Rosenheimer Herbstfest vor dem Aus: Wirtschaftlicher Verband zögert mit klarer Aussage

Von hoher Warte aus betrachtet, ist ein Volksfest in Zeiten von Corona gefährlich. Den Rosenheimern wird ein Höhepunkt des Jahreslaufs kaum mehr zu retten sein. Schlecker
  • Michael Weiser
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Aufs Herbstfest 2020 wollte am Dienstag in Rosenheim niemand mehr wetten. Nachdem Ministerpräsident Markus Söder am Morgen zusammen mit Münches OB Dieter Reiter das Münchner Oktoberfest abgesagt hatte, schien auch das Schicksal des Herbstfestes in Rosenheim besiegelt.

Rosenheim– Nur sich äußern dazu, das wollte kaum jemand, mit Verweis auf die Ausrichter. Die Verantwortung liege beim Wirtschaftlichen Verband, hieß es etwa seitens der Stadt Rosenheim. Ähnlich äußert sich Auerbräu. Pressesprecher Michael Hinterseer bat um Verständnis, nach einer verbindlichen Äußerung des Verbandes könne man sich gerne wieder unterhalten.

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Der Wirtschaftliche Verband aber zögert. Auf Anfragen der OVB-Heimatzeitungen teilte Geschäftsführer Hertreiter nur das mit: „dass wir uns in Bezug auf das Rosenheimer Herbstfest zu gegebener Zeit mit einer aktuellen Information an Sie wenden werden“. In einer früheren Reaktion hatte der Verband vor einigen Tagen erklärt, die Entwicklung bis Mai zu beobachten und dann zu entscheiden.

Söder ließ wenig Spielraum

Söders Ansage jedoch hatte an sich keinen Spielraum gelassen. „Es geht nicht nur um das Oktoberfest, wir haben noch einige andere Feste, die auch kurz um die Zeit sind, sei es Gillamoos oder andere, über die wir hier ähnlich entscheiden müssen.“ Dies hatte Söder in seiner Erklärung betont.

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Zu diesen „anderen Festen“ gehört mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit auch Rosenheim. Das Herbstfest würde auch noch drei Wochen früher als die Wiesn beginnen, drei Tage vor Ablauf der Sperrfrist für Großveranstaltungen. Man kann es um diese drei Tage verschieben, sicher, aber auch dann wäre man viel früher dran als das Oktoberfest.

Das Rosenheimer Herbstfest gehört auch noch zu den größten Volksfesten in Bayern, wenn auch nicht ganz mit dem Riesen-Zustrom aus aller Welt wie bei der Münchner Wiesn. Ja, das Herbstfest gilt vor allem als Fest für die Einheimischen, für die Region; der Anteil der Gäste aus weiterer Entfernung ist viel geringer als auf der Theresienwiese. Auf das Braten von Extra-Würsten wird man sich mit dieser Begründung kaum verlegen können, zumal die Staatsregierung sich den Münchner Proteststurm in einem solchen Fallgut vorstellen kann.

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Wer sich gestern überhaupt äußerte, tat dies daher besorgt. Etwa Max Fahrenschon aus der bekannten Schaustellerfamilie. Man hätte in München mit der Entscheidung doch noch warten können, wer wisse schon, wie sich die Corona-Krise entwickle. Außerdem habe man die Vorschläge der Wirte und Fahrgeschäftebetreiber gar nicht angehört, sagte er dem OVB, da hätte es sicher Lösungen gegeben.

Folgen sind gewaltig

„Das trifft uns sehr hart“, sagt Fahrenschon. „Die Gewerbesteuer bricht überall ein, und wer Kredite bekommt, muss die irgendwann auch zurückzahlen.“

Für Stadt und Landkreis Rosenheim seien die Folgen gewaltig. „Das Herbstfest hat ein Sechstel der Besucher vom Oktoberfest“, sagt Fahrenschon, „Rosenheim aber nur ein Zwanzigstel der Stadt München. Uns trifft das im Verhältnis noch härter.“ Die Stadt München hatte den wirtschaftlichen Wert des Oktoberfestes mit 1,3 Milliarden Euro beziffert.

„Da hängt unglaublich viel dran, in allen möglichen Bereichen“, sagt Marisa Steegmüller von der Brauerei Flötzinger. Dass der Verband sich mit seiner Entscheidung schwertut, versteht sie. Andererseits: ein Zelt acht Wochen lang aufbauen und dann – unverrichteter Dinge abbauen? „Wäre auch schlimm“, sagt sie.

Steuersenkung ins Spiel gebracht

Von existenzbedrohenden Zuständen spricht Theresa Albrecht, Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands. „Eine Katastrophe“, sagt sie, immerhin bringe das Herbstfest auch viele Einnahmen durch Übernachtungsgäste. Für viele Wirte und Hoteliers sei das wie eine „fünfte Jahreszeit“, sagt sie.

Theresa Albrecht bringt angesichts solcher Schockwellen wie es die Absage des Herbstfestes wäre, eine dauerhafte Senkung der Steuer ins Spiel, um gebeutelte Gastronomen am Leben zu halten. „Ich denke, dass mindestens 20 Prozent auf der Strecke bleiben“, sagt sie. „Viele haben kaum ein Polster. Und die, die überleben, schließen Kredite ab. Die muss man auch erst mal abzahlen können.“

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Kleinere Volksfeste ab September fordert der Rosenheimer AfD-Abgeordnete Andreas Winhart. „Die Schausteller und viele Brauereien werden derzeit in ihrer Existenz bedroht, und ein Teil der bayerischen Kultur droht verloren zu gehen“, sagte er laut Pressemitteilung. Mit seinen Hunderttausenden Besuchern aber wird das Herbstfest auch von dieser Forderung kaum etwas haben.

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