Im ehemaligen Stoff-Reich am Rosenheimer Mittertor gibt es ab September Brillen zu kaufen

Bei der Arbeit: Optikermeister Matthias Jüptner baut das ehemalige „Stoff-Reich“ am Mittertor in Eigenregie um. Mit einer Kreissäge bringt er die Bretter auf die gleiche Höhe. Im Hintergrund erkennt man den kleinen Raum, in dem zukünftig die Sehstärke gemessen werden soll. Heise/privat
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In das ehemalige Traditionsgeschäft „Stoff-Reich“ am Mittertor zieht der Optikermeister Matthias Jüptner (58). Anfang September soll dort die „Salin-Optik“, die ihren Sitz momentan in der Salinstraße hat, eröffnen. Doch bis dahin gibt es noch viel zu tun. Ein Ortsbesuch.

Rosenheim – Eigentlich wollte Matthias Jüptner aus Rosenheim Schreiner werden. Er liebt die Arbeit mit Holz, mag es, alten Dingen neues Leben einzuhauchen. Doch sein Vater, ein Augenarzt, hatte andere Pläne. Er wollte, dass sein Sohn die gleiche Richtung einschlägt, schlug eine Ausbildung zum Optiker vor. Mittlerweile ist Matthias Jüptner Optikermeister. Er hat – seit 32 Jahren – sein eigenes Geschäft in der Salinstraße. Doch über die Jahre sei die Situation dort immer schwieriger geworden. „Die Lage ist für mich sehr unattraktiv“, sagt er. Eine Lösung musste her.

Schwierige Ausgangslage: Matthias Jüptner musste die Decke aufreißen und die Holzbalken mit Pfosten zusätzlich stützen.

Jüptner nimmt alles selbst in die Hand

Durch Zufall sei er auf die leer stehenden Räumlichkeiten am Mittertor aufmerksam geworden.Dort, wo jahrzehntelang Stoffe, Knöpfe, Satinbänder und Nähgarn verkauft wurden, schmiedet er Pläne für die Zukunft.Nach erfolgreichen Gesprächen mit den Eigentümern des Gebäudes, Karin und Dr. Wolfgang Stäbler, beginnt er damit, seine Pläne in die Realität umzusetzen.

Fachleute übernehmen Einbau von Heizkörpern und Wasserleitungen

Weil Jüptner einer ist, der die Dinge gern selber in die Hand nimmt, macht er die meisten Arbeiten alleine. Nur den Einbau von Heizkörpern und Wasserleitungen überlässt er Fachleuten.

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Die Schaufenster hat er mit einer blickdichten Folie abgeklebt. Acht LED-Leuchten spenden ihm Licht, wenn er bis spät in die Nacht Holz zurechtschneidet. „Ich mache das gerne“, sagt er und fügt hinzu: „Wahrscheinlich wäre es schneller, wenn ich es machen lassen würde.“ Weil er aber keinen Zeitdruck hat, werkelt er bereits seit Dezember in seinem neuen Reich. Jeden Abend spaziert er von seinem Geschäft in der Salinstraße zum Mittertor, dreht die Musik auf und macht sich an die Arbeit.

Überraschung: Als der Optikermeister den Boden aufriss, entdeckte er einen Schacht. Dieser ist mittlerweile mit Beton aufgefüllt.

Verfaulte Holzbretter und fehlendes Fundament

„Der Zustand war schlimmer als gedacht. Vieles war verschimmelt“, sagt er. Und auch sonst hielten die Räume viele Überraschungen bereit. Im Fußboden entdeckte er einen Schacht, die Holzbretter im Boden waren verfault und ein Fundament gab es nicht.

Boden hat etliche Risse

Jüptner füllte den Schacht mit Beton auf, kümmerte sich anschließend um die Isolierung. Ein weiteres Problem: Der Boden ist schief und hat etliche Risse. Statt alles rauszureißen, will Jüptner die Risse vergießen, um „so viel wie möglich zu erhalten“.

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Er steht mitten im Raum, schaut sich immer wieder um. Auf einem Tisch am Eingang liegt eine Kreissäge, daneben Holzleisten und Schleifpapier. Auf dem Boden sind Zangen, Akkuschrauber und zwei große Eimer mit Wasser. Es riecht nach Farbe und Holz.

Fortschritte genau dokumentiert

Jüptner zeigt Bilder und Videos auf seinem Handy, hat den Fortschritt der vergangenen Monate ganz genau dokumentiert.

Zu jedem Foto gibt es eine kleine Anekdote. Er erzählt von dem Tag, an dem er die Farbe von der Wand kratzte und plötzlich zwei Fenster zum Vorschein kamen, von deren Existenz niemand wusste. Oder von dem Tag danach, als er einen uralten Tresor in einer anderen Wand fand, den er gar nicht erst versuchte zu öffnen und mit Folie überklebte. Aus der Ruhe bringen lassen habe er sich davon nicht.

Generell scheint er Herausforderungen eher gelassen gegenüberzustehen. Und das obwohl es davon in den vergangenen Monaten einige gegeben hat. So musste er beispielsweise die Decke aufschneiden, die uralten Holzbalken mit Pfosten zusätzlich stützen. Er baute eine Toilette in der ersten Etage ein, entfernte die Schriftzüge an der Außenfassade, auf denen 120 Jahre lang die Wörter „Alois Reich“ zu lesen waren.

Werkstatt und Büro im oberen Bereich

„Es sieht zwar nicht danach aus, aber so viel Arbeit ist es gar nicht mehr“, sagt er. Die Schaufenster wurden bereits ausgetauscht, im oberen Bereich sei soweit alles fertig. Dort sollen in wenigen Monaten die Werkstatt und das Büro zu finden sein. Im Erdgeschoss entsteht der Verkaufs- und Messraum. Beide sind durch eine Schiebetür aus Eiche voneinander getrennt. Die Treppe, die die beiden Stockwerke miteinander verbindet, hat Matthias Jüptner – wie so vieles – selbst gebaut.

Eröffnung für Anfang September geplant

Läuft alles nach Plan, rechnet der 58-Jährige damit, dass er sein neues Geschäft Anfang September eröffnet. Froh darüber ist auch die Stadt: „Wir freuen uns, dass an so prominenter Stelle ein neues Geschäft hinkommt“, sagt Pressesprecher Christian Schwalm.

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Für Matthias Jüptner jedenfalls ist ein Traum in Erfüllung gegangen: Schreiner sein – wenn auch nur für einige Monate.

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