Rosenheim: Eindringlicher Appell an die Jugend und was ein Kunstwerk damit zu tun hat

Ruth Kiener-Flamm schuf die Eisenplastik „Entfaltung“, die seit der Eröffnung der Mittelschule am Luitpoldpark 1981 die Freifläche bereichert.
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Ruth Kiener-Flamm schuf die Eisenplastik „Entfaltung“, die seit der Eröffnung der Mittelschule am Luitpoldpark 1981 die Freifläche bereichert.

In der OVB-Serie „Kunst im öffentlichen Raum“ gibt es Geschichten über die unterschiedlichen Kunstwerke, die in Rosenheim zu finden sind. Dieser Artikel dreht sich um die Plastik von Ruth Kiener-Flamm.

Rosenheim – Wie eine große Blüte entfalten sich 14 rechteckige, breite und fünf kleinere, anthrazitfarbene Eisenblätter und geben eine Kugel frei. „Entfaltung“ lautet der treffende Titel der Plastik von Ruth Kiener-Flamm. Die große Version aus Eisen gibt es auch in einer kleinen Variante aus Plexiglas; beide entstanden 1978. Objekte aus Plexiglas (Markenname für Acrylglas), die sie ab 1968 gestaltete, waren die Spezialität der in München und Wolferkam bei Riedering lebenden Bildhauerin und machten sie bekannt. Heute ist Ruth Kiener-Flamm fast vergessen, deshalb sei hier etwas ausführlicher auf ihr Leben und ihr Werk eingegangen.

Ihr Schaffen präsentiert

1979 konnte die Bildhauerin in der Städtischen Galerie Rosenheim einen Überblick über ihr Schaffen präsentieren. Die „Entfaltung“ war dabei zweimal vertreten, einmal als diese Eisenskulptur, die dann 1981 vor der Schule aufgestellt wurde, und zum anderen als duftig leichte, kleine Schöpfung aus Plexiglas, nur 40 Zentimeter hoch. Die Preisliste verrät, dass die Skulptur aus Plexiglas mit 4200 D-Mark damals um 200 D-Mark teurer war als die aus Eisen.

Plexiglas ist sehr anspruchsvoll in der Bearbeitung und entsprach voll dem Zeitgeist der Endsechziger und Siebzigerjahre mit seinem Verlangen nach Transparenz und Offenheit. Die Moderichtung „Space Age“ (Zeitalter der Weltraumfahrt) griff damals begeistert neue Technologien auf. Bezeichnenderweise sind die Netzfüllungen der Dächer über den Olympiasportstätten in München ebenfalls aus Plexiglas. Doch leider ist dieses luzide, ansprechende Material nicht sehr haltbar. Die Dachteile der Olympiabauten mussten bereits ausgetauscht werden.

Fünf olympische Ringe, die sich drehen

Passend zu den Dächern entwarf Ruth Kiener-Flamm eine Skulptur aus Plexiglas mit den fünf olympischen Ringen, die sich drehten (Kybernetik ist das andere Stichwort für den damaligen Zeitgeist). Doch schon kurz nach dem Aufstellen im Olympischen Dorf 1972 gab der Motor den Betrieb auf und Vandalismus zerstörte in den folgenden Jahren das Kunstwerk.

Der Kampf um Erneuerung

Ruth Kiener-Flamm, die sich bis ins hohe Alter mit Yoga fit hielt, kämpfte energisch um eine Erneuerung. Mit der Unterstützung des damaligen OBs Christian Ude konnte der Bildhauer Peter Schwenk kurz vor dem Tod der Künstlerin im Jahre 2000 und in enger Zusammenarbeit mit der Bildhauerin, die Skulptur neu schaffen. Diesmal jedoch aus Aluminium und ohne Motor.

Wettbewerb ausgeschrieben

„Kunst am Bau“ war auch ein Thema als in Rosenheim ab 1978 die damalige Hauptschule Mitte an der Wittelsbacherstraße errichtet wurde. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, zu dem Ruth Kiener-Flamm, Rolf Märkl, Christine Stadler, Walther Wohrizek und Franz Weickmann Vorschläge einreichten. Am 17. Juli 1980 entschied sich der Kulturausschuss des Rosenheimer Stadtrats für „Entfaltung“ von Ruth Kiener-Flamm, die sich damit gegen prominente Konkurrenz durchgesetzt hatte.

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Besonders überzeugte den Ausschuss unter Karl Feichtinger und Dr. Eugen Weigl das Konzept des sich Öffnens, des Entfalten und Wachsens, des Werdens von Leben, und fand es sehr passend für eine Schule und die jungen Menschen, die hier in ihrer Entwicklung gefördert werden sollen.

Sympathische und engagierte Künstlerin

Architekt Bernhard Schellmoser von der „Werkgemeinschaft Rosenheim“, die damals den Schulbau errichtete, erinnert sich noch gut an die kleine, zierliche Künstlerin, die 1981 sehr sympathisch und engagiert die Aufstellung ihrer „Entfaltung“ auf dem freien Vorplatz überwachte. Damals zeigte die Schauseite der Plastik nach Osten, der aufgehenden Sonne entgegen.

Kunstwerk steht zwischen Schulgebäude und Containern

Als vor einigen Jahren aus Raumnot Container vor der Schule aufgestellt werden mussten, musste das Kunstwerk weichen. Jetzt steht es ziemlich beengt zwischen dem Schulgebäude und den Containern, mit der Hauptansicht nach Süden, und kann keine Wirkung entfalten. Bei diesem Umsetzen dürfte die Plastik auch beschädigt worden sein. Jedenfalls drückte irgendwann etwas Schweres oben auf die kleinen Blütenblätter über der Kugel und verursachte Knicke. Die Beschichtung splitterte ab und nicht nur hier zeigt sich Rost. Die „Entfaltung“ müsste dringend restauriert werden.

Spurensuche in Wolferkam

Wer sich auf die Spuren von Ruth Kiener-Flamm begeben möchte, dem sei ein Ausflug nach Wolferkam bei Riedering empfohlen, wo Mändy, wie sie genannt wurde, schon in jungen Jahren die Ferien bei einer Patentante verbrachte.

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Hier lebte die Halbjüdin während der Nazi-Zeit in ländlicher Zurückgezogenheit, hier besuchte sie der Jesuitenpater Alfred Delp (1907 bis 1945), der als Mitglied des „Kreisauer Kreises“ hingerichtet wurde. Hierher kam auch der aus Südtirol stammende Bildhauer Siegfried Moroder (1911 bis 1989), der sich ebenso wie Ruth Kiener-Flamm später in dem Dorf über dem Simssee ein Haus und Atelier baute.

Auskunft über die beiden Bildhauer

„Station 10“ der „Riederinger Rundn“ gibt Auskunft über die beiden Bildhauer, die - bei aller Freundschaft – öfters über politische Themen in Streit gerieten, wenn der konservative Moroder den sehr linken Ansichten von Kiener-Flamm nicht zustimmen wollte, wie der Sohn Michael Moroder erzählt. Einig waren sich die beiden aber in ihrer Wertschätzung von Pater Delp. Für die 1965 erbaute Alfred-Delp-Gedächtniskapelle im südhessischen Lampertheim entwarf Ruth Kiener-Flamm die Fenster und Siegfried Moroder modellierte die Bronzebüste des Widerstandkämpfers, die in einem ähnlichen Abguss seit 2011 in der Kirche Maria Stern von Neukirchen am Simssee, wo Delp während seiner Ferienaufenthalte die Messe las, an den Märtyrer erinnert.

Im Alter von 85 Jahren verstorben

In ihrem Haus in Wolferkam verstarb Ruth Kiener-Flamm im Frühjahr 2000 mit 85 Jahren. Ganz still und allein, in der Nacht, wie einer ihrer Freunde, der Bildhauer und Kurator Dr. Ingo Glass mitteilte. Es war wohl das schwache Herz.

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