Rosenheim: Warum die Corona-Krise für Menschen mit psychischen Erkrankungen besonders schlimm ist

Ein Bild aus besseren Zeiten:Die Mitglieder der Teeküche: (von links) Manfred Schneidereit, Sabine Fastnacht, Karsten Wach, Toni Steimer, Hartmann Rüdt, Sieglinde Steimer, die Leiterin und Initiatorin der Gruppe Waltraud Gelner, Horst Karlovs ky und Steffi Krämer. Schlecker
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Weil gewohnte und eingeübte Tagesabläufe nicht mehr funktionieren, treffen die Folgen der Corona-Pandemie all jene hart, die solche Alltags-Routinen zum Überleben brauchen. Dazu zählen Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Rosenheim – Seit dem Beginn der Corona-Krise hatte Sieglinde Staimer viele schlechte Tage. Tage, an denen sie die meiste Zeit im Bett oder auf der Couch verbracht hat. Sie benutzt Begriffe wie „antriebslos“ und „dunkle Gedanken“, um in Worte zu fassen, was sich nicht in Worte fassen lässt. Die 54-Jährige leidet an Depressionen. Schon seit ihrer Jugend.

Selbsthilfegruppen sind eingestellt

Jeden Freitag, von 17 bis 19 Uhr, besucht sie die Teestube in Rosenheim, einen Treffpunkt für Menschen mit psychischen Problemen und für alle, die sich einsam fühlen. Dort, im geschützten Raum, tauscht sie sich mit anderen Betroffenen aus, spricht über ihre Sorgen und Ängste.

Fatale Folgen für Menschen mit psychischen Erkrankungen

Doch seit der Corona-Pandemie und ihren Folgen ist alles anders. Die Selbsthilfegruppe und andere Hilfsangebote sind eingestellt.

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„Durch die Ausgangsbeschränkung brechen die sozialen Netzwerke weg. Das wirkt sich für Menschen mit psychischen Erkrankungen besonders fatal aus“, sagt Siegfried Zimmermann, der Leiter des sozialpsychiatrischer Dienstes der Caritas für Stadt und Landkreis.

Ablenkung fehlt

Weil die Ablenkung fehlt, sind die Menschen ständig mit der Corona-Krise und der Angst vor einer Ansteckung konfrontiert. „Die massiven Unsicherheiten wirken bei Menschen mit psychischen Problemen ungehinderter und bedingen somit größere Ängste, einen stärkeren Rückzug oder ein höheres Maß an Panik“, sagt Zimmermann. Es seien vor allem Existenzängste, die Angst um die eigene Gesundheit aber auch die Angst, zu vereinsamen und vergessen zu werden.

Nur mit Mundschutz und Handschuhen vor die Tür

Ängste, die auch Sieglinde Staimer nur zu gut kennt. Sie macht sich Sorgen. Rund um die Uhr. Sie schaut Nachrichten, obwohl sie weiß, dass ihre Ängste dadurch nur schlimmer werden. „Ich ärgere mich über mich selbst, weil ich weiß, dass es mir nicht guttut.“ Aufhören kann sie trotzdem nicht.

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Das Haus verlässt sie nur, um mit ihrem Hund spazieren zu gehen. Dann setzt sie sich einen Mundschutz auf, streift Handschuhe über und geht eine kleine Runde. „Ich habe ständig das Gefühl, dass sich die Leute über mich lustig machen“, sagt sie. Auf Handschuhe und Mundschutz will sie trotzdem nicht verzichten.

Staimer gehört zur Corona-Risikogruppe

Auch weil sie zur Corona-Risikogruppe gehört: Sie ist über 50 und hat Asthma, hatte vor einigen Jahren eine Lungenembolie. „Ich nehme die Sache einfach sehr ernst“, sagt sie. Ablenken kann sie sich nur selten. „Ich weine oft.“ Manchmal gelinge es ihrem Mann, sie aufzumuntern, an anderen Tagen wisse auch er nicht weiter.

Wach nimmt seit zehn Jahren an den Treffen teil

„Es ist zurzeit einfach eine schlimme Situation für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen“, sagt auch Carsten Wach. Der 57-Jährige nimmt seit zehn Jahren selbst an den Treffen der Teestube teil. Er habe damals immer wieder mit psychischen Problemen zu kämpfen gehabt, sagt er. „Ich habe meinen Job verloren und bin in ein Loch gefallen.“ Über die Jahre bekam er seine Probleme aber immer besser in den Griff. Er fing an zu musizieren, spielt heute Orgel und Saxofon. Geht mehrmals in der Woche zum Tanzen.

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„Wer Musik hat, braucht keinen Psychiater“, sagt er. Für die Mitglieder der Teestube organisiert er zudem Karaoke-Abende und Tanzveranstaltungen. Doch seit einigen Wochen ist auch sein Terminkalender leer. Abendveranstaltungen sind abgesagt, Auftritte auf unbestimmte Zeit verschoben. „Für mich ist es ein sehr großer Lebenseinschnitt“, sagt Wach.

Bewegung und viele Telefonate

Dass die Beschränkungen im Alltag für Menschen mit physischen Erkrankungen besonders schlimm sind, bestätigt auch die Deutsche Depressionshilfe. Bei einer Depression wird alles Negative im Leben vergrößert und ins Zentrum gerückt. Derzeit zählen dazu eben auch Sorgen und Ängste wegen der Corona-Pandemie, heißt es.

Buch lesen, statt Nachrichten schauen

Um die schwierige Situation wenigstens ein bisschen zu meistern, rät Siegfried Zimmermann zu viel Bewegung. „Frische Luft wirkt gegen depressive Verstimmungen.“ Auch sollten die Betroffenen sich bemühen, die sozialen Kontakte weiterhin zu pflegen, etwa über Telefonate oder Skype. Statt ständig Nachrichten über Corona zu schauen, rät Zimmermann dazu, ein Buch zu lesen. „Eins, das nichts mit Viren zu tun hat.“ Außerdem bietet die Caritas telefonische Beratungen und digitale Angebote an. So wurde etwa eine CD mit Entspannungs- und Aufmerksamkeitsübungen an die Teilnehmer der Gruppen

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angebote geschickt. Zudem, meldet die Deutsche Depressionshilfe, dass viele Psychotherapeuten Video-Sprechstunden anbieten.

Waltraud Gelner kümmert sich

Und auch die Mitglieder der Teestube unterstützen sich gegenseitig. Einmal in der Woche ruft die Leiterin Waltraud Gelner (71) bei allen Betroffenen an, erkundigt sich nach deren Befinden. „Der Zusammenhalt bedeutet mir unheimlich viel“, sagt Sieglinde Staimer. Ein kleiner Trost in dieser schwierigen Zeit.

Wichtige Nummern: 

Krisendienst der Psychiatrie ist 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche besetzt unter Telefon 0180/655 3000. Sozialpsychiatrische Dienst der Caritas in Rosenheim: Telefon 08031/2038 0, montags bis donnerstags 9 bis 12 Uhr und 13 bis 16 Uhr, freitags von 9 bis 12 Uhr.

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