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Das Wahn-Universum der Querdenker

Rosenheimer TV-Journalist warnt vor Hetze und Schwurbel-Medien: „Zersetzung schreitet voran“

Wenn Meinungen zu Überzeugungen werden: Szene bei einer Rosenheimer Corona-Demo.
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Wenn Meinungen zu Überzeugungen werden: Szene bei einer Rosenheimer Corona-Demo.
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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In seinem Buch „Anderswelt“ berichtet der Rosenheimer Journalist Hans Demmel von einem Selbstversuch: Sechs Monate lang konsumierte er ausschließlich rechtsextreme Medien. Was Demmel über die Faszination des Irrationalen lernte. Und welche Gefahren er für die Demokratie sieht.

Rosenheim – Er wuchs in Rosenheim auf, volontierte beim Oberbayerischen Volksblatt. Danach arbeitete Hans Demmel (65) unter anderem fürs Bayerische Fernsehen, SAT1, RTL und zwölf Jahre als Geschäftsführer bei n-tv. Sein jüngstes Projekt aber hatte mit ganz anderen Medien zu tun: In seinem Buch „Anderswelt“, verfasst zusammen mit dem TV-Journalisten Friedrich Küppersbusch, berichtet er von einem Selbstversuch: Sechs Monate lang konsumierte er ausschließlich rechtsextreme Medien. Da prassele viel an schlechter Energie auf einen, berichtete Hans Demmel im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen.

Hans Demmel, TV-Journalist und Autor.

Verhältnismäßig viele Querdenker gibt es in der Region Rosenheim, viele Wähler der Basis – woher kommt diese Skepsis gegen den Staat?

Hans Demmel: Warum es spezifisch in und um Rosenheim so ist, kann ich nur begrenzt analysieren, aber ich erinnere mich an meine Zeit beim BR, als ich als Korrespondent über eine Europawahl in den 80ern berichtete, und damals die Republikaner stärker abschnitten als die SPD oder an einen Bürgermeisterkandidaten der NPD in Kolbermoor, der ein zweistelliges Ergebnis einfuhr. Das Phänomen ist zumindest nicht ganz neu.

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Sie erwähnten den Influencer Stefan Bauer, einst bei der AfD in Rosenheim, der Unsinn und Schlimmeres verbreitet. Ist so jemand einfach eine verwirrte Seele, oder steckt dahinter eine richtige Gefahr?

Demmel: Es steckt eine Gefahr dahinter. Es gibt einen Prozentsatz, der mir nicht sehr hoch scheint, von Menschen, die Sie nicht mehr zurückholen, die an irgendeiner Stelle ihres Lebens falsch abgebogen sind und Stefan Bauer gehört offensichtlich dazu. Was mich entsetzt ist, wie weit hinein solche Leute vor allem übers Internet auch in bürgerliche Kreise dringen. Dass Menschen, die aus dem normalen konservativen Umfeld stammen, anfangen, diese Theorien zu wiederholen. Auch der Umgang mit einem Thema wie der Weißen Rose, wo Leute bei Demos anfangen zu behaupten, in diesem Lande müsse Widerstand geleistet werden, ist erschreckend. Diese Menschen, auch dieser Herr Bauer, leben in einem anderen Land als dem, in dem ich lebe.

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Wer glaubt denn den ganzen Unsinn zum Beispiel gegen das Impfen?

Demmel: Es gibt seriöse Aufklärung. Man kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen: Es ist praktisch ungefährlich. Im Zweifel muss man halt vorher zum Arzt gehen und sich erkundigen. Nur, wenn Sie von vornherein der Überzeugung sind, dass diese Regierung ohnehin nur Unsinn macht, und dass dieses Corona-Virus harmlos sei, dann suchen Sie sich Ihre Wahrheit im Netz. Es gibt eine große Zahl von Menschen, die sich für ihre Theorien im Netz Bestätigung suchen und auch finden.

Menschen sind stolz darauf, die „Wahrheit“ zu kennen

Woher kommt der Drang zur Irrationalität?

Demmel: Es ist eigenartig. Wir Menschen neigen dazu, Differenzierungsmerkmale zu suchen. Wir wollen was Besonderes sein. Früher war das vielleicht mal der Besitz eines großen Autos, oder dass man an den ersten drei Takten die Ouvertüren aller Mozart-Opern erkennt, oder man konnte die Gedichte von Paul Celan aufsagen. Und jetzt ist es für viele Menschen zum Differenzierungsmerkmal geworden, die „Wahrheit“ zu kennen. Da sind viele wahnsinnig stolz darauf: Ich weiß mehr über die Impfung, ich weiß, wie viele Menschen daran sterben. Ich allein kenne die Wahrheit. Du nicht, weil du diesen Unsinn aus der Lügenpresse glaubst.

Sind Esoteriker anfälliger für krude Theorien?

Demmel: Ich glaube, die Anfälligkeit entsteht vor allem aus einer grundsätzlichen Unzufriedenheit, die aus einer sozialen und wirtschaftlichen Spaltung herrührt. Aber es müssen nicht immer nur die sogenannten Abgehängten sein. Es sind vor allem Menschen mit dem Drang, sich zu profilieren, das habe ich bei meinen Recherchen festgestellt. In allen Gesellschaftsschichten. Bildung schützt einen nicht davor, in diese Szene abzugleiten. Da gibt es Menschen, die geben ihr komplettes soziales Umfeld auf, um gegen die Impfung zu kämpfen. Warum die das glauben? Einfach, weil sie es glauben wollen, weil es ihre Vorurteile bestätigt.

Glauben trifft es. Manche versteifen sich in ihrer Anti-Haltung, lassen sich auch von besten Argumenten nicht zum Impfen bewegen.

Demmel: Ja, man kann sagen, dass der Weg zurück, zur Entscheidung sich doch impfen zu lassen, einfach sehr schwierig ist. Es gibt einen psychologischen Effekt, der mit dem Begriff „verlorene Investition“ beschrieben wird. Man hat viel investiert, in diesem Falle nicht an Geld, sondern an Ansehen. Doch man hat auf die falsche Sache gesetzt. Und doch sieht man sich, so wie der er eine oder andere an der Börse, der viel Geld in eine Aktie gesteckt hat, zum Nachschießen veranlasst. Wider besseres Wissen, weil man sich nicht korrigieren will. Und dieses sich nicht korrigieren wollen ist etwas, was im Wirtschaftleben vorkommt, aber auch in unserer aller Alltag. Der Mensch ist so gestrickt, dass er Recht behalten will.

Gibt es bei Menschen wie Stefan Bauer einen Punkt, den man als falsche Ausfahrt bezeichnen kann, einen Schicksalsschlag, der sie in eine andere Umlaufbahn katapultiert?

Demmel: Da muss man differenzieren. Bei dem einen oder anderen, bei Tichy zum Beispiel, ist es ein schleichender Prozess der Radikalisierung. Bei Ken Jebsen gab es diesen Katapulteffekt. Warum so jemand wie Elsässer, der als ehemals Linker diesen ganzen Kultur- und Arbeiterkampf geführt hat, plötzlich zum Patrioten wird, der die rechte Revolution fordert, ist schwer zu sagen.

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Die rechten Medien verkaufen sich bestens, die Auflage der etablierten sinkt. Machen diese etablierten Medien Fehler?

Demmel: Ach ja, das wäre ja noch schöner, wenn wir der einzige Berufsstand wären, der keine Fehler macht.

Massive Fehler?

Demmel: Ich glaube, wir machen in etwa so viele Fehler wie jede andere Berufsgruppe auch. Das ist mal Schlampigkeit, zum Teil mal Zeitmangel, eine falsche Einschätzung oder fehlerhafte Recherche. Nur hat der Journalismus letztlich eine Deutungshoheit. Nach meiner Erfahrung macht der Journalismus in der Tat Fehler, wenn er belehrend ist. Wenn wir uns von Fakten weg bewegen, wenn wir glauben, dem Leser oder User etwas „aufdrücken“, etwas einreden zu müssen.

„Sie sehen eine Welt ohne Hoffnung“

Was macht das mit einem: Sechs Monate mit rechten Medien. Haben Sie den Aluhut absetzen können?

Demmel: Ach, den Aluhut hatte ich nie richtig auf. Wenn man diese extremen Formen, erlebt, liest, sieht, dann verändert das einen aber schon irgendwie. Ich bin nicht so ganz davon losgekommen. Das ist eine Mischung von frivolem privaten und beruflichem Interesse. Ich habe das Bedürfnis, dieses Wissen weiterzugeben, und um es weitergeben zu können, muss ich dranbleiben. Aber auch wegen der Lust am Entsetzen, am Schaudern. Ich erlebe immer wieder in meinem Umfeld Menschen, die gerade in diese Szene abdriften. Um mit denen zu reden, macht es Sinn, an dem Thema dranzubleiben und diese Szene zu kennen.

Sie schreiben, wie extrem düster und schwarz gefärbt die Weltsicht der rechten Verschwörungstheoretiker ist. Schlechte Vibrationen – machen die was mit einem?

Demmel: Mit dem Charakter hoffentlich nicht, aber mit der Psyche. Wenn Sie nur lesen, dass dieses Land am Ende ist, dass die Wirtschaft bald zusammenbricht, wenn Sie nur lesen, dass wir von einer unfähigen Regierung regiert werden, wenn Sie nur lesen, dass das Abendland untergeht, weil es vom Islam übernommen wird – dann sehen Sie eine Welt ohne Hoffnung. Das stecken Sie so leicht nicht weg. Ich habe mich dagegen mit meinem Panzer der Professionalität geschützt. Es kann aber einem Angst machen, dass viele Menschen diesen Glauben zum Leitfaden ihres politischen Handelns machen.

Wie groß ist die Gefahr für die Demokratie?

Demmel: Dieser Glaube ist zersetzend. Und dieser Zersetzungsprozess schreitet voran. Nehmen sie die Impfdiskussionen: Dieses Drittel, das sich nicht impfen lässt, entspricht ungefähr dem Anteil, der für Verschwörungstheorien oder radikale Thesen ansprechbar ist. Wir reden von einem Potenzial von 20 Millionen Menschen, die an der Demokratie zweifeln.

Hans Demmel, Friedrich Küppersbusch, „Anderswelt. Ein Selbstversuch mit rechten Medien“, gebunden, 224 Seiten, 22 Euro.

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