Rosenheimer Initiative „HaLT“ bietet Hilfe für alkoholgefährdete Jugendliche

Der Griff zur Flasche gehört bei manchen Kindern und Jugendlichen schon dazu. Ihr Motiv: Hemmungen abbauen, Dazugehören. DPA

Auch Kinder und Jugendliche trinken Alkohol. Manche zu oft und zu viel. Warum das so ist und welche Hilfe es in Rosenheim gibt:

Rosenheim – Die Initiative HaLT (Hart am Limit) klärt in Rosenheim Kinder und Jugendliche über Alkoholmissbrauch auf. Doch bei HaLT geht es nicht nur um Prävention. Sondern auch um konkrete Unterstützung für Jugendliche, die zu viel trinken, und ihre Eltern. Im Fasching wird ausgelassen gefeiert und dabei ist Alkohol oft mit im Spiel. Leider auch für viele Jugendliche in Rosenheim.

Pro Jahr rund 50 Alkoholvergiftungen

Rund 50 Kinder und Jugendliche werden pro Jahr wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt, sagt Dr. Thorsten Uhlig (57), Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin des Klinikums Rosenheim. „Wir versorgen die Patienten akut. Aber in der Vergangenheit haben wir uns oft die Frage gestellt, ob die Jugendlichen daraus lernen. Kein gutes Gefühl,“ sagt Uhlig.

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Seit 2007 gibt es das bundesweite Projekt HaLT, das in Rosenheim Fachambulanz für Suchterkrankungen Diakonisches Werk Rosenheim finanziert und angeboten wird. Zwei Mitarbeiter, die beiden Sozialpädagogen Christian Bauer und Moni Schindler, bieten klassische Erstprävention in Schulklassen oder Vereinen an. Besonders am Projekt ist allerdings, dass HaLT auch aktiv wird, wenn Jugendliche mit ihrem Alkoholkonsum auffällig werden und bereits im Krankenhaus gelandet sind. Die Mitarbeiter des Projekts kommen in der Klinik und bieten Unterstützung durch Gespräche an. Es besteht kein Zwang, diese anzunehmen. Ungefähr zwei Drittel der Eltern entschieden sich dafür, sagt Uhlig.

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Nach dem Klinikaufenthalt, in zweiten Schritt, können die betroffenen Jugendlichen gemeinsam mit anderen an einem „Risiko-Check“ teilnehmen. In der Gruppe reflektieren sie ihren Alkoholabsturz und unternehmen gemeinsam etwas, gehen etwa gemeinsam klettern. So gewinnen sie an Selbstbewusstsein, um künftig besser Nein zu Alkohol sagen zu können.

Meist gibt es keinen konkreten Grund, warum Teenager sich so betrinken, dass sie in der Notaufnahme landen. „Dazugehören und mithalten zu wollen, sich einfach mal dem Stress und dem Alltag entziehen, mal so richtig feiern: Ganz klar kann man es meist nicht zuordnen“, sagt Bauer.

Stress als Motiv fürs Trinken

Dr. Thorsten Uhlig bestätigt das: „Nur selten kommt es vor, dass sich Jugendliche tatsächlich wegen eines Problems betrinken. Eher sind es Gruppenphänomene. Sie wollen gemeinsam über die Stränge schlagen. Das endet dann eben oft in der Klinik.“

Sowohl Bauer als auch Uhlig fällt auf, dass das Stressempfinden bei jungen Menschen zunimmt. Selbstoptimierung und eine zunehmende Leistungserwartung sehen beide als Gründe, oft unterstützt durch Social Media. „Da ist der Rausch oft eine Flucht vor der Realität“, sagt Dr. Uhlig. Diese Entwicklungen spiegeln sich laut Uhlig auch in zunehmenden psychosomatischen Erkrankungen schon im jungen Alter.

Die Probleme der Kinder und Jugendlichen betreffen meist die ganze Familie: Viele Eltern sind überfordert, wenn ihr Kind Alkohol trinkt. Auch den Vätern und Müttern bietet HaLT Unterstützung an. Diese Unterstützung aber sei ein Angebot. Sie können es nutzen, müssen aber nicht, betont Bauer. Ein erhobener Zeigefinger helfe weder Eltern noch Kindern selbst, wenn sie nach einer Alkoholvergiftung in der Klinik aufwachen. „Die meisten schämen sich und Eltern wissen oft nicht, was sie tun sollen“, sagt Bauer. Ziel seiner Arbeit ist, dass Eltern und Jugendliche wieder miteinander ins Gespräch kommen. „Das kann manchmal für die Kinder nervig sein, aber Eltern dürfen auch nerven. Dürfen fragen: Wo warst du, was hast du gemacht, mit dem warst du unterwegs?“ Aber auch Eltern selbst sollten laut Bauer ihr eigenes Konsumverhalten in Sachen Alkohol hinterfragen.

Konsum eher im Privaten

Damit Kinder und Jugendliche gar nicht erst in die Versuchung kommen, übermäßig Alkohol zu trinken, geht HaLT mit verschiedenen Präventionsangeboten auf Schulen zu. Dazu gehören Workshops von der fünften bis zur 13. Klasse, an denen die Lehrer nicht teilnehmen.

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Die Trinkgewohnheiten bei Jugendlichen haben sich über die Jahre verändert, so die Erfahrung Experten. Wer Alkohol konsumiert, zieht sich mehr und mehr ins Private zurück. Umso wichtiger ist für HaLT die Zusammenarbeit mit der Stadt. Gemeinsam schulen sie seit dem Jahr 2008 Berufsschulklassen für Einzelhandelskaufleute und informieren über die rechtlichen Rahmenbedingungen und Risiken des Alkoholverkaufs an Kinder und Jugendliche. Der übergreifende Ansatz funktioniere, sagt Christian Schwalm, Sprecher der Stadt Rosenheim. Ähnlich sieht es Uhlig, der Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin des Klinikums Rosenheim: „Das Projekt ist die ideale Verzahnung mit dem medizinischen Angebot. Wir sind sehr froh, dass es HaLT gibt.“

Das Angebot von HaLT gibt es über die Faschingszeit hinaus. Wer es nutzen möchte, kann sich an die Fachambulanz für Suchterkrankungen Diakonisches Werk in Rosenheim wenden. Zu finden ist sie in der Kufsteiner Straße 55. Die Mitarbeiter sind zu erreichen unter der Telefonnummer 0 80 31/35 62 80.

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