NEUES VERSORGUNGSZENTRUM

Rosenheimer Ärztenetz will Heuschrecken als Investoren verhindern

Mit der Öffnung eines medizischen Versorgungszentrums will das Rosenheimer Ärztenetz verhindern, dass private Investoren in hiesige Praxen einsteigen.
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Mit der Öffnung eines medizischen Versorgungszentrums will das Rosenheimer Ärztenetz verhindern, dass private Investoren in hiesige Praxen einsteigen.
  • Jens Kirschner
    vonJens Kirschner
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Anfang April will das Rosenheimer Ärztenetz Änro ein medizinisches Versorgungszentrum in der Leitzachstraße eröffnen. Drei Allgemeinmediziner beziehen die Räume der ehemaligen Praxis des verstorbenen Arztes Dr. Gerd Wichert. Die Übernahme soll vor allem verhindern, dass private Geldgeber dort einsteigen.

Rosenheim– In der Rosenheimer Leitzachstraße plant das Ärztenetz Rosenheim (Änro) ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ). Drei Ärzte sollen in den ehemaligen Räumen der Praxis des Mediziners Dr. Gerd Wichert einziehen, der unerwartet im Herbst vergangenen Jahres verstarb. Zum April will der Zusammenschluss den Betrieb aufnehmen.

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Mit Beginn des Jahres hat der Rosenheimer Orthopäde Dr. Gregor Droscha die Geschäftsführung des Änro übernommen. Er beschreibt das neue Ärztezentrum als „revolutionär“. Vor allem deswegen, weil die Übernahme der Praxis von Gerd Wichert verhindere, dass sich private Investoren, dort einkauften, die sich vornehmlich an Gewinnmargen und weniger am medizinischen Ethos orientierten. Droscha spricht in diesem Zusammenhang von „Heuschrecken“, also von Geldgebern, die ohne Rücksicht auf andere Belange maximalen Profit aus ihren Anlagen schlagen wollen. Ein Phänomen, das bei Krankenhäusern gemeinhin bekannt ist, bei einzelnen Praxen jedoch wohl eher Seltensheitswert hat, wie der Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbands Rosenheim, Dr. Fritz Ihler, auf Anfrage findet.

Keine „klassische Gemeinschaftspraxis“

Die Räume beziehen die Allgemeinmediziner Wolgang Hefele, Ulrike Schormaier und Margarethe Heibler. Dies jedoch in unterschiedlicher Besetzung, wie die Sprecherin des Änro, Martina Visser, berichtet. Allein die Ärztin und Notfallmedizinerin Heibler fülle als Jüngste des Trios eine ganze Stelle und sei während der ganzen Woche im MVZ anzutreffen. Ihre Kollegen arbeiten in Teilzeit.

Dabei ist ein medizinisches Versorgungszentrum nicht mit einem Ärztehaus zu verwechseln, bei dem mehrere Fachrichtungen unter einem Dach zusammenkommen. Vielmehr handle es sich um eine Form der „Gemeinschaftspraxis“, wie Fritz Ihler schildert.

Flexibler als mit niedergelassenen Ärzten

Das MVZ diene als Träger der Praxis, die Ärzte selbst seien im Gegensatz zur „klassischen Gemeinschaftspraxis“ beim Versorgungszentrum angestellt. Der Vorteil dieser Form: Man sei gerade im ambulanten Bereich mit dem Einsatz angestellter Mediziner flexibler als mit niedergelassenen Kollegen. Vorteile verspricht sich das Rosenheimer Ärztenetz zudem davon, dass sich zwei der drei Doktores im künftigen Versorgungszentrum speziellen Feldern widmeten – jenseits ihrer Fachrichtungen. Während sich Margarethe Heibler mit Notfallmedizin beschäftigt, kümmert sich Ulrike Schormair schon geraume Zeit um die ambulante Versorgung von Palliativpatienten im Landkreis Rosenheim.

Änro sucht weitere Mediziner

Hinzu komme das Ziel des Netzwerks, Wissen seiner Mitglieder zusammenzuführen. Über eine digitale Plattform teilten diese ihre Erkenntnisse mit Kollegen. Auch damit wirbt das Änro derzeit um neue Teilnehmer.

 Denn: „Wir brauchen mehr Ärzte, vor allem Hausärzte“, berichtet Martina Visser. Doch auch Mediziner bestimmter Fachrichtungen fehlten noch im Bestand des Netzwerks, darunter Kinderärzte und Gynäkologen. In Verhandlung stehe man bereits mit der Rosenheimer Romed-Klinik.

Behandlungskosten reduzieren

Für die Mitgliedschaft im Änro müssen die Teilnehmer eine Einlage über 5.000 Euro leisten, um dessen Dienstleistungen in Anspruch nehmen zu können. Doch das Rosenheimer Ärztenetz habe sich bewährt, findet der Allgemeinmediziner Fritz Ihler, der ebenso an dieses angeschlossen ist. Zum einen ermögliche das Änro seinen Mitgliedern einen einfachen Austausch ihrer Patientendaten. Damit will man Doppeluntersuchungen und schlussendlich Behandlungskosten reduzieren. Das komme auch den Krankenkassen zugute, wie das Ärztenetz für sich wirbt.

An der Rosenheimer Leitzachstraße will das Rosenheimer Ärztenetz im April ein medizinisches Versorgungszentrum eröffnen.

Sonderleistungenfür Patienten

Ebenso profitierten die Versicherer von statistischen Erhebungen aus dem Datenpool des Netzwerks. Patienten der Mitgliedsärzte wiederum kämen in den Genuss von Sonderleistungen, darunter einer Medikationsberatung und Tests in Sachen Sport- und Fitnesstauglichkeit.

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Auch der Spitzenverband „Bund der Krankenkassen“ (GKV) findet die Organisation eines solchen Ärzteverbunds grundlegend gut: „Dies kann sicherlich positive Effekte auf die Versorgung der Versicherten in der Region haben“, antwortet die GKV auf Anfrage.

Hintergrund

Das Ärztenetz Rosenheim (Änro) entstand 2011 und versteht sich als fachübergreifender sowie regionaler Zusammenschluss von Ärzten und Therapeuten. Erklärtes Ziel des Netzwerkes ist, die Qualität der Gesundheitsversorgung im Raum Rosenheim stetig zu verbessern. Dies beinhaltet neben der Zusammenarbeit mit Ärzten und Zahnärzten auch Leistungen aus den Bereichen Physiotherapie wie auch die Versorgung der Patienten mit medizinischen Hilfsmitteln. Das Änro zählt nach eigenen Angaben 47 Ärzte als Mitglied sowie die Schön Klinik Bad Aibling-Harthausen. Hinzu kommen zwei Apotheken, eine Praxis für Physiotherapie, die ambulante Rosenheimer Palliativversorgung Jakobus und ein Sanitätshaus. Während zum Beginn des Projekts noch nicht-ärztliche Mitglieder zugelassen waren, ist dies laut Ärztenetzwerk seit fünf Jahren nach den Vorgaben der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern nicht länger möglich.

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