturen in Rosenheim und Penzberg nach 1945. Bei der Präsentation des Buches im Hans-Schuster-Haus schilderte Dr. Leicht die schwierige Situation: „Die deutsche Nachkriegsgesellschaft befand sich in einem von der Forschung sogenannten ‚Gedenkdilemma‘. Als Rechtsnachfolger des deutschen Reiches war die BRD die Nation der Täter – und gleichzeitig hatten die Deutschen eigene Opfer zu beklagen.“ Wie die Gesellschaft der Überlebenden versuchte, dies zu lösen, ist eine der Grundfragen ihrer Dissertation. Beispielhaft analysiert sie dabei die lokalen Erinnerungskulturen in Rosenheim und Penzberg. Was ihre Heimatstadt Rosenheim angeht, konfrontiert Dr. Leicht die Leser mit einer bizarren Geschichte.

Mit der Kriegsgräberstätte im Friedhof gab es seit 1961 einen festen, zentralen Ort, an dem die Stadtgemeinschaft aller Kriegstoten gedachte: Soldaten, Fremdarbeiter, Zivilisten, Frauen, Kinder, Unbekannte. „Diese Toten gehören alle zu uns“, sagte der damalige Bürgermeister Dr. Albert Steinbeißer bei der Einweihung.

Der Krieger- und Soldatenverein hatte schon lange auf die Errichtung eines Kriegerdenkmals gedrängt.

Diese Anlage befriedigte jedoch nicht das Bedürfnis der Veteranen nach einer angemessenen Ehrung des „Heldenopfers“ der gefallenen Soldaten. Vereinsmitglieder, die auch ein Stadtratsmandat hatten, wandten sich immer wieder an die Stadtspitze, bis die Stadt einlenkte. 1963, also nur zwei Jahre später, wurde das zweite Denkmal errichtet, unter enger Einbindung des Veteranenvereins. Den künstlerischen Wettbewerb hatte der Rosenheimer Bildhauer Josef Hamberger gewonnen.

Doch die Veranstaltungen zum Volkstrauertag fanden nur zwei Jahre an diesem neuen Denkmal statt. Dann zog es die Abordnung des Krieger- und Veteranenvereins vor, ihrer Toten wieder an der Kriegsgräberstätte im Friedhof zu gedenken – an eben jenem Denkmal, das der Verein zuvor abgelehnt hatte. Ab 1977 begab sich auch die städtische Delegation wieder zur Kriegsgräberstätte im Friedhof und näherte sich damit ein zweites Mal den Veteranen an.

„Doch auch weiterhin behaupteten die Veteranen, es gebe kein Kriegsopfermal“, sagte Dr. Leicht bei der Präsentation des Buches. Sie zitierte den damaligen Stadtrat Max Marey, gleichzeitig Vereinsmitglied, mit dessen Worten von 1979: „Die Antennen lehnen wir ab.“ Marey meinte damit die schlanken, hoch aufragenden Kreuze des von Hamberger gestalteten Denkmals. Der Künstler hatte sein Werk Anfang der 1960er-Jahre mit den Worten vorgestellt: „Ich mache kein Mahnmal, kein Heldendenkmal. Ich habe keine Helden gesehen. Im Krieg sind alle jämmerlich gestorben.“

Erinnerung ist dynamisch

1985 schließlich erfüllte der Wirtschaftliche Verband den Wunsch der Veteranen. Ein anderes Gefallenenmal, nämlich das für die Toten des Ersten Weltkriegs an der Loretowiese, wurde restauriert und um die Namen der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten ergänzt. Abweichend von dem zu dieser Zeit schon allgemeinen Verständnis erinnert das Rondell seitdem an die Soldaten, die „Für das Vaterland den Heldentod fanden“.

Diese Geschichte sei, so betonte die Autorin, keine typische Provinzposse, auch kein schräger Einzelfall. Erinnerung sei dynamisch. Es gebe auf dem Feld der Erinnerungskultur nicht eine richtige Form, aber immer sage die Form der Erinnerung etwas über die Gesellschaft aus, die sich erinnere, betonte die Autorin des neuen Buches.

Zweiter Bürgermeister Anton Heindl bestätigte, man sei sich in Rosenheim über den richtigen Weg für eine würdevolle Gedenkkultur für alle Opfer des Krieges nie ganz einig gewesen. Ihm wäre es ein besonderes Anliegen, auch an die jüdischen Mitbürger und andere vom Nationalsozialismus Verfolgten zu erinnern. Dafür schlägt er eine Gedenktafel an einem öffentlichen Gebäude vor.

Die Vorsitzende des Historischen Vereins, Christiane Hufnagl, zeigte sich begeistert von dem Werk. Es rege zum Nachdenken an und erweitere den Blickwinkel, gerade in einer Zeit, in der junge Leute sich kaum noch mit einer solchen Thematik beschäftigten.

Musikalisch umrahmte das Jazztrio Prisma die Veranstaltung, dem praktischerweise auch Klaus Förg angehört, dessen „Rosenheimer Verlag“ das Buch herstellte.

Eine ausführliche Besprechung des Buches folgt.

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