Selbsthilfegruppe gegründet

Rosenheim: Sabrina Götzingers unerfüllter Kinderwunsch - „Es war fast so, als ob jemand gestorben ist.“

Sabrina Götzinger (34) will anderen Frauen helfen.
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Sabrina Götzinger (34) will anderen Frauen helfen.
  • Anna Heise
    vonAnna Heise
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Fünf Jahre lang hat Sabrina Götzinger (34) versucht, schwanger zu werden. Doch auch nach vier künstlichen Befruchtungen und zahlreichen Medikamenten blieb ihr Kinderwunsch unerfüllt. Jetzt hat sie in Rosenheim eine Selbsthilfegruppe gegründet, um Frauen mit dem gleichen Schicksal zu unterstützen.

Rosenheim/Bernau – Immer, wenn die Bauchkrämpfe die nächste Blutung ankündigten, wusste Sabrina Götzinger: Es hat wieder nicht geklappt, sie ist wieder nicht schwanger. Mit jedem Jahr wuchs die Traurigkeit, aber auch die Verzweiflung und die Wut auf den eigenen Körper. Denn für die junge Frau gab es lange Zeit nur ein Ziel: „Ich wollte unbedingt Mutter werden.“ Sie habe damals ihr ganzes Leben danach ausgerichtet, dachte, sie könne nur mit einem Kind richtig glücklich werden. Mittlerweile denkt sie anders. Auch weil ihr keine andere Wahl blieb. Denn die 34-Jährige leidet an dem sogenannten PCO-Syndrom, einer hormonellen Zyklusstörung, die es betroffenen Frauen schwer macht, schwanger zu werden.

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Sabrina Götzinger beginnt Medikamente zu nehmen. Schwanger wird sie trotzdem nicht. Schließlich trifft sie – gemeinsam mit ihrem Mann – die Entscheidung, ihre Eizellen einfrieren zu lassen. Nach den ersten vier gescheiterten künstlichen Befruchtungsversuchen, ist Götzinger „körperlich und psychisch am Ende.“ Sie mag sich selber nicht, fühlt sich schuldig. Und das obwohl sie weiß, dass sie nichts dafür kann. Ihr Mann unterstützt sie. Aber auch an ihm geht das Ganze nicht spurlos vorbei. „Er musste mir zusehen, wie ich leide und konnte nichts dagegen tun“, sagt Götzinger. Schließlich geben sie den Kinderwunsch auf.

Für die 34-Jährige beginnt ein Trauerprozess

Für die 34-Jährige beginnt jetzt ein Trauerprozess. „Es war fast so, als ob jemand gestorben ist.“ Auf die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens folgte die innere Auseinandersetzung mit dem Verlust und schließlich die Akzeptanz. Auch weil eine Adoption weder für sie, noch für ihren Mann je in Frage gekommen ist. Zu groß sei die Angst vor einer ungewissen Zukunft gewesen. „Man ist immer in einer Warteschleife und lebt nie im Augenblick“, sagt Götzinger.

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Nach der Entscheidung, den Kinderwunsch auf Eis zu legen, habe sie sich „komplett neu orientieren müssen“. Sie musste sich neue Ziele setzen, musste herausfinden, was ihr wichtig ist. Sie beginnt eine Ausbildung zur psychologischen Beraterin, setzt die Teile ihres Lebens neu zusammen. Und trifft die Entscheidung, anderen Frauen, die in der gleichen Situation sind, zu helfen. „Ich wollte einfach dafür sorgen, dass sich niemand so alleine fühlt, wie ich damals.“ Die Selbsthilfegruppe „Unerfüllter Kinderwunsch“ entsteht. Sie verteilt Flyer, bekommt Unterstützung von der Rosenheimer Diakonie.

An dem ersten Treffen der Gruppe nehmen fünf Frauen teil. Alle haben eine ähnliche Geschichte. Götzinger begrüßt die Teilnehmer, legt drei Regeln fest. Keine Unterbrechungen, keine Zwischenfragen und keine „gut gemeinten Ratschläge“.

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Zwei Stunden später hat jede der Anwesenden einen Teil ihres Schicksals erzählt. „Ich hätte nicht damit gerechtet, dass jeder so offen ist“, sagt Götzinger. In einigen Tagen wollen sich die Frauen wieder treffen, wollen noch mehr von sich preisgeben.

Sabrina Götzinger weiß jetzt, dass sie nicht alleine ist – es wahrscheinlich nie war. Es gehe ihr gut. An manchen Tagen besser, als an anderen. Den Wunsch vom eigenen Kind hat sie mittlerweile nicht mehr. „Ich habe mir ein Leben aufgebaut, in dem ein Kind keinen Platz mehr hätte.“ Die 34-Jährige weiß, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Auch wenn dieser Weg einer ist, den sie so nicht hat kommen sehen. „Ich bin zufrieden“, sagt sie. Und meint es.

Ausführliche Infos zur Selbsthilfegruppe

Die Treffen der Selbsthilfegruppe „Unerfüllter Kinderwunsch“ finden jeden zweiten und vierten Samstag im Monat statt. Jeweils von 14 bis 15.30 Uhr im Katholischen Pfarramt Bernau in der Rottauer Straße 3. Anmeldung unter E-Mail: sunshine-for-you@gmx.de oder per Telefon unter 0175/6828785.

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