Blick hinter die Kulissen

Schätze aus dem Rosenheimer Stadtarchiv: Was es mit der Nibelungenhandschrift auf sich hat

Diese Fragmente des Nibelungenliedes lagern im Rosenheimer Stadtarchiv.
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Diese Fragmente des Nibelungenliedes lagern im Rosenheimer Stadtarchiv.

Im Stadtarchiv Rosenheim werden mehrere Fragmente einer Nibelungenhandschrift verwahrt. Unter allen Handschriften bieten sie einzigartige Textvarianten des mittelalterlichen Epos um Kriemhild und Siegfried. Ein Einblick und ein Interview mit dem neuen Leiter Christopher Kast.

von Christopher Kast und Anna Heise

Rosenheim – Den berühmten Schatz der Nibelungen können heutzutage zwei bis fünf Spieler ab zehn Jahren heben. So die Anleitung zum Brettspiel „Nibelungen“ der Firma Amigo. Im Computerspiel „Ring der Nibelungen“ sollen die Spieler mal das Rheingold stehlen oder mal den Ring des Nibelungen entwenden.

Trinkfreudige Nibelungen?

Und auch im Bier- und Spirituosenhandel tummeln sich zahlreiche Nibelungen: Nibelungenbier, Nibelungen Gold (Whisky) oder Siegfried Rheinland Gin. Auch die Bayreuther Festspiele haben seit 2020 einen eigenen Whiskey: Brünnhilde, die durch ihr rauchig-süßes Aroma bestechen soll.

Rezeption setzt erst Mitte des 18. Jahrhunderts ein

Es könnte fast der Eindruck entstehen, die Nibelungen seien besonders trinkfreudig gewesen – Bier oder gar hochprozentiger Alkohol werden in der mittelalterlichen Heldensaga aber mit keinem Wort erwähnt. Die Rezeption der heute in vielen Bereichen so präsenten Heldensaga setzte erstaunlicherweise erst relativ spät ein – in der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Wiederentdeckung für rasanten Aufstieg verantwortlich

Erst die Wiederentdeckung zweier Nibelungen-Handschriften im Palast Hohenems im niederösterreichischen Vorarlberg in den Jahren 1755 und 1779 war maßgeblich für den rasanten Aufstieg der mittelalterlichen Heldensaga zum deutschen Nationalepos.

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Zu weltweitem Ruhm brachte es die Geschichte von Kriemhild und Siegfried aber erst auf der Opernbühne durch musikalische Verarbeitung in Richard Wagners „Ring der Nibelungen“. Die Faszination, die vom Epos um Siegfried, dessen Ermordung und die anschließende Rache durch Kriemhild ausgehen, ist ungebrochen.

Rechnungsbuch im Besitz des Pfarrvikars

Was hat nun aber das Nibelungenlied mit Rosenheim zu tun? In seinem ersten Jahr als Leiter der „Rosenheimer Sammlungen“ – Stadtarchiv, Heimatmuseum und Bibliothek des Stadtmagistrats – ordnete Ludwig Eid bei der Begutachtung der „Marktkammerechnungen“ des Jahres 1649 den Text mehrerer als Einband verwendeter Handschriftenfragmente dem Nibelungenlied zu.

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Das Rechnungsbuch befand sich im Besitz des Pfarrvikars, der die Vermutung, es handle sich beim Text des Deckelumschlags um das Nibelungenlied, bereits geäußert hatte und um die Bestätigung des Stadtarchivars bat.

Handschriftliche Texte als Einbände

Laut Ludwig Eid war die in das 14. Jahrhundert datierende Handschrift einem „Schlächter“ – gemeint ist ein Buchbinder – in die Hände gefallen, der die Handschrift um die Mitte des 17. Jahrhunderts zerschnitten und die einzelnen Teile als Bucheinband verwendet hatte. Dass handschriftliche Texte des Mittelalters während der Zeit des frühen Buchdrucks und in späteren Jahrhunderten immer wieder als Einbände verwendet wurden, war nicht unüblich.

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Die alten Handschriften waren meist nur schwer les- und entzifferbar oder schlicht veraltet, weshalb zahlreiche Urkunden, deren Rechtsinhalte hinfällig waren, meist dasselbe Schicksal ereilte. Weitere Fragmente vermutete Eid in den anderen Bänden der Serie „Marktkammerrechnugen“, die jedoch aus Raummangel um 1850, also 50 Jahre vor seinem Fund, mit unbekanntem Ziel aus der alten Registratur ausgewiesen wurden. „Trost und Schmerz zugleich“, urteile Ludwig Eid deshalb abschließend über den Fund der Handschriftenfragmente.

Seine Vermutung weiterer Teile der Nibelungen-Handschrift in Einbänden städtischer Amtsbücher bestätigte sich erst rund 80 Jahre später. Peter Miesbeck entdeckte 1982 weitere Fragmente auf dem Einband eines Rechnungsbuchs aus dem Jahr 1648 der ehemaligen St.-Salvator-Kirche.

315 Strophen des Nibelungenliedes

Zusammen mit weiteren Funden im Staatsarchiv München stellen die Rosenheimer Fragmente heute das weitaus umfangreichste Bruchstück des Nibelungenliedes dar, das mit seinen 315 Strophen alle anderen Fragmente deutlich hinter sich lässt.

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Da insgesamt nur zehn vollständige Handschriften des Lieds überliefert sind und die Rosenheimer Bruchstücke bislang unbekannte Textvarianten lieferten, ist deren Bedeutung zu Recht besonders groß einzuschätzen.

Das Nibelungenlied ist schließlich kein Einzelfall großer Geschichte im Buchdeckel oder -einband. Die Liste der Autoren ist prominent: Vergil, Augustinus oder Seneca – alle sind im Stadtarchiv Rosenheim versammelt.

Christopher Kast, Neuer Leiter des Stadtarchivs, im Interview:

Herr Kast, was fasziniert Sie an ihrem Beruf?

Christopher Kast: Ich habe die große Freude, mich jeden Tag mit Geschichte zu befassen und von ihr zu lernen. Ich denke, dass die Arbeit eines Archivs in einer Zeit, in der man sich offenkundig nicht mehr auf eine gemeinsame Faktenbasis verständigen kann, unglaublich wichtig ist. Die Originaldokumente liegen hier in den Archiven. Persönlich finde ich es immer sehr spannend, wenn ich mich mit „kleine Personen“, die normalerweise nur eine geringe Überlieferungschance hatten, beschäftigen kann. Jenseits der „großen Männer“, die bekanntlich so oft Geschichte machten.

Wollten Sie schon immer etwas in die Richtung machen?

Kast: Eigentlich wollte ich die Schule nie verlassen, weshalb ich auch zunächst ein Lehramtsstudium begonnen habe. Im Studium arbeitete ich aber als studentische Hilfskraft in einem Forschungsprojekt zur mittelalterlichen Geschichte und mir wurde schnell klar, dass ich mich Themengebieten wie diesen vermehrt widmen möchte. Später habe ich den Entschluss gefasst eine Doktorarbeit zu schreiben und mich dabei mit Papstreisen im 15. Jahrhundert zu beschäftigen.

Welche Aufgaben hat man als Leiter des Stadtarchivs?

Kast: Das Aufgabengebiet im Stadtarchiv ist vielfältig: Wir sind Dienstleister der Verwaltung und übernehmen das amtliche Schriftgut, erschließen und archivieren es und machen es anschließend den BenutzerInnen zugänglich. Dabei haben wir die verantwortungsvolle Aufgabe, zu entscheiden, was aufbewahrt wird und was vernichtet wird. Dokumente, die wir für nicht überlieferungswürdig halten, sind für spätere Generationen verloren. Wir versuchen außerdem, historische Bildungsarbeit zu leisten, indem wir Vorträge organisieren, Führungen durch das Archiv für SchülerInnen und Interessierte anbieten sowie Ausstellungen konzipieren.

Christopher Kast, Leiter des Stadtarchivs

Wie groß ist das Interesse in der Region für die Rosenheimer Stadtgeschichte, und wie kann man die Leute vielleicht mehr dazu bringen, sich für die Geschichte zu interessieren?

Kast: Ich glaube, dass das Interesse an Geschichte heutzutage groß ist. Wir sehen es am immer prominenter werdenden Bereich der Familienforschung. Soweit ich das bereits beurteilen kann, ist in Rosenheim eine Vielzahl an Personen an der Geschichte ihrer Stadt und ihren Vorfahren interessiert. Deutlicher Ausdruck dieses Interesses ist der Historische Verein, mit dem das Stadtarchiv in Zukunft eine gemeinsame Vortrags- und Exkursionsreihe anbieten wird. Meiner Meinung nach ist Geschichte gerade dort am spannendsten, wo sie vielleicht sogar noch handfest erfahrbar ist. Und das ist nun einmal das Heimatdorf oder die Heimatstadt.

Was interessiert Sie an der Rosenheimer Historie am meisten?

Kast: Rosenheim ist das „Tor in den Süden“ – oder aus der anderen Perspektive das „Tor in den Norden“. Die naturräumliche Nähe zu den Alpen machte Rosenheim schon immer zu einem Verkehrs- und Handelsknotenpunkt. Ob Soleleitung, Eisenbahn oder Brennerbasistunnel – das Thema Verkehr spielte und spielt noch immer eine große Rolle für Rosenheim. Man musste zuerst nach Rosenheim – ob man dann dort blieb ist eine andere Frage. Diese Wanderbewegungen können wir bereits früh unter anderem in sogenannten Zechbüchern nachweisen. Eine komplette Erfassung der Namen würde mit Sicherheit eine Fülle an spannenden Ergebnissen liefern.

Welche Bedeutung hat das Stadtarchiv für Rosenheim?

Kast: Der Satz wird oft bemüht, aber er ist meiner Meinung nach wie vor wichtig: Das Stadtarchiv ist das Gedächtnis der Stadt und nimmt für die Verwaltung somit eine zentrale Aufgabe wahr. Aber auch darüber hinaus ist das Stadtarchiv durch sein umfassendes digitales Angebot zur Stadtgeschichte und seine Hilfestellung bei Ahnen- oder Familienforschung für viele BürgerInnen wichtiger Ansprechpartner.

Ist es schwierig, im Stadtarchiv den Überblick zu behalten mit den ganzen Dokumenten?

Kast: Nach nun beinahe drei Monaten konnte ich einen kleinen Überblick über die Bestände des Archivs gewinnen. Um die über 390 000 Datensätze einmal durchzusehen, die unsere Datenbank umfasst, habe ich ja erfreulicherweise noch ausreichend Zeit.

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