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Jubiläum von Sebastian Lipp

Im Krieg desertiert, bei Papst Benedikt XVI. studiert: 60 Jahre Priester und ein abenteuerliches Leben

Noch immer hält Pfarrer Sebastian Lipp jeden Sonntag die Messe – trotz seines gehobenen Alters.
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Noch immer hält Pfarrer Sebastian Lipp jeden Sonntag die Messe – trotz seines gehobenen Alters. 
  • VonThomas Stöppler
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Nicht alle Tage feiert jemand ein 60-jähriges Priesterjubliäum. Der Rosenheimer Pfarrer Sebastian Lipp ist dabei sogar ein Spätberufener, der den ein oder anderen Umweg gehen musste und auf diesen Wegen einiges erlebt hat.

Rosenheim – „Ich bin ein alter Knabe“, sagt Pfarrer Sebastian Lipp lachend, setzt sich und springt sofort wieder auf. Lipp geht zu einer Wand mit Fotos – sehr viel schneller, als man es von einem 94-Jährigen erwartet. Ein Foto zeigt ihn mit dem emeritierten Papst Benedikt XVI. Ein breites Lachen im Gesicht von Lipp, vom Papst ist nur der Rücken zu sehen.

„Ich war ganz harmlos“

„Das war bei seinem ersten Besuch in Freising als Papst“, erzählt Lipp. Benedikt ging nach der Messe durch den Mittelgang hinaus, „hat geschaut wie ein Luchs, bei meiner Bank ist er stehen geblieben, dann hat er reingelangt und die Hand ausgestreckt.“ Und das, obwohl Lipp nicht direkt am Rand saß, sondern ein paar Plätze weiter in der Mitte. Die beiden kennen sich, Lipp hat bei ihm 20 Jahre vorher studiert. Ob er einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat? „Ach was, ich war ganz harmlos“, sagt Lipp und lacht wieder.

Neben dem Foto von ihm und Benedikt hängen Fotos von Lipps Primiz. Auf einem Hügel bei seinem Heimatort Kirchdorf steht der junge Sebastian Lipp vor einem vom Bruder, der Zimmerer ist, selbst gebauten Altar draußen im Freien. Rundherum viele Menschen, ein großes Fest für den damals 34-Jährigen. Ein Fest, das sich heute 60 Jahre jährt. „Ich war ein Spätberufener“, sagt Lipp.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn berufen war er schon lange. Seit er fünf war, ging er mit zur Kirche, allerdings nicht in Kirchdorf, sondern im einige Kilometer entfernten Berg. Und seitdem hat er nicht mehr als 25 Mal den sonntäglichen Kirchgang verpasst. Das sind mehr als 4500 Besuche. „Das Priesteramt hat mich immer schon gedrängt“, sagt er. Aber das Leben hatte zunächst andere Pläne.

1938 diskutierte der Pfarrer mit seinen Eltern, was mit dem Zehnjährigen geschehen solle, schließlich sei der nicht auf den Kopf gefallen. Aber für den Gymnasiumsbesuch war kein Geld da. Der Bub musste daher bald zur Arbeit.

Eid mit Blitzableiter

Lipp begann dann nach der Volksschule 1942 eine Ausbildung zum Schreiner. Der Vater ist zu diesem Zeitpunkt bereits im Arbeitseinsatz im Krieg. Ein Schicksal, das auch seinem ältesten Sohn bevorstehen würde. Das erste Mal im August 1944, aber durch eine Erkrankung wird er als Flakhelfer wieder ausgemustert. Im Januar hilft dann aber auch kein Arzt mehr. Es galt, Bombenlöcher zuzuschütten. „Die waren so groß wie Häuser“, sagt er und lacht, aber es ist kein freies Lachen, eher eines, das auch heute nicht weiß, wie man mit dem Gesehenen umgehen kann. Zwei Monate geht das, bis er wieder entlassen und gleich wieder einberufen wird. Diesmal nicht zum Arbeitseinsatz. Eine abenteuerliche Reise durch Süddeutschland beginnt: München, Augsburg, Schwarzwald und wieder zurück. Mal zu Fuß, mal mit dem Zug, der sich immer wieder in Tunneln versteckt, um den Bomben zu entgehen. Zwischendurch wird er vereidigt – „auf Führer und Vaterland, aber mit Blitzableiter“, sagt Lipp und lacht diesmal verschmitzt.

Er bekommt eine Uniform, das SS-Zeichen muss er sich selbst aufnähen. Wer sich weigerte, „wurde so lange hergefotzt, bis...“ – Lipp beendet den Satz nicht.

Es gibt einen klaren Punkt, an dem Lipp desertiert. Alles ist chaotisch, immer geht es hin und her und bei Landshut haut er ab. Es ist der 1. Mai. Alles könnte schon vorbei sein, eine Woche dauert es noch, bis Deutschland offiziell kapituliert, aber noch steht auf das Desertieren die Todesstrafe. „Ich habe mich in einem Freilufthäuschen mit Loch versteckt“, sagt er und lächelt wieder. Der Schnee draußen liegt einen Meter hoch. Er wartet, bis es dunkel wird, schaut, ob die Luft rein ist, versteckt sich wieder und macht sich dann auf den Weg. „Nach 200 Metern steht vor mir ein SSler und befragt mich. Ich weiß nicht, ob der Heilige Geist mir die richtigen Antworten gegeben hat, aber es hat funktioniert.“ Er geht durch den Wald, denn auf den Straßen kontrolliert die Militärpolizei. Beim ersten Bauernhof in seiner Heimatpfarrei bekommt er von dem Vater einer Schulkameradin ein anderes Gewand. „Der war doppelt so dick wie ich, aber egal“.

Zu Hause angekommen, erkennt ihn die Mutter von Ferne nicht, aber als er klopft, kann sie ihr Glück kaum fassen. Er legt sich schlafen, Lipp ist krank, die Strapazen der Reise zollen ihren Tribut. Eine halbe Stunde, nachdem er im Bett liegt, weckt ihn der Lärm eines amerikanischen Panzers, der am Haus vorbeifährt. Einige Male „hat der liebe Gott gesagt, auf den muss ich aufpassen, den brauch ich noch in Rosenheim“, sagt Lipp und lacht.

Eine bunte Gemeinschaft

Bis 1951 bleibt der gelernte Schreiner bei seinen Brettern, dann holt er das Abitur nach, studiert, geht ins Priesterseminar und dann zur Primiz in die Heimat. Die Eltern sind sichtlich stolz auf den Fotos, Lipp – das kann man sich, wenn man ihn erlebt, kaum vorstellen – wirkt ein wenig entrückt.

Er wird Kaplan in Christkönig und 1968 Priester in St. Michael. Zunächst in der Behelfskirche, Lipp malt den Raum mit dem Finger auf. Er weiß immer noch genau, wo Bänke und Tabernakel standen. Die Gemeinde ist neu und bunt zusammengewürfelt. Aber Lipp formt aus ihr eine Gemeinschaft, die dann Ende der 70er in ihr eigenes Heim zieht. 33 Jahre lang ist er dort, bis er 2001 in den Ruhestand geht. „Ich bin gut mit den Leuten ausgekommen“, sagt er. Jetzt lebt er im Altersheim St. Martin und hält dort mit nunmehr 94 jeden Sonntag immer noch Messe, auch wenn der Rücken schmerzt. „Aber ich mach es halt für die Leut‘.“

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