Salz – Ein Stück Stadtgeschichte

Rosenheim – Eine blockhafte Männergestalt kniet auf einem Sockel an einer kleinen Platzanlage links an der Innbrücke.

In den Armen hält die Figur einen mächtigen Sack. Vollbart und Hut geben dem Wurzelsepp, wie ihn die Rosenheimer kurz nach seiner Aufstellung Ende Juni 1963 tauften, ein knorriges Aussehen.

Werkstatt undAtelier in Giesing

Toni Fiedler schuf den Entwurf für diese Brückenfigur für die neu gebaute Innbrücke, die am 15. August 1963, dem Himmelfahrtstag, ohne offizielle Feier für den Verkehr freigegeben wurde. In der Folge wurde auch der Schloßberg ausgebaut. Die Ausführung des „Salzmanns“ oder „Salzsackträgers“, wie die eigentliche Bezeichnung lautet, oblag dem Münchner Bildhauer Konstantin Frick (1907 bis 2001), der in der Tegernseer Landstraße 38 in Giesing Werkstatt und Atelier unterhielt. Als Material wählte man passend den heimischen Nagelfluh aus der Biber, der einst auf dem Inn als Handelsgut transportiert wurde.

Mit Toni Fiedler hatte die Oberste Baubehörde des Freistaates Bayern als Bauherrin der Innbrücke einen Bildhauer von internationalem Ruf beauftragt, dessen eigentlicher Schwerpunkt allerdings auf dem Porträt lag. Seine Porträtbüsten prominenter Persönlichkeiten, genannt seien nur Ludwig Thoma, Konrad Adenauer oder Albert Einstein, weisen den Künstler als einen der besten Porträtisten seiner Zeit aus.

Der Bildhauer, der auch andere Arbeiten für den öffentlichen Raum schuf, wie die „Märchensäule“ für eine Siedlung in Düsseldorf oder die Brunnensäule „Schulgemeinschaft“ für eine Schule in Erlangen, ist heute in Vergessenheit geraten. Dabei spiegelt sein Leben auf beispielhafte Weise die Zerrissenheit des 20. Jahrhunderts.

Toni Fiedler studierte von 1924 bis 1930 an der Münchner Akademie der bildenden Künste bei Bernhard Bleeker (1881 bis 1968), einem bedeutenden Vertreter der traditionellen Münchner Bildhauerschule, dessen Schaffen dann bei den Nationalsozialisten geschätzt wurde, wogegen er sich nicht sträubte. Fiedlers naturalistische Arbeiten waren nach 1933 ebenfalls durchaus systemkonform, was sich in einem dritten Preis für den Entwurf von Sportlerfiguren für das Berliner Olympiagelände, der allerdings nicht realisiert wurde, sowie eine Rolandfigur für das Haus der Deutschen Erziehung in Bayreuth widerspiegelt.

Nicht konform waren dagegen die Haltung und das Leben Fiedlers. 1936/37 war Toni Fiedler Studiengast der Villa Massimo in Rom; der letzte glückliche Jahrgang, dessen künstlerische Freiheit noch nicht ideologisch auf NS-Linie gebracht worden war. Toni Fiedler und seine jüdische Frau Stefanie, die ihn nach Rom begleitet hatte, registrierten sehr genau die aufziehende Bedrohung. Als Fiedler im Anschluss an seinen Villa Massimo-Aufenthalt aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen wurde, was einem Berufsverbot gleichkam, fuhr er nur kurz nach München zurück, um die Wohnung aufzulösen. Rom wurde die neue Heimat der Fiedlers. Während der deutschen Besatzung mussten sich Stefanie Fiedler und die 1939 geborene Tochter Claudia versteckt halten. Fiedler selbst konnte künstlerisch weiterarbeiten.

Der „Salzmann“ oder „Salzsackträger“ passt als Motiv hervorragend zur Rosenheimer Innbrücke. Das „weiße Gold“ war in früheren Zeiten unverzichtbar zum Haltbarmachen von Fleisch und Fisch und deshalb ein geschätztes Handelsgut. Kein Wunder, dass da die Wasserburger und die Rosenheimer über Jahrhunderte um den Verlauf der Salzstraße von Reichenhall nach München stritten.

Pflasterzoll undScheibenpfennig

Da erscheint es auch bezeichnend, dass die erste Erwähnung der Rosenheimer Innbrücke 1276 im Zusammenhang mit dem Salztransport geschieht. War Rosenheim auch nie so bedeutend im Salzhandel wie Wasserburg, so brachten der Pflasterzoll ab 1444 und der Scheibenpfennig, eine Salzsteuer, ab 1516 dringend benötigte Einnahmen für den Markt.

Der Bau der Saline 1810 beendete die Salztransporte und damit diese Dauerstreiterei mit Wasserburg. Heute erinnert noch der Salzstadel, 1517 wurde der erste Lagerschuppen hier gebaut, als Platzbezeichnung an diesen wichtigen Teil der Rosenheimer Handelsgeschichte.

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