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Familie feiert Jubilar

Rosenheims wohl ältester aktiver Taxifahrer feiert seinen 95. Geburtstag

Inmitten seiner Liebsten: Gerhard Kirsten (Mitte) umrahmt von seinen Enkeln (von links) Verena, Daniel, Max, Thomas, Marie Christin und Oliver.
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Inmitten seiner Liebsten: Gerhard Kirsten (Mitte) umrahmt von seinen Enkeln (von links) Verena, Daniel, Max, Thomas, Marie Christin und Oliver.
  • Jens Kirschner
    VonJens Kirschner
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Nach dem Zweiten Weltkrieg, für den er selbst noch an zwei Jahre einrücken musste, wurde Gerhard Kristen mit seiner Familie aus dem Sudetenland vertrieben und kam nach Rosenheim. Er war Polizist und schließlich Taxifahrer – mit 85 Jahren.

Rosenheim – Er steht im Zentrum der Familie, der er so viel gegeben hat. Im Wohnzimmer, rund um den Esstisch, versammeln sich Kinder und Enkel, wenn der Vater und Großvater aus seinem Leben berichtet. Auch das Haus in Rosenheim ist ganz an die Bedürfnisse des 95-Jährigen angepasst. Rechts an der Wand hängt eine überdimensionale Uhr, am Wohnzimmerschrank hängen Fotos der Enkel und deren Partner, die Namen stehen in großen Buchstaben darunter. Seine Vita und seine Leidenschaften hat die Familie in einen Aktenordner gepackt, falls es mit dem Gedächtnis einmal hapern sollte.

Die tägliche Lektüre der OVB-Heimatzeitungen gehört für Gerhard Kristen, hier unterstützt von seinem Enkel Daniel, dazu.

Aufgewachsen im Ostsudetenland

Gerhard Kristen lächelt beständig, wenn er über seine Kinder- und Jugendjahre im Ostsudetenland berichtet. 1926 kam er als eines von zwei Kindern in Wüst-Seibersdorf zur Welt, eine Hausgeburt auf einem kleinen Gut mit Landwirtschaft. Nur ein Nebenerwerb für die Familie. Der Vater arbeitete in einer Papierfabrik, die Mutter blieb zu Hause, kümmerte sich um die Tiere im Stall und spielte mit Kristen und seiner jüngeren Schwester. Unter dem Birnbaum, erinnert sich der Jubilar, hat er besonders gerne gesessen und geschmökert.

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Auch heute gehört die Lektüre noch immer zu seiner Tagesroutine, wenngleich er inzwischen eine Lupe zuhilfe nehmen muss, um die Buchstaben erkennen zu können. Auch das Schreiben hat es ihm angetan, vorwiegend das schnelle. 1942 verließ er als Klassenbester in Stenografie die Mittelschule und erhielt eine Anstellung im Büro der Papierfabrik, in der auch schon sein Vater gearbeitet hat.

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Das Sprechen fällt ihm nach einem Schlaganfall inzwischen genauso schwer wie das Hören. Die Familie hilft aus und entlockt dem Großvater für den Reporter die ein oder andere Geschichte. Nicht nur schöne.

Zur Wehrmacht eingezogen

Im August 1943 wurde Gerhard Kristen zur Wehrmacht eingezogen. „Nach sechs Wochen in Breslau wurde ich zunächst in Argelès-sur-Mer, einer Stadt in Südwestfrankreich an der spanischen Grenze eingesetzt“, berichtet der 95-Jährige. Bis Mai 1944 war er hier bei der Flugabwehr im Einsatz. Seine Aufgabe: Die Entfernung der feindlichen Maschinen abmessen. „Die letzte Zeit des Krieges erlebte ich als Feldjäger im Erzgebirge im Nordwesten der Tschechischen Republik.“

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Nach Ende des Krieges machte er sich zu Fuß auf den Weg nach Hause. Sechs Wochen dauerte der Marsch. Die Eltern arbeiteten gerade auf dem Feld, als er heimkehrte. „Mein Bub ist daheim!“, hat die Mutter damals unter Tränen gerufen, als sie ihren Gerhard unversehrt wieder in die Arme schließen durfte.

Aus dem Sudetenland vertrieben

Die Heimatidylle währte nicht lange. Ende 1946 wurde Kristen mitsamt seiner Familie aus dem Sudetenland vertrieben: Mutter, Vater, Schwester und Großmutter wurden in einem Viehwaggon nach Rosenheim gebracht. „Mitnehmen durften wir nur, was wir selbst tragen konnten“, erinnert er sich. Aufgenommen von einem Bauern in Pang konnte sich die Familie schnell einleben: Der Vater fand eine Anstellung bei der Papierfabrik in Reddenfelden, die Schwester arbeitete in einem Schwesternheim in Brannenburg, Gerhard Kristen und seine Mutter halfen auf dem Hof aus, welche der Familie Obdach gewährte.

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1948 lernte der Jubilar seine Frau Maria kennen. Kino und Skifahren, waren jene Leidenschaften, die beide miteinander teilten, bis Maria 2007 verstarb. 1953 heirateten beide, zwei Kinder, Ruth-Maria und Günther, gingen aus der Ehe hervor, um die sich auch Gerhard Kristen genauso liebevoll kümmerte wie später um seine Enkel.

Tasse für den weltbesten Opa

Das verrät auch ein Blick in den Wohnzimmerschrank. Dort steht eine Tasse mit der Aufschrift „Weltbester Opa“, fast wie ein Pokal als Dankeschön, für viele aufopferungsvolle Jahre, in denen sich Gerhard Kristen bei vielen Dingen zugunsten anderer zurückgenommen hat. Das wussten später auch seine Kollegen bei der Polizei zu schätzen, bei der er 1948 anheuerte. Er war sich selbst als Vorgesetzter nie zu schade, ungeliebte Schichten für seine Kollegen zu übernehmen, berichtet seine Tochter.

Taxifahrer nach der Pensionierung

Auch als er 1986 in den Ruhestand versetzt wurde, blieb er nicht tatenlos zu Hause. Im Frühjahr 1987 begann er mit dem Taxifahren, lernte Straßenzüge auswendig und brachte die Menschen von A nach B. 20 Jahre kreuzte er als wohl ältester Taxifahrer Rosenheims durch die Straßen. Nur mit dem Datenfunk wollte er sich nicht mehr anfreunden.

Das Lächeln in Gerhard Kristens Gesicht verrät: Der Mann ist mit sich und seinem Leben im Reinen. Und er kann sich auf die Unterstützung seiner Familie verlassen.

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