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Rosenheimer Florian Wenzel im Gespräch

Sollte das Gespräch mit Corona-Leugnern gesucht werden? Demokratie-Experte hat klare Meinung

  • Anna Heise
    VonAnna Heise
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Rosenheim – Gefährdet die Pandemie unsere Demokratie? Und wie sollte man Corona-Leugnern und Impfgegnern begegnen? Ein Gespräch mit dem Rosenheimer Demokratie-Experten Florian Wenzel über Minderheiten, rote Linien und warum die sozialen Medien eine Mitschuld an der zunehmenden Radikalisierung der Gesellschaft tragen.

Glauben Sie, dass die Demokratie in Gefahr ist?

Florian Wenzel: Nein. Die Frage ist eher, ob es in Krisenzeiten wie der Pandemie Vertrauen in die Demokratie braucht oder ganz viel Kritik. Ich würde sagen, eigentlich können wir großes Vertrauen haben in die Politik. Misstrauen und Politikverdrossenheit hat es auch schon vor der Pandemie gegeben.

Ist die Gesellschaft in der Mitte gespalten?

Wenzel: Ich glaube, dass diese sogenannte Spaltung lange herbeigeredet und zum Teil auch von einer kleinen, dafür aber sehr lauten Minderheit inszeniert wurde, damit sie wahrgenommen wird. Fest steht, dass wir eine große Mehrheit haben, die nach wie vor Vertrauen in die Demokratie hat. Das zeigt auch die Impfquote.

Wie schafft man es, als Gesellschaft wieder zusammenzukommen?

Wenzel: In einer demokratischen Gesellschaft wird es immer Werte geben, die in Spannung stehen. Natürlich sind die individuelle Freiheit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit wichtige Werte in der Demokratie. Genauso wichtig sind aber Solidarität und die Verantwortung für andere. Diese daraus resultierenden Spannungen kann man nicht durch Schlauheit oder Intelligenz auflösen. Wir müssen lernen, mit diesem Dilemma umzugehen, und immer wieder begründete Entscheidungen treffen, warum wir uns auf die eine oder die andere Seite stellen. Aber man darf auch nicht vergessen, dass die Demokratie von der Kontroverse lebt. Das hat schon Steinmeier gesagt.

Wie wichtig ist es, das Gespräch mit „Spaziergängern“, Corona-Leugnern und Impfgegnern zu suchen?

Wenzel: Es gab in der politischen Bildung schon viele Versuche mit den Spaziergängern ins Gespräch zu kommen. In der Masse von aufgewühlter Emotionalität ist es unheimlich schwer, ruhig miteinander zu reden. Zudem hat jeder seine eigenen Fakten und Experten. Da kommt man oft nicht weiter. Was es braucht, ist ein ruhiger Rahmen.

Demokratie-Experte Florian Wenzel (links) bei einer Veranstaltung. In Rosenheim war er als Referent beim Studiengang „Demokratie gestalten“ am Katholischen Bildungswerk in Rosenheim.

Oberbürgermeister Andreas März hat erst kürzlich zum Runden Tisch eingeladen – mit Vertretern der Mahnwache und der Initiative „Rückenwind“. Letztere haben allerdings abgesagt.

Wenzel: Auch hier gibt es natürlich ein Dilemma. Zum einen kann man dem Oberbürgermeister den Vorwurf machen, dass die Veranstalter dadurch ein größeres Forum bekommen und durch die Einladung ins Rathaus geadelt werden. Gleichzeitig würden sich diejenigen, die nicht eingeladen wurden, als Opfer darstellen. Wenn jemand sagt, dass wir in einer Corona-Diktatur leben, stellt sich aber schon die Frage, ob man sich mit diesen Personen an einen Tisch setzen sollte.

Und man muss sich sicherlich auch eingesehen, dass sich viele Probleme, die durch die Pandemie entstanden sind, nicht durch Seminare und Gespräche lösen können.

Wenzel: Und genau deswegen haben wir auch eine Gewaltenteilung in der Demokratie. Man darf nicht naiv sein und glauben, dass man mit Bildung alles richten kann. Wir sind nicht der Reparaturbetrieb für alles, was schief geht. In bestimmten Fällen braucht es Gerichtsverfahren und eine Strafe. Es gibt rote Linien. Hass und Hetze sind keine Meinungen mehr. Und auch bei der Herabwürdigung anderer ist eine Linie überschritten.

Diese Linie wird vor allem in den Telegram-Gruppen immer wieder überschritten.

Wenzel: In diesen Gruppen versuchen, Rechtsextremisten die Radikalisierung voranzutreiben. Aber ich glaube nicht, dass das aus der Mehrheit kommt. Zudem glaube ich, dass das Grundproblem ist, dass die Algorithmen der sozialen Medien auf Extremisierung ausgerichtet sind. Es geht in meinen Augen weniger darum, sie zu sperren, und mehr darum, die Turboweiterverbreitung in Richtung Extremismus in den Griff zu bekommen. Das ist übrigens auch Thema im Seminar am katholischen Bildungswerk.

Besagtes Seminar soll dabei helfen, die Demokratie zu gestalten.

Wenzel: Während des Seminars haben unterschiedliche Menschen unter anderem die Möglichkeit, die Dinge kontrovers anzusprechen. In diesem Rahmen geht es nicht darum, was richtig und falsch ist. Es geht darum, zu verstehen, warum die Menschen wütend sind, auf die Straße gehen und sich nicht ernst genommen fühlen.

An dem Seminar werden aber sicherlich keine „Spaziergänger“ oder Corona-Leugner teilnehmen, oder?

Wenzel: Im ersten Semester waren keine dabei. Das stimmt. Aber es war trotzdem genug Diversität dabei. Jeder kennt Leute, die beispielsweise bei den Spaziergängen dabei sind. Und da hilft es vielleicht einen Ansatzpunkt zu haben, wie man anders in Gespräch kommen kann. Man lernt wertschätzend zu fragen und nicht genervt zu sein. Man könnte beispielsweise fragen, was für einen Wert die- oder derjenige als verletzt sieht. Und man kann ja nach wie vor unterschiedlicher Meinung sein aber es geht dann nicht mehr um diesen Schlagabtausch, wer gewinnt und wer verliert.

Zur Person

Florian Wenzel ist freiberuflich in der politischen Bildung tätig und arbeitet in verschiedenen Demokratieprojekten in Deutschland. Er hat Sozialwissenschaften und politische Theorie studiert und war Referent beim Studiengang „Demokratie gestalten“ am Katholischen Bildungswerk in Rosenheim. Beginn ist ab dem 7. März, immer montags, jeweils von 9.30 bis 12 Uhr. Es geht vor allem um Meinungsmacher und Meinungsbildung. Mehr Infos gibt es auf der Homepage des Bildungswerkes.

Rubriklistenbild: © Martin Schutt

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