Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Über Preiserhöhungen und das Sparen

Geht uns das Gas aus, Herr Brühl? Rosenheimer Stadtwerke-Chef mit deutlichen Worten

Sieht Energiesparen als eine gesellschaftliche Aufgabe: Geschäftsführer der Stadtwerke Dr. Götz Brühl.
+
Sieht Energiesparen als eine gesellschaftliche Aufgabe: Geschäftsführer der Stadtwerke Dr. Götz Brühl.
  • Anna Heise
    VonAnna Heise
    schließen

Rosenheim – Im Ukraine-Krieg zeigt sich, wie abhängig Deutschland vom Gas aus Russland ist. Vor allem in Bayern ist die Lage angespannt. Das bekommen auch die Rosenheimer zu spüren. Ein Interview mit dem Geschäftsführer der Stadtwerke, Dr. Götz Brühl, über Preiserhöhungen und warum Sparen durchaus angebracht wäre.

Herr Brühl, müssen wir uns Sorgen machen?

Dr. Götz Brühl: „Über den Sommer haben wir kein Problem. Wir haben jetzt auch bis in den Herbst hinein kein Problem. Aber für den Winter müssen wir vorbeugen. Wenn wir jetzt Gas sparen, um es einzuspeichern, dann haben wir eine gute Chance, die Speicher zu füllen und über den nächsten Winter mit einem blauen Auge davon zu kommen.“

Also lieber dick anziehen, als die Heizung aufzudrehen?

Brühl: „Ich glaube, das ist eine gesellschaftliche Aufgabe für uns alle, einfach Energie zu sparen. Das hilft dem Geldbeutel, das hilft dem Klima und das hilft natürlich auch der Versorgungssicherheit mit Gas. Der größte Einzelanteil des Gases landet in den einzelnen Heizungen der Häuser. In Rosenheim ist es etwa die Hälfte der Häuser, die wir mit Gas beheizen.“

Und der andere Teil?

Brühl: „Mit Fernwärme. Die hat an dieser Stelle eine ganz wichtige Funktion, denn wir haben sehr viele verschiedene Wärmequellen. Wir können die Fernwärme auch ohne Gas bedienen. Das ist einer der großen Punkte, bei dem wir sagen können: Hier können wir tatsächlich die Nutzung von Gas vermindern und anderes dafür einsetzen. Anderes bedeutet im wesentlichen Öl.“

Aber der Ölpreis steigt doch ebenso wie der Gaspreis.

Brühl: „Sicher, aber wir haben an dieser Stelle zwei Fragen. Erstens: Was ist betriebswirtschaftlich optimal? Und zweitens: Wie lösen wir das Problem des kommenden Winters? Im Augenblick laufen diese Dinge sogar parallel. Das heißt: Im Moment ist Öl billiger als Gas. Und wenn wir es einsetzen, sparen wir tatsächlich relativ große Mengen an Gas. Das können aber nicht alle machen, weil nicht alle solche Fernwärme haben.“

Also müssen jene, die jetzt mit Gas heizen, am meisten leiden?

Brühl: „Das Leiden hat grundsätzlich zwei Komponenten. Zum einen: Sie bezahlen mehr. Und das Zweite ist: Sie würden leiden, wenn das Gas ausginge. Beide Sachen zusammen können vermindert werden, indem man schlicht ein wenig spart. Erinnern wir uns an die Ölpreiskrise in den 70er Jahren. Damals ist das Wort Energiesparen populär gewesen. Das ist aber irgendwann untergegangen. Ich glaube, es ist einfach wichtig, dass wir das wieder ins Bewusstsein holen.“

Welche Maßnahmen würden jetzt helfen?

Brühl: „Es sind ganz viele Maßnahmen, die jetzt ergriffen werden sollten. Und das möglichst schnell. Das Problem ist, dass dies im Rechtssystem so nicht vorgesehen ist. Solch einen Fall hat man nicht erwartet und deswegen nicht abgebildet. Es gibt Notfallregeln, die aber im Grunde nur darauf zielen, dass Gas vielleicht mal eine Woche lang knapp ist. Aber nicht darauf, dass man ein halbes oder dreiviertel Jahr vorbeugend Maßnahmen ergreift. Wie das umgesetzt wird, ist eine spannende politische Aufgabe.“

Ab Mai ziehen die Stadtwerke die Gaspreise deutlich an. Bürger müssen rund 70 Prozent mehr bezahlen.

Brühl: „Solch einen Sprung hatten wir noch nie. Solch ein Preisanstieg hat kein Vorbild. Wir haben auch noch nie solch eine Situation gehabt. Und deswegen kommen wir da jetzt alle nicht aus. Das ist kein böser Wille, wir hoffen bloß, dass wir andere Überraschungen im Markt, die durchaus im Risiko stehen, nicht realisieren.“

Hat es schon Beschwerden gegeben?

Brühl: „Ich habe genau ein Schreiben auf dem Tisch. Jeder kennt die Situation. Das Thema ist wirklich präsent. Insofern ist niemand überrascht. Ich denke auch im Vergleich mit anderen, wie wir jetzt sehen, sind wir noch am unteren Rand. Wir sehen andere Wettbewerber, die uns früher das Leben schwer gemacht haben, weil sie sehr, sehr billig angeboten haben, die nun beim dreifachen sind.“

Wird es nochmals eine Preiserhöhung geben?

Brühl: „Die Wahrscheinlichkeit, dass zum Winter oder spätestens zum Jahreswechsel noch mal eine Erhöhung kommen muss, ist durchaus gegeben. Wir wissen jetzt natürlich nicht, was passiert, und da kann sehr, sehr viel passieren. Aber wenn sich die Situation jetzt nicht grundlegend ändert, werden wir im kommenden Winter eine verstärkte Mangelsituation haben, und das wird die Preise einfach in die Höhe treiben.“

Wie kulant sind die Stadtwerke, wenn Kunden sagen, sie können ihre Rechnung nicht mehr bezahlen?

Brühl: „Wenn ein Kunde ein temporäres Problem hat, kann man über Ratenzahlungen sprechen. Es gibt in Rosenheim außerdem verschiedene Stellen, die Beratung und Unterstützung anbieten.“

Was würde passieren, wenn es, wie befürchtet, zu einem Embargo kommt?

Brühl: „Wenn es zu einem Embargo kommen würde, müssten rund 40 Prozent des Gases ersetzt werden. So, wie es aussieht, kann man vielleicht die Hälfte durch Sparen ersetzen und die andere Hälfte durch zusätzliche Quellen. Das bedeutet, die Norweger tun alles, was sie können. In Holland produziert man mehr, als man es sonst vorgehabt hätte und natürlich wäre da auch das Flüssiggas. Dann kommen noch in Südeuropa die Lieferungen aus dem arabischen Raum. Die haben dort auch Pipelineverbindungen durchs Mittelmeer.“

Zum Sparen gehört aber auch, Gaskraftwerke die nicht unbedingt notwendig sind, nicht zu betreiben.

Brühl: „Korrekt. Das führt logischerweise dazu, dass mehr Kohlestrom produziert wird, im Rahmen der Möglichkeiten. Und die Möglichkeiten muss man eben aufrechterhalten und ich denke, dem Klima ist der nächste Winter ziemlich egal. Die 50 folgenden nicht.“

Wie konnte es soweit kommen?

Brühl : „Russland hat die Situation vor einem Jahr auf der Gasseite vorbereitet. Damals hatte das Unternehmen „Gazprom“, die großen ehemaligen Speicher der „Wingas“ unter Vertrag genommen. Es ist üblich, dass jemand den Speicher im Eigentum hat, aber dann nicht selbst nutzt, sondern die Nutzung für ein Jahr verkauft. Diese Speicher sind damals quasi an die Gazprom verpachtet worden. Die Gazprom hatte das Ziel und die Aufgabe sie nicht zu füllen. Damals hat Putin sein Unternehmen angewiesen, in Deutschland und Europa eine Magersituation vorzubereiten.“

Und das haben die Deutschen einfach so hingenommen?

Brühl: „Man hat es gesehen und darüber gestaunt. Uns ist allen nichts eingefallen. Und jetzt hat Putin eine politische Waffe. Durch die Mangelsituation werden die Preise in die Höhe getrieben. Und durch die hohe Abhängigkeit kann Putin Druck auf Deutschland ausüben.“

Dann ist ja Putins Plan zu 100 Prozent aufgegangen.

Brühl: „An dieser Stelle schon. Und damit sind wir jetzt wieder beim Thema Sparen.“

Apropos sparen. Die Stadtwerke betreiben in Rosenheim fünf Gasmotoren. Werden die jetzt auch abgestellt?

Brühl: „Zwei von fünf Motoren laufen mit Biomethan, produziert in Deutschland. Diese sind an dieser Stelle schon mal außen vor, weil das Methan eben nicht aus Russland kommt, sondern aus heimischer Produktion. Dann haben wir die Möglichkeit teilweise Öl einzusetzen. Das haben wir natürlich sonst nie gemacht, aus verschiedenen Gründen. Zum einen war es üblicherweise teurer, zudem hat es etwas mehr Ausstoß an CO2 und zum dritten läuft das in jenen Anlagen, die nicht so effizient für die Stromerzeugung sind. Aber wenn das Thema Versorgungssicherheit heißt, können wir dort einiges richten. Das ist eine wesentliche Maßnahme.“

Das heißt, sollte es eine Mangelsituation beim Strom geben, könnten die Stadtwerke einspringen?

Brühl: „Ja, und das auch sehr schnell. Im Augenblick haben wir sonnige Tage mit sehr viel Photovoltaik-Produktion, aber wir wissen alle: Abends ist die Sonne weg. Und wenn es jetzt noch wenig Wind gibt und wir nicht mehr auf die bereits abgestellten Kraftwerke zurückgreifen können, ist es wichtig, dass wir auch einspringen können und hier diesen Ausgleich liefern. Wir liefern diesen Ausgleich nicht wie ein großes Kraftwerk, sondern sehr effizient. Der Grund dafür ist, dass wir die Wärme nutzen und die großen Kraftwerke eben nicht. Dadurch können wir eine Menge CO2 sparen.“

Kommentare