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Neues Buch von früherer Direktorin des Amtsgerichts

Reise in die Vergangenheit: Warum auf der Loretowiese in Rosenheim Menschen geköpft wurden

Die frühere Direktorin des Rosenheimer Amtsgerichts, Helga Gold, hat das Buch „Das Gericht für Stadt und Landkreis Rosenheim“ geschrieben.
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Die frühere Direktorin des Rosenheimer Amtsgerichts, Helga Gold, hat das Buch „Das Gericht für Stadt und Landkreis Rosenheim“ geschrieben.
  • Anna Heise
    VonAnna Heise
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13 Jahre lang stand Helga Gold an der Spitze des Rosenheimer Amtsgerichts. Vor fünf Jahren verabschiedete sie sich in den Ruhestand - doch das Interesse an der Rechtsgeschichte blieb. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben und deckt einige brisante Geschichten auf.

Rosenheim - Die Idee, ein Buch zu schreiben, hatte Helga Gold bereits vor zehn Jahren. „Ich wollte zeigen, wie wichtig eine funktionierende Justiz für alle Bereiche unseres Lebens ist, und wie lange die Entwicklung zu unserem heutigen Rechtsstaat gedauert hat“, sagt sie. Also liest sie alte Zeitungen, wühlt sich durch Unterlagen aus dem Rosenheimer Stadtarchiv und studiert zahlreiche Urkunden.

Entstanden ist ein 300-seitiges Buch mit dem Titel „Das Gericht für Stadt und Landkreis Rosenheim: Geschichten und Fundstücke aus acht Jahrhunderten - der lange Weg zum Amtsgericht Rosenheim, zur Demokratie und der Unabhängigkeit der Gerichte“.

Pockenimpf-Verordnung und Entstehung des Gerichts

Sie schreibt über die Entstehung des Gerichts im 13. Jahrhundert, erinnerte an die Pockenimpf-Verordnung von 1807 und zeigt - anhand von zahlreichen Bildern - was sich in Rosenheim über die Jahre verändert hat. Da wäre beispielsweise das Haus am Max-Josefs-Platz, in dem das Trachtenhaus „Karl Jäger“ seinen Sitz hat.

Die Justitia - die Göttin der Gerechtigkeit - und die ehemalige Armensünder-Glocke an der Fassade zeigen laut Helga Gold, dass hier im 17. Jahrhundert Gerichtsurteile gesprochen wurden. „Vom Marktgericht aber auch vom herzoglichen Pfleger, der vom zweiten Stock Todesurteile verkündete“, erklärte die ehemalige Direktorin des Amtsgerichts. Die Todesurteile wurden anschließend auf der Loretowiese oder an der Mangfall vollzogen. Auf der Loretowiese gab es eine Köpfstätte, an der Mangfall einen Galgen.

Rosenheim verlor Landgericht an Bad Aibling

Helga Gold blättert weiter durch ihr Buch, zeigt auf ein Foto, auf dem das Haus zu sehen ist, in dem heute das Holztechnische Museum untergebracht ist. „Bevor Rosenheim 1803 sein Landgericht an Bad Aibling verlor, war es dort untergebracht“, sagt Gold. Vier Jahre später ist Rosenheim erneut Sitz des Landgerichts geworden - in dem Gebäude in dem sich mittlerweile das Geschäft „Peek & Cloppenburg“ befindet.

Ein Blick in die Vergangenheit: In der Rosenheimer Innenstadt hat es nicht nur ein Landgericht gegeben, sondern auch Rosenheims erstes Gefängnis.

Maßgeblich daran beteiligt war - so geht es aus den Unterlagen von Helga Gold hervor - König Maximilian I., der am 13. Januar 1806 gekrönt wurde. „Nach ihm ist Rosenheims schönster Platz benannt, der Max-Josefs-Platz“, sagt Gold. Unter seiner Regentschaft sei nicht nur die Folter abgeschafft worden, sondern es wurde auch die Leibeigenschaft aufgehoben.

Erstes Gefängnis in der Heilig-Geist-Straße

Nur wenige Meter vom ehemaligen Landgericht entfernt - in der Heilig-Geist-Straße - befand sich Rosenheims erstes Gefängnis, in dem 1831 ein Arrestzimmer für Frauen errichtet worden war. Später zog das Gefängnis in die Münchener Straße um.

Zeitzeugnis vor der Loretokapelle

Ein weiteres Zeugnis aus der damaligen Zeit befindet sich an der Loretokapelle. Dort steht eine der vier Burgfriedsäulen, die den Markt vom herzoglichen Gebiet abgrenzten. „Der Burgfried setzte die Grenzen fest, innerhalb derer die Rosenheimer eigene Verwaltungs- und Strafkompetenz hatten und grenzte den Bereich gegen den Herrschaftsbereich des landesfürstlichen Pflegegerichts ab“, heißt es in dem Buch.

Die Burgfriedsäule hat die Form einer Martersäule, ist aus Tuffstein, mit abgekantetem Schaft und gekappter Achteckspitze. „Die Säule steht nicht mehr an ihrem ursprünglichen Platz“, erklärt Gold. Das liege unter anderem daran, dass die Rosenheimer bereits Anfang des 16. Jahrhunderts versucht hatten, in das Gebiet des Herzogs zu rücken, um ihr Territorium zu erweitern.

Großer Umbau 1933

Besonders interessant waren für Helga Gold auch die Recherchen über ihren ehemaligen Arbeitsplatz - das Rosenheimer Amtsgericht - gewesen. Hier verbrachte sie 13 Jahre ihres Arbeitslebens. Mittlerweile weiß Gold, dass das heutige Amtsgerichtsgebäude an der Bismarckstraße 1 von 1874 stammt und ursprünglich als Stadt- und Landgericht diente. Mit der Reform von 1879 wurde es zum Amtsgericht. „1900 wurde bereits angebaut, der große Umbau kam 1933/34 und Reichsjustizkommissar Dr. Frank übergab das Gebäude im August seiner Bestimmung“, so Helga Gold.

Stadtführer zu den interessantesten Punkten in Rosenheim

Es ist nur ein kleiner Überblick über die zahlreichen Geschichten und Fundstücke aus den vergangenen acht Jahrhunderten. „Das Buch ist ein Wimmelbuch, in dem jeder etwas entdecken kann“, sagt Helga Gold. Für die einen sei es eine Art Stadtführer zu den interessantesten Punkten in Stadt und Landkreis, für andere ein Beleg dafür, wie sich Recht und Demokratie entwickelt haben.

„Es zeigt auch, wie die Sehnsüchte der Menschen nach Sicherheit, Zusammengehörigkeit und Stabilität von den Machthabern in der NS-Zeit erkannt, bedient und schließlich schamlos ausgenutzt wurden“, erklärt die ehemalige Direktorin des Amtsgerichts. Kurz hält sie inne. Dann fährt sie fort: „Das Ergebnis kennen wir alle, vor den sanften Anfängen sollten wir heutige Generationen warnen.“

Lob vom Nachfolger

Auch deshalb hofft sie, dass möglichst viele Menschen ihr Buch lesen - und sich selbst ein Bild von der damaligen Zeit machen. Einer der Gründe, warum Helga Gold vor mehr als zehn Jahren beschlossen hat, ein Buch zu schreiben. Lob für ihre Arbeit gibt es auch von Ralf Peter, ihrem Nachfolger am Amtsgericht: „Frau Golds Werk eröffnet spannende Einblicke in bislang nicht näher beleuchtete Aspekte der Rosenheimer Geschichte.“

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