100 JAHRE RÄTEREPUBLIK

Als in Rosenheim Revolution war

Demonstration am 22. Februar 1919 vor der Königsschule nach der Ermordung von Ministerpräsident Kurt Eisner.  Stadtarchiv Rosenheim
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Demonstration am 22. Februar 1919 vor der Königsschule nach der Ermordung von Ministerpräsident Kurt Eisner. Stadtarchiv Rosenheim

„Revolutionen sind die großen Beschleuniger der Weltgeschichte!“ Mit diesem an Karl Marx angelehnten Zitat eröffnete Andreas Salomon vor zahlreichen Zuhörern seinen Vortrag über „100 Jahre Räterepublik“ im Café „Z“ in Rosenheim. Eingeladen zu der Auftaktveranstaltung für das Gedenkjahr 2018 hatte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zusammen mit Attac.

Rosenheim – Salomon skizzierte zunächst die Entwicklung der Revolution von 1918/19 in Deutschland. Kriegsmüdigkeit, die Revolution in Russland und eine tiefe wirtschaftliche und politische Krise seien als die eigentlichen Ursachen der Revolution anzusehen. „Die Lebensbedingungen der Masse der Bevölkerung 1918 waren auch in Bayern zunehmend unerträglich“, so der Referent. In Bayern waren 180 000 Frontsoldaten gefallen und 400 000 verwundet, wilde Streiks führten zu zunehmenden politischen Protesten.

Ausführlich beschrieb Salomon die einzelnen Phasen der Revolution in Bayern. Nach der Ermordung von Ministerpräsident Kurt Eisner, der einen menschlichen Sozialismus anstrebte, wird bald darauf unter Johannes Hoffmann von den Mehrheitssozialdemokraten ein reformbereites parlamentarisches Regierungssystem eingeführt. Im April 1919 kommt es auf bayerischem Boden zur Ausrufung der ersten Räterepublik. Vorsitzender des Zentralrates wird Ernst Toller, ein radikaler Pazifist, der einen anarchistischen Sozialismus vertritt. „Alle größeren Städten südlich der Donau, auch Rosenheim schließen sich der Ausrufung an“, erklärte Salomon. Ein Putsch von rechts gegen die Räterepublik scheitert. Am 13. April bildet Eugen Leviné die zweite kommunistische Räterepublik, die Anfang Mai von rechtsgerichteten Freikorps brutal niedergeschlagen wird.

„In Rosenheim wird im November 1918 ein Volks- und Soldatenrat installiert, der sich um Wohnungsnot und Lebensmittelversorgung kümmert und den Wucher- und Schleichhandel bekämpft“, so Salomon. Im Januar 1919 wird eine Ortsgruppe der KPD gegründet, der Soldatenrat unter dem Vorsitzenden Guido Kopp fordert die Absetzung von Bürgermeister Wüst. Am 8. April kommt es in Rosenheim zur Ausrufung der Räterepublik. Der sogenannte „Palmsonntagsputsch“ der Rechten wird zwar niedergeschlagen, die Rosenheimer Revolutionäre müssen aber aufgeben, nachdem rechte Freikorps auf die Stadt vorrücken. In Kolbermoor werden am 4. Mai 1919 der Vorsitzende des Bezirksbauern- und Arbeiterrates Georg Schuhmann und sein Sekretär Alois Lahn von Grafinger Weißgardisten ermordet, die Mörder später vor Gericht freigesprochen.

Die sich anschließende Diskussion zeigte die große historische Bedeutung der Revolution und der Räterepublik von 1918/19 und fragte nach den Gründen ihres Scheiterns. Ihre wichtigsten Errungenschaften seien laut Salomon die Beseitigung der Monarchie, das Wahlrecht für Frauen und die Einführung des Achtstundentages, aber auch die Beseitigung der kirchlichen Schulaufsicht und das Verbot der Prügelstrafe an Schulen. fü

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