Hermann Boldt – der Frank Zappa von Rosenheim: „An der Tür war ich immer der Gute“

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Hermann Boldt, Türsteher-Legende aus Rosenheim, wird heute 70 (Bild links). Frank Zappa? Nein es ist tatsächlich Hermann Boldt (Bild mitte). Beim legendären Weiß-Ball im Stage gab es nicht nur große Zigarren. Da kamen auch viele Münchner nach Rosenheim. In der Mitte Hermann Boldt (Bild rechts).
  • Hans-Jürgen Ziegler
    vonHans-Jürgen Ziegler
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„Rund um das Bermuda-Dreieck am Salzstadel, dem Epizentrum der Nachtschwärmer war für jeden etwas dabei“, erinnert sich Hermann Boldt. Die Türsteherlegende, der am Samstag seinen 70. Geburtstag feiert, kennt das Rosenheimer Nachtleben wie kein anderer.

Rosenheim – Seinen Namen in der Rosenheimer Szene hat sich Hermann Boldt als Türsteher in den angesagtesten Discos, Clubs und Szenelokalen gemacht, aber im Nachtleben war „Hermann the German“ schon seit Mitte der 70er-Jahre ein Begriff. Als Ober im Service der Diskothek Pub 1800. Heute wird die Türsteherlegende, wegen seines Aussehens als der Frank Zappa von Rosenheim bezeichnet, 70 Jahre jung. Die Gelegenheit für die OVB-Heimatzeitungen auf eine Zeit zurückzublicken, als es in Rosenheim tatsächlich noch ein Nachtleben gab.

Im Umkreis von 300 Metern acht Diskotheken

Da existierten von den 70er-Jahren bis in die 2000er für Studenten bis zur Rosenheimer Schickeria, falls es die überhaupt gab, im Umkreis von rund 300 Metern alleine acht Diskotheken mit wechselnden Namen: Pub (später Stage), Gatsby, After Eight, Nr. 2 (Cäsars und jetzt P 2), Papagei (Happy O), Arkaden (Jaggers), Calypso und Sportif (100 Quadrat), und dazu noch etliche Bars (Tatis, Sternbräu, Vanilli, Löwenherz, Arche).

„Das Rosenheimer Nachtleben ist tot“

„Von diesen Lokalen gibt es heute noch das P2, das Tatis und die Arche. Das Rosenheimer Nachleben ist tot - nicht erst seit der Corona-Krise,“ so das vernichtende Urteil von Hermann Boldt.

Wo hat denn Ihre Karriere im Rosenheimer Nachleben begonnen?

Hermann Boldt: Das war so um 1976, und zwar im Pub 1800. Da habe ich im Service begonnen und vorher habe ich im Rosenheimer Bahnhofsrestaurant als Koch gearbeitet. Meine Kochlehre habe ich in meinem Heimatort Tübingen absolviert.

Und warum dann Rosenheim?

Boldt: Ich musste zur Bundeswehr nach Brannenburg und dann bin ich hier hängen geblieben.

Und ins Rosenheimer Nachtleben eingetaucht.

Boldt: Nicht nur das, sondern ich habe im Pub 1800 begonnen zu arbeiten. Erst als Ober, denn Türsteher hat es zu der damaligen Zeit, zumindest in Rosenheim, noch nicht gegeben. Den Türsteher hab ich 1986 im Stage eingeführt, wo ich aber zusätzlich auch noch im Service gearbeitet habe. Nur noch an der Tür stand ich dann im Caesars und später im Oscars.

Sie haben noch in vielen anderen Lokalen gearbeitet. Welches war das Beste?

Die Belegschaft der Rosenheimer Diskothek Stage Ende der 80er Jahre. In der unteren Reihe Zweiter von rechts Hermann Boldt.

Boldt: Eindeutig das Stage. Wir waren musikmäßig weit voraus. Wir hatten mit Mike einen super DJ und tolle Mottopartys. Zum Beispiel den legendären Weißball und den Roten Oktober. Das haben wir aus dem Amnesia in Ibiza übernommen.

Da sollen am Mittwoch auch immer viele Münchner gekommen sein.

Boldt: Das stimmt. Allein wegen unserem DJ sind viele aus dem P1 nach Rosenheim gekommen. Er hat als erster DJ in Rosenheim mit drei Plattentellern gearbeitet. Unter anderem zählten damals Heiner Lauterbach und Uwe Ochsenknecht zu meinen Mittwoch-Stammgästen. Wir haben in München einen guten Namen gehabt.

Sonst noch Prominenz?

Boldt: Einmal war der Formel 1-Pilot Gerhard Berger mit seinen Rosenheimer Freunden im Stage. Berger hat vor dem Lokal seinen nagelneuen Ferrari geparkt. Da sind alle Italiener aus Rosenheim durchgedreht, sind aus ihren Eisdielen und Restaurants gekommen und haben Fotos gemacht.

Zurück zum Türsteher Hermann. Sie sehen ja nicht wie der Prototyp eines Türstehers aus. Keine Muskelpakete, kein breites Kreuz, eher ein Strich in der Landschaft.

Boldt: Muskeln habe ich auch nicht gebraucht. An der Tür war ich immer der Gute. Wenn es wirklich einmal lauter oder unangenehm geworden ist, hatte ich zwei Jungs hinter mir, die dann eingegriffen haben. Ich war aber kampftechnisch ganz gut beinand, habe zu der Zeit Kuntaiko gemacht. Ich war aber nie in eine Schlägerei verwickelt und bin immer auf die diplomatische Art zum Erfolg gekommen.

Vielleicht waren die Gäste damals noch nicht so aggressiv wie teilweise heute. Vor knapp 30 Jahren sagten Sie über die damalige Jugend: „Finde ich langweilig, weil sie nicht weiß was sie will. Sie irren planlos umher.“ Und heute?

Boldt: Heute schauen sie nur in ihre Smartphones und sehen mit ihren Frisuren alle gleich aus. Die denken schon mit 18 ans Haus bauen und heiraten.

Das Publikum im Nachtleben hat sich also verändert.

Boldt: Total. Früher gab es noch richtige Typen, die zu ihrem individuellen Style standen. Das gibt es heute nicht mehr.

Da gibt es sicher auch ein paar verrückte Geschichten zu erzählen.

Boldt: (lacht) Die gibt es definitiv, aber die kann ich an dieser Stelle nicht erzählen. Ich will mich ja in Rosenheim weiter frei bewegen können.

Wenn Sie noch einmal 20 wären, würden Sie alles genauso machen?

Boldt: In der heutigen Zeit würde ich es nicht mehr so machen, aber damals war das anders. Das war eine verrückte und wilde Zeit. Da waren wir mittendrin statt nur dabei. Heutzutage gibt es kein Nachtleben mehr wie damals. Das ist vorbei.

Aber es gibt Musik, die Sie an früher erinnert.

Boldt: Natürlich. Die Klassiker wie Jimi Hendrix, Frank Zappa, David Bowie, Prince, aber auch die Techno und House Music. Wenn ich das höre, kommen viele schöne Erinnerungen hoch. Ich habe früher schon gesagt, dass Musik das einzige Kommunikationsmittel unter Menschen ist, das jeder versteht.

Apropos Frank Zappa – eine Ähnlichkeit zu diesem Musik-Genie ist zweifellos vorhanden.

Boldt: Das Image habe ich auch gepflegt. Wenn jemand zu mir in den 90ern gesagt hat "du siehst aus wie Frank Zappa", habe ich ihm geantwortet: Zappa ist tot, Hermann lebt.

Bemerkenswert war auch Ihr Statement in einem Zeitungsartikel vor 27 Jahren zum Thema „Ausländer in Discos“. Eine Aussage, die aktuell passt.

Boldt: Ich kann mich erinnern und das gilt auch immer noch. Für mich gibt es keine Ausländer. Wir leben alle auf einem Planeten und sind dort zu Gast.

Was machen Sie aktuell auf dem "Planeten"?

Boldt: Ich bin seit rund fünf Jahren Rentner, habe aber noch einen Nebenjob als Barkeeper im Bad Endorfer Hotel Ströbinger Hof. Ich bin auch oft auf Flohmärkten, was aktuell aber schwierig ist. Außerdem engagiere ich mich für die Rosenheimer Tafel.

Ihre letzten Worte in diesem Interview.

Boldt: Nichts muss, alles kann. Damit ist alles gesagt.

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