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Initiative begeht erste Nicht-Verlegung

Gedenken an die Rosenheimer Nazi-Opfer: Stolpersteine fürs Schaufenster – Kritik für die CSU

  • Anna Heise
    VonAnna Heise
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Deutliche Worte statt feierlicher Verlegung: In Rosenheim hätten Anfang der Woche die ersten Stolpersteine auf öffentlichem Grund verlegt werden sollen. Nachdem sich die Stadträte gegen die Erinnerungstafeln ausgesprochen hatten, musste umgeplant werden. Zu Besuch bei der ersten Nicht-Verlegung.

Rosenheim – Etwas verloren steht Künstler Gunter Demnig im Foyer der Mädchenrealschule. Den Hut hat er tief ins Gesicht gezogen, die Ärmel seines Hemdes sind hochgekrempelt. In der linken Hand hält er den Stolperstein für Elisabeth Block, die die Schule bis 1938 besucht hatte, bevor sie mit ihrer jüdischen Familie nach Polen deportiert und ermordet wurde.

Schaufenster statt Asphalt: Die Schüler des Schulradioprojekts „Simsseewelle“ Stephanskirchen und deren Lehrerin Michaela Hoff haben die Patenschaft für einen Teil der Stolpersteine für die Familie Kohn übernommen. Das Schauspieler-Ehepar Ana und August Zirner sowie Marianne Stadler-Kern von der Boutique Beo haben ebenfalls Patenschaften übernommen, konnten an der Nicht-Verlegung allerdings nicht teilnehmen.

Schon vor sechs Monaten Kontakt aufgenommen

Schon vor einem halben Jahr hatte die Initiative „Erinnerungskultur – Stolpersteine für Rosenheim“ um den Kinder- und Jugendarzt Thomas Nowotny einen Termin mit dem Künstler vereinbart, um insgesamt sechs Stolpersteine zu verlegen – einen für Elisabeth Block, fünf für die Mitglieder der Familie Kohn. „Damals war noch nicht absehbar, wie sich der Stadtrat entscheiden wird“, sagt Nowotny.

Die fünf Stolpersteine für die Familie Kohn finden im Blumengeschäft „Flower Power“ Asyl.

Mittlerweile steht die Entscheidung fest: Statt Stolpersteinen will man in Rosenheim lieber auf Stelen oder Tafeln an der Hauswand setzen. Weil die Steine zu diesem Zeitpunkt aber bereits angefertigt waren, hat die Initiative umgeplant. Und kurzfristig zur Nicht-Verlegung eingeladen. Erst in der Mädchenrealschule, 40 Minuten später am Ludwigsplatz vor der Nummer 9.

Unesco-Beauftragte der Städtischen Mädchenrealschule übernimmt Patenschaft

„Diese Nicht-Verlegung macht uns nicht verlegen. Verlegen sollten die sein, die die Angehörigen nicht angehört haben“, sagt Nowotny zu Beginn der Veranstaltung im Foyer der Mädchenrealschule. Um ihn herum befinden sich Lehrer, Schüler, Mitglieder der Initiative und einige Bürger. In der Mitte steht Künstler Gunter Demnig, der den Stein an Annette Dippold überreicht, Unesco-Beauftragte der Städtischen Mädchenrealschule und neue Patin des Stolpersteins.

Demnig lehnt sich vor, flüstert Dippold etwas ins Ohr. Weil sie es beim ersten Mal nicht versteht, spricht er lauter: „Vielleicht klappt es irgendwann doch noch.“

Enttäuschung über Entscheidung sitzt tief

Bis es soweit ist – doch davon ist zumindest im Moment nicht auszugehen – wird der Stein in einer Vitrine in der Mädchenrealschule ausgestellt. „Es ist wichtig, dass erinnert wird. Wie, ist eher zweitrangig“, sagt Schulleiterin Magdalena Singer. Es ist eine Botschaft, die an diesem Tag auch Thomas Nowotny des Öfteren sagt. Und doch sitzt die Enttäuschung über die Entscheidung der Stadträte tief. Das unterstreicht ein Offener Brief der Initiative, adressiert an Oberbürgermeister Andreas März (CSU).

„Es macht uns fassunglos“

„Dass die CSU gemeinsam mit der AfD den Wunsch der Angehörigen nach Stolpersteinen im öffentlichen Raum ablehnte, macht uns fassungslos“, heißt es in dem Schreiben. Die Initiative werde ihren Standpunkt auch weiterhin „laut und deutlich vertreten“ und erwarte sich von Oberbürgermeister März „ein offenes Ohr für Angehörige von NS-verfolgten Rosenheimern“.

Ziel müsse sein, die Angehörigen künftig in die Entscheidung, wie an ihre Familien erinnert werden soll, miteinzubeziehen. „Wir sehen es als unseren Erfolg an, dass nun endlich das öffentliche individualisierte Gedenken in Rosenheim beginnt“, schreibt Nowotny. Neben den von der Stadt geplanten Stelen und Wandtafeln werde man sich auch weiterhin für die Verlegung von Stolpersteinen auf Privatgrund einsetzen.

Schüler übernehmen Patenschaft

Vorerst keine Stolpersteine wird es auch vor dem Haus am Ludwigsplatz 9 geben. Dort, wo viele Jahre die jüdische Familie Kohn gelebt hat. Vorsichtig platziert Künstler Demnig die Stolpersteine auf dem Pflaster.

Er kniet auf dem Boden, um ihn herum haben sich die Schüler des Schulradioprojekts „Simsseewelle“ Stephanskirchen und deren Lehrerin Michaela Hoff versammelt, die für einen Teil der Steine die Patenschaft übernommen haben.

Asyl im Blumengeschäft

Vorsichtig überreicht Demnig sie an die Schüler. „Die Stolpersteine werden vorerst Asyl im Schaufenster des Blumengeschäfts ‚Flower Power‘ finden“, sagt Nowotny. Er selbst sei zuversichtlich, dass die Steine irgendwann doch noch ihren rechtmäßigen Platz finden – sei es vor der Mädchenrealschule oder am Ludwigsplatz 9. Den Weg dorthin kennt Künstler Gunter Demnig jetzt jedenfalls schon.

Bei der Übergabe: Künstler Gunter Demnig (links) und Thomas Nowotny mit dem Stolperstein für Lisi Block.

Bürgermeister März reagiert mit offenem Antwortbrief

Am Dienstagnachmittag reagierte Rosenheims Oberbürgermeister März seines Zeichens mit einem offenen Brief auf die Kritik. März sagt, der Beschluss des Rosenheimer Stadtrates vom 23. Februar sei nicht von ihm „forciert“ worden. Beschlüsse treffe der Stadtrat „immer noch selbst“ und in eigener Verantwortung. Er habe lediglich „von Beginn an“ erklärt, dass er den Antrag der CSU-Fraktion unterstützen werde.

März betont, dass nicht nur CSU und AfD gegen den „überfraktionellen Antrag“ gestimmt hätten. Er verwahre sich auch dagegen, mit dem „wohl düstersten Kapitel unserer Stadtgeschichte“ nicht verantwortlich umzugehen.

Der offene Brief von Bürgermeister Andreas März im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Dr. Nowotny,

Ihren offenen Brief vom 07.03.2022 habe ich erhalten. Ich werde darauf ebenfalls mit einem offenen Brief antworten, weil die Mitbürgerinnen und Mitbürger meiner Heimatstadt ein Anrecht darauf haben, die Antwort auf Ihre Vorwürfe zu erfahren.

Zur Klarstellung: Der Beschluss des Rosenheimer Stadtrates vom 23.02.2022 war nicht von mir „forciert“, wie Sie schreiben. Beschlüsse trifft unser Stadtrat immer noch selbst und in eigener Verantwortung. Ich habe lediglich von Beginn an erklärt, dass ich den Antrag der CSU-Fraktion unterstützen werde.

Nicht nur CSU und AfD haben gegen den überfraktionellen Antrag von 16 der 44 Stadträtinnen und Stadträte gestimmt und Stolpersteine im öffentlichen Raum abgelehnt. Dieses Votum kam nach zwei mit großem Ernst geführten Aussprachen im Haupt- und Finanzausschuss sowie im Stadtrat durch Angehörige mehrerer Fraktionen und einzelne Stadträte ohne Fraktionszugehörigkeit zustande. Ich finde es schade und es macht mich traurig, dass Sie mit Ihrer rein parteipolitischen Argumentation der inhaltlich tiefgehenden Diskussion in unseren Gremien nicht gerecht werden, zumal ich weiß, dass Sie selbst viel differenzierter denken als es in dieser Passage Ihres Schreibens zum Ausdruck kommt. Schon aus Respekt vor allen Mitgliedern unseres Stadtrates fordere ich Sie auf, unseren ehrenamtlichen Mandatsträgern nicht abzusprechen, nach gründlicher Abwägung eine eigene, nicht auf Fraktionszwang beruhende Entscheidung zur Frage eines würdigen personalisierten Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus getroffen zu haben.

Bitte verstehen Sie auch, dass ich mich persönlich gegen Ihre Unterstellung verwahre, mit dem wohl düstersten Kapitel unserer Stadtgeschichte nicht verantwortlich umzugehen. Ich war 2015 bei der Anhörung im großen Rathaussaal dabei, als der Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde München in einer bewegenden und emotionalen Stellungnahme seine Gegenargumente zu den Stolpersteinen vorgebracht hat. Diese Bedenken, die mir im Übrigen auch von jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern aus der Region vermittelt wurden, sollten Sie nicht einfach beiseite wischen, nur weil sie mit Ihrer persönlichen Überzeugung nicht übereinstimmen.

Sie schreiben, Sie seien nicht mehr bereit, ein solches von Ihren Vorstellungen abweichendes Verhalten der Stadt Rosenheim hinzunehmen. Das ist inakzeptabel. In einer freiheitlich-pluralistischen Gesellschaft können Sie keinen Anspruch darauf geltend machen, dass nur Ihre Einstellung oder die Haltung Angehöriger zu dieser Form des Gedenkens die richtige und allein ausschlaggebende sein darf. Andernfalls setzen Sie sich selbst dem Vorwurf aus, zu verabsolutieren und nur Ihre Meinung gelten zu lassen.

Der Stadtrat hat mit großer Mehrheit dem Beschluss der CSU-Fraktion zugestimmt, bis spätestens 30.06.2022 konkrete Umsetzungsvorschläge für ein personalisiertes Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus vorzulegen und die Umsetzung in Absprache mit Interessenverbänden, insbesondere mit der jüdischen Gemeinde in München abzustimmen. Dieser Beschluss wird von der städtischen Verwaltung vollzogen. Ich werde nicht zulassen, dass Sie oder sonst irgendjemand sich über diesen Beschluss hinwegsetzen. Demokraten haben Entscheidungen zu akzeptieren, auch wenn sie Ihnen persönlich nicht gefallen. Trotz Ihres Schreibens gehe ich davon aus, dass wir uns wenigstens in dieser Grundsatzfrage einig sind.

Mit freundlichen Grüßen

Andreas März

Oberbürgermeister

Rubriklistenbild: © Schlecker

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