Rosenheim: Neues Wohngebiet ensteht in ehemaliger Hochwasserschutzzone

Gerade noch grüne Wiese, bald aber Wohngebiet ist diese Fläche im Rosenheimer Stadtteil Oberwöhr.
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Gerade noch grüne Wiese, bald aber Wohngebiet ist diese Fläche im Rosenheimer Stadtteil Oberwöhr.
  • Ilsabe Weinfurtner
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Wo heute noch grüne Wiese ist, soll im Rosenheimer Stadtteil Oberwöhr ein Wohngebiet mit 16 Häusern entstehen. Gebaut werden kann, aber nur mit vielen Schutzmaßnahmen.

Rosenheim – Ein neues Wohngebiet soll im Rosenheimer Stadtteil Oberwöhr entstehen. Auf einem etwa 2,7 Hektar großen Grundstück sind in vier Wohngruppen insgesamt rund 165 Wohneinheiten geplant. Die Stadträte haben dem Projekt und den dazu notwendigen Verfahrensschritten mehrheitlich zugestimmt. Die drei Stadträte der AfD sprachen sich gegen das Vorhaben aus, das in Oberwöhr bereits seit einiger Zeit für Unmut sorgt.

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Die Fläche, um die es geht, verknüpft sich fingerartig im Westen mit dem Grünzug entlang der Mangfall und vernetzt sich im Osten mit dem Augraben. Das neue Quartier ergänzt zudem die südlich der Krain-straße liegende Bebauung und bildet „einen geordneten baulichen Abschluss des alten Wohnquartiers von Oberwöhr zur Mangfall hin“, teilt die Stadt mit.

165 Wohneinheiten in vier Wohngruppen

Nach den Plänen des Rosenheimer Büros „Hamberger Kreupl Architekten“ sind vier Wohnareale vorgesehen, mit zwei Mal drei Häusern und zwei Mal fünf Häusern. Die Bebauung soll drei beziehungsweise vier Geschosse hoch werden, wobei das vierte Geschoss meist als Staffelgeschoss zurückgesetzt geplant ist. Die Baudichte entwickelt sich nach Angaben der Stadt aus den angrenzenden Rosenheimer Siedlungsgebieten und wird „als städtebaulich verträglich erachtet“. Bauträger für das Projekt ist die „Beck und Fraundienst Wohnbau GmbH & Co.KG“, ebenfalls aus Rosenheim. Dem Unternehmen gehört eines der Grundstücke.

Sechs Häuser im Rosenheimer Modell

Im Norden des Plangebietes, in der Nachbarschaft des MTV-Sportgeländes, liegt die Wohngruppe I. Sie will die Stadt Rosenheim nach dem Rosenheimer Modell als geförderten Wohnungsbau realisieren, gemeinsam mit der südlich gelegenen Wohngruppe IV. Das entspricht rund 35 Prozent der Gesamtfläche. Die Wohngruppen II und II liegen in der Mitte des Areals und werden im frei finanzierten Wohnungsbau errichtet. Die von den Architekten angelegte Struktur gilt als „aufgelockert“, außerdem soll das Quartier viel Grün erhalten, dank privater Gärten sowie Bäumen, Sitzbänken und Spielbereichen für Kinder. Für die Buben und Mädchen im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren ist ein Spielgelände entlang des Augrabens angedacht.

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Die Erschließung des neuen Wohngebiets erfolgt direkt von der Krainstraße aus. Innerhalb der Wohngruppen folgt die Erschließung dem Lauf der Mangfall und soll als verkehrsberuhigter Bereich mit Aufenthalts- und Wendeflächen bis zum Endpunkt des Augrabens ausgebaut werden. Parkplätze wird es oberirdisch direkt an der Stichstraße geben. Unterirdische Stellflächen finden sich in einer Tiefgarage, an die alle Häuser barrierefrei angebunden werden. Platz für Fahrräder soll es in begrenzter Zahl direkt vor den Hauseingängen geben. Außerdem erhält jeder Block einen Fahrradkeller, der von der Tiefgarage aus zu erreichen ist.

Anwohner verärgert wegen Infopolitik

Als störende Lärmquellen für das neue Quartier sind der Verkehr auf der Krainstraße ausgemacht sowie die MTV-Sportanlage. Wohnungen in diesem Bereich sollen besonderen Schutz erhalten, einmal mithilfe einer überlegten Situierung der Wohnräume und zudem mithilfe baulicher Maßnahmen wie Lärmschutzfenster.

Die Aufteilung der einzelnen Wohngruppen auf dem Areal an der Krainstraé zeigt diese Grafik.

Während die überwiegende Mehrheit der Stadträte keine Einwände haben und die notwendigen Verfahrensschritte verabschiedet haben, kritisieren sowohl Andreas Kohlberger als auch Hans Rass (beide AfD) das Vorhaben: Es schrecke die Menschen ab. Das Areal liege in einem Gebiet, das vielen Rosenheimern zur Naherholung diene, sagte Kohlberger. Und Rass befand: „Wir haben genug Wohnungen gebaut und müssen Rücksicht auf die Wünsche der Bürger nehmen.“

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Kohlberger warf zudem ein, es könnte „Probleme mit den Anwohnern“ geben. In der Tat gibt es viele Oberwöhrer, die sich von der Stadt zumindest nicht ausreichend informiert fühlen. Schon im Oktober 2019 hatten sie bei einer Bürgerversammlung protestiert gegen die Informationspolitik der Stadt, damals noch unter Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer (CSU). Beinahe zufällig habe man von den Plänen erfahren, nur dank eigener Recherche und guter Kontakte zu den zuständigen Ämtern der Stadt Details erfahren, hieß es. Die Stadt musste daraufhin einräumen, dass es Gespräche gegeben hatte, ohne die Öffentlichkeit zu informieren.

Eine Erfahrung, die offensichtlich im Gedächtnis geblieben ist, denn auf Nachfrage von Alexandra Lindordner (CSU) teilte die Stadtverwaltung mit, es gebe einen Termin für ein Gespräch mit den Menschen aus Oberwöhr. Geplant ist demnach eine moderierte Infoveranstaltung. Linordner forderte „größtmögliche Transparenz“. Stadträtin Ricarda Krüger (Bürger für Rosenheim) schlug dazu ein Infoforum im Netz vor.

Sorge vor dem Hochwasser

Was die Menschen in Oberwöhr vor allem umtreibt, ist die Hochwassergefahr. Vielen von ihnen steckt noch die Hochwasser-Katastrophe aus dem Jahr 2013 in den Knochen. Und so mancher sagt, er erinnere sich an das Versprechen der Oberbürgermeisterin, dass die Wiesen nicht bebaut würden.

Jetzt ist alles anders, die Idee, die Wiesen als Überlaufflächen im Falle eines Hochwassers zu nutzen, vom Tisch. Ausreichend Schutz sei gewährleistet, meldet die Stadt. Nach Abschluss der Maßnahmen zum Hochwasserschutz hätten Voruntersuchungen ergeben, „dass die geplante Wohnbauentwicklung grundsätzlich realisierbar ist“. Der Nachweis, dass es auch bei Starkregen keine negativen Folgen geben werde, müsse bei der Bauleitplanung erbracht werden.

Schwellen schützen vor Sturzfluten

Dass allerdings Umsicht geboten ist, belegt, dass das Niveau der Fertigfußböden in den Erdgeschoss-Wohnungen gegenüber dem vorhandenen Gelände angehoben werden muss. Schwellen und Dammbalkensysteme sollen außerdem die Tiefgaragen vor Sturzfluten schützen. Und in allen Untergeschossen müssen wasserdichte Außenbauteile und Kellerfenster eingebaut werden. Dass am westlichen Siedlungsrand von Oberwöhr gebaut werden kann, weist bereits der Flächennutzungsplan der Stadt aus dem Jahr 1995 aus. Vorgesehen war damals auch eine Fläche für schulische Einrichtungen. Diese Ziele wurden aber im Jahr 2002 eingestellt wegen der Überschwemmungsgefahr der Mangfall. Die damals dort geplante Förderschule steht mittlerweile in der Erlenau.

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