SERIE „KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM“

Rudl Endriß‘ Schattenmenschen finden an der Brückenstraße in Rosenheim eine neue Heimat

Zehn Jahre standen die Stahlfiguren „Der Mensch und seine Schatten“ von Rudl Endriß dicht gedrängt am Beginn der Kolbermoorer Straße im Aicherpark.
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Zehn Jahre standen die Stahlfiguren „Der Mensch und seine Schatten“ von Rudl Endriß dicht gedrängt am Beginn der Kolbermoorer Straße im Aicherpark.

Viel ist nicht mehr geblieben von der einstigen Kunstmeile im Aicherpark – und im Juli sind auch noch die Schattenmenschen von Rudl Endriß umgezogen. Seit 2010 standen die neun Doppel-Silhouetten am Beginn der Kolbermoorer Straße und erweckten den Eindruck von Passanten, die zu den Geschäften eilen.

Rosenheim – Wie zum Start des Schlussverkaufs standen sie dicht gedrängt und blickten nach rechts, wo die Angebote locken. Gut, ihr ursprünglicher Platz war nicht schön; vor einer Rückfassade wurden sie gerahmt von einem Werbeturm und einer Elektrostation.

Werk für die „Kunstmeile“

Richard Wurm hatte damals, als im Jahr 2010 das Projekt „Kunstmeile Aicherpark“ startete, den Platz zur Verfügung gestellt und das Figurenensemble „Der Mensch und seine Schatten“ angekauft. Der Rosenheimer Geschäftsmann ließ nun im Juli letzten Jahres die Gruppe umziehen, denn der Aufstellungsplatz an der vielbefahrenen Straßenkreuzung konnte nie so ganz überzeugen.

Unattraktive Umgebung

Auch Rudl Endriß, der Schöpfer der witzigen Silhouetten, war nicht begeistert von der unattraktiven Umgebung. „Meine Figuren haben hier doch gar keinen Raum und finden in all dem Verkehr viel zu wenig Beachtung“, meint der Söchtenauer Bildhauer. Den wenigsten dürfte denn auch aufgefallen sein, dass die Figuren nicht mehr am Aicherpark stehen.

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Die neun Figuren haben nun vor der ehemaligen Papierwarenfabrik Niedermayr in der Brückenstraße in der neu gestalteten Außenfläche eine weitläufige und sonnige Aufstellung gefunden. Richard Wurm hatte 2004 das frühere Industriegebäude erworben und nach umfangreichen Umbau- und Sanierungsmaßnahmen zu einem zeitgemäßen Bürogebäude weiterentwickelt, das 2019 mit dem Fassadenpreis der Stadt Rosenheim ausgezeichnet wurde.

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Hier, in der lockeren Aufstellung, wirken die Silhouetten-Menschen völlig anders und, was vor allem auffällt, sie wurden von der Straßenansicht her umgedreht und laufen jetzt in die andere Richtung. Spötter könnten sagen, sie laufen jetzt wieder in die Stadt, um einzukaufen. Dabei hatte Rudl Endriß die Figuren, von denen er 2006 eine ganze Serie schuf, nicht als Kunden konzipiert. Der vielseitige Künstler beschäftigt sich schon seit über zwanzig Jahren mit dem Thema „Schattenriss“ und greift damit eine Kunstform auf, die im Deutschland der Goethezeit sehr beliebt war.

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Bei Rudl Endriß sind die Umriss-Figuren allerdings nicht aus Papier mit der Schere oder dem Messer geschnitten, sonder aus Holz, Stahl oder Bronze und mit entsprechend kräftigem Werkzeug geschaffen. Auch sind sie nicht nur wenige Zentimeter hoch, sondern teilweise überlebensgroß.

Eindrückliche Bewegung

Seit vergangenen Sommer dienen die Figuren vor der ehemaligen Papierwarenfabrik Niedermayr in der Brückenstraße als Blickfang.

Durch die Verdoppelung der Figuren – der Schattenriss erhält witziger weise einen Schatten – entsteht, entsprechend dem Titel „Der Mensch und seine Schatten“, eine deutliche Schattenwirkung sowie eine eindrückliche Bewegung, ein Vorwärtsschreiten, ein Rhythmus des Gehens und Strebens.

Lähmung durch Schlaganfall

„Das archetypische Bild voranschreitender Menschengruppen: Völkerwanderung, religiöse Prozession oder Festumzug?“ lautet denn auch die Bildunterschrift im Endriß-Katalog von 2008. Da mutet es schon tragisch an, dass der Bildhauer selbst seit einem Schlaganfall vor bald 30 Jahren, der ihn halbseitig lähmte, nicht mehr kraftvoll vorwärtsschreiten kann. Das übernehmen die Figuren.

Der Künstler: Studium in München

Rudl Endriß, 1943 in München geboren, studierte Pädagogik sowie Naturwissenschaften und Kunst an der Ludwigs-Maximilians-Universität München. 1970 bis 1987 Lehrer an der Staatlichen Fachlehrerausbildung in München-Ramersdorf. 1987 bis 2006 Akademischer Direktor und Dozent für plastisches Gestalten an der Hochschule Rosenheim. Seit den 1960er Jahren freie künstlerische Arbeiten. 2014 erhielt Endriß den Kulturpreis des Landkreises Rosenheim. Der Künstler, dessen Arbeiten vielfach auf Ausstellungen und im öffentlichen Raum präsent sind, lebt und arbeitet in Söchtenau.

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Das Werk: „Der Mensch und seine Schatten“

„Der Mensch und seine Schatten“, 2006, neun Doppel-Figuren, 6 Millimeter Corten-Stahl, Höhe 200 Zentimeter, Breite zwischen 60 und 80 Zentimeter, Tiefe 25 Zentimeter; 2010 bis 2020 im Aicherpark, Kolbermoorer Straße, seit Juli 2020 vor der ehemaligen Papierwarenfabrik Niedermayr, Brückenstraße 1, Rosenheim.

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