Initiatoren hoffen auf rege Beteiligung

Rosenheim: Plakataktion zur „Reichskristallnacht“ in der Rosenheimer Innenstadt läuft

Für Heidi Pütz und ihre Tochter Lilli war es selbstverständlich, ein Gedenkplakat zur „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 aufzuhängen. Sie sind überzeugt: „Daran muss immer wieder aufs Neue erinnert werden“.
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Für Heidi Pütz und ihre Tochter Lilli war es selbstverständlich, ein Gedenkplakat zur „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 aufzuhängen. Sie sind überzeugt: „Daran muss immer wieder aufs Neue erinnert werden“.
  • vonJohannes Thomae
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Um die Erinnerung an die „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 wachzuhalten, hat Dr. Thomas Nowotny zusammen mit der „Initiative Erinnerungskultur – Stolpersteine in Rosenheim“ in diesem Jahr eine Plakataktion in der Innenstadt ins Leben gerufen. Nowotny hofft auf eine rege Beteiligung.

Rosenheim – „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah, aber dafür, dass es nie wieder geschieht“. Dieser Satz des Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer richtet sich vor allem an die Jugend. Gerade deshalb hat es enorme Symbolkraft, dass ausgerechnet die siebzehnjährige Lilli Pütz einem Gedenkplakat zur „Reichskristallnacht“ im Jahr 1938 durch Kerzen und Rosen vor dem Blumengeschäft ihrer Mutter einen würdigen Rahmen gab.

Plakate bleiben bis 27. Januar hängen

Die Plakataktion geht auf Dr. Thomas Nowotny zurück. Er versucht seit Jahren, im Verbund mit der „Initiative Erinnerungskultur – Stolpersteine in Rosenheim“ die Erinnerung an jenen 9. November 1938 wachzuhalten. An diesem Tag wurden in ganz Deutschland und auch in Rosenheim jüdische Geschäfte verwüstet und zerstört. In den vergangenen Jahren veranstaltete die Initiative an diesem Tag kleine Gedenkfeiern, bot immer wieder auch Stadtführungen an, in der das jüdische Leben in Rosenheim vor dem Dritten Reich, aber auch das Martyrium während des Holocausts noch einmal lebendig wird.

In diesem Jahr musste wegen Corona alles abgesagt werden. Die Plakataktion ist ein kurzfristig geschaffener Ersatz, an dem sich schon einige Geschäfte in Rosenheims Innenstadt beteiligen. Die Plakate sollen bis zum 27. Januar – dem Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz 1945, der mittlerweile international als Holocaust-Gedenktag begangen wird – hängen bleiben.

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Für Heidi Pütz, Inhaberin des Blumengeschäftes „FlowerPower“ am Ludwigsplatz, war die Teilnahme eine Selbstverständlichkeit. Sie findet die Erinnerung an die Verfolgung im Dritten Reich, die nicht nur Juden, sondern auch Sinti, Roma und andere Minderheiten betrafen, gerade heute wichtig: „Unsere Gesellschaft ist derzeit wieder in Gefahr sich zu spalten und wieder haben Verschwörungstheorien zunehmend Zulauf. Die Zeit damals hat gezeigt, wohin das im Extremfall führen kann. Deshalb ist es wichtig, dass diese Phase unserer Geschichte nie vergessen wird“.

Nowotny: Bedenklich, dass der Antisemitismus langsam wieder Fuß zu fassen scheint

Heidi Pütz ist überzeugt, dass sich noch einige Geschäftsinhaber finden werden, die sich der Aktion anschließen: Zwar sei es vermessen, „dieses unfassbare Leid von damals mit unseren heutigen, vergleichsweise kleinen Problemen in Verbindung zu bringen.“ Dennoch: Gerade Geschäftsinhaber müssten nach dem Lockdown im Frühjahr nachfühlen können, was es heißt, quasi über Nacht das eigene Geschäft schließen zu müssen.

Für Nowotny sei es zudem äußerst bedenklich, dass der Antisemitismus langsam wieder Fuß zu fassen scheint. Er berichtet davon, dass er mit den Nachfahren eines im Holocaust umgekommenen jüdischen Mitbürgers sprach. Und über Möglichkeiten, wie an sein Schicksal erinnert werden könnte. Die Familie aber hätte jede Form der Erinnerung abgelehnt, weil sie befürchteten, damit vor allem antijüdische Reaktionen zu provozieren.

„Wenn solche Ängste heute wieder wach werden können, dann ist es höchste Zeit, dass sich die übergroße Mehrheit, die jede Form von Antisemitismus verurteilt, aus ihrem Schweigen löst und sichtbar wird“, findet Nowotny.

Engagement der 17-Jährigen ist wichtig

Auch deshalb ist das Engagement der siebzehnjährigen Lilli Pütz ein wichtiges Zeichen. Sie hatte bereits in ihrer Schulzeit an einem preisgekrönten Radioprojekt der Stephanskirchener Otfried-Preußler-Schule zum Thema Holocaust teilgenommen.

Dabei hatte man versucht, das Schicksal des Naziopfers Johann Vogl etwas näher zu beleuchten. Es sei vor allem diese Begegnung mit einem Einzelschicksal gewesen, das ihr, herausgelöst aus der Masse der Opfer, die Unmenschlichkeit der damaligen Zeit erstmals so richtig deutlich gemacht habe. „Es muss über dieses Thema mehr und immer wieder geredet werden“ sagt sie mit Überzeugung.

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