Rosenheim: In der ehemaligen Eisenwarenhandlung Förg gibt es jetzt Brillen zu kaufen

Ehrenplatz für ein altes Möbelstück: Die Verkaufstheke, die schon in der Eisenwarenhandlung stand, ist erhalten.
  • Ilsabe Weinfurtner
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Nach dem Tod seines Vaters hat Jakob Förg die Eisenwarenhandlung entkernt und saniert. Nun übernehmen Freunde der Familie die Räume an der Heilig-Geist-Straße in Rosenheim.

Rosenheim – Das Leben ist ein strenger Lehrmeister, wenn es um Wünsche und Träume geht. Wenn es eingreift ins eigene Sein, dann sind Demut, Zuversicht und eine gute Portion Durchhaltevermögen wichtige Gefährten. Jakob Förg ist diesen Weg gegangen. Der Sohn von Günter Förg, dem Eigentümer der gleichnamigen Eisenwarenhandlung, hat nach dem Tod seines Vaters viel verloren. Aber auch einiges gewonnen.

Studium in den USA muss warten

Es ist noch früh an diesem Vormittag. Die Sonne scheint, doch es sind nur wenige Menschen, die in der Rosenheimer Innenstadt unterwegs sind. Es ist Corona-Zeit. Und darum tragen Jakob Förg, Simon und Erich Häckl Mund-Nasen-Schutz, als sie im Verkaufsraum an der Heilig-Geist-Straße stehen.

Tür auf zu einer Baustelle: Rund 200 Tonnen Bauschutt sind bei der Sanierung des Erdgeschosses angefallen.

Wo einst Günter Förg sein vielseitiges Sortiment an Eisenwaren angeboten hat, werden seit zwei Wochen Kunden in Sachen gutes Sehen beraten. Familie Häckl hat den rund 200 Quadratmeter großen Verkaufsraum übernommen, unten im Erdgeschoss des Hauses, das seit vielen Jahren der Familie Förg gehört.

Fotografie erinnert an Firmenrad

Jakob Förg ist jetzt 25 Jahre alt. Vor bald eineinhalb Jahren starb sein Vater. Überraschend, im Alter von 64 Jahren. Förg junior, Student der Holztechnik, musste sein Leben neu sortieren. Die Pläne für ein Studium in der USA eintauschen gegen das Geschäft des Vaters in Rosenheim, das es abzuwickeln galt. Pläne für das eigene Leben waren erst einmal dahin

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16 Monate später lächelt Jakob Förg ein wenig – man sieht es an seinen Augen – als er sich in dem großzügigen Raum mit dem wuchtigen Gewölbe über ihm umsieht. Hell ist es hier, viele kleine Scheinwerfer, aufgespannt wie auf einer Perlenschnur, sorgen für angenehmes Licht. Vier, bis zu fünf Meter lange aber schmale Holztische strukturieren die Raummitte. Gelbe und grüne Sessel, sorgen für Farbakzente. Vorne, an der Schaufensterfront, hängt ein Kronleuchter von der Decke. In leichten Regalen an den Wänden stehen Brillen. An einer Seite des Raums fällt die übergroße Fotografie eines unmodernen Fahrrads ins Auge: das alte Firmenradl der Eisenwarenhandlung Förg. Lange stand es vor dem Geschäft. Nun ist es ins Lager geschoben.

„Das Haus hat eine jahrhundertelange Geschichte und wir schreiben jetzt unsere ganz eigene“, sagt Jakob Förg. Er lächelt, weil er zufrieden ist. Weil er wohl ahnt, dass sein Vater zufrieden wäre, würde er sehen, dass sogar der alte, 100 Jahre alte Schrank mit den unzähligen kleinen Schubladen und die dazugehörige Verkaufstheke ihren Platz gefunden haben im neuen Optikerladen. Dass hier an der Heilig-Geist-Straße Neues entstanden ist, ohne das Alte zu verraten.

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Über Monate hat Jakob Förg angepackt. Ist im Winter, nach einem schnellen Espresso beim Dinzler, quer gegenüber, wieder und wieder zur Baustelle gegangen, über der er eine kleine Wohnung hat. Wo der Vater lange Jahre seine Waren verkaufte, stand der Minibagger und grub seine Schaufel tief hinein, in den Boden. Dort, wo die schwarzen Eichendielen gelegen hatten, die Jakob Förg eigentlich erhalten wollte. Und die dann doch einem modernen Industrieboden weichen mussten.

Gelungene Verbindung: Alt und neu ergänzen sich in dem rund 200 Quadratmeter großen Verkaufsraum.

Tag für Tag hat Jakob Förg geschuftet, insgesamt rund 200 Tonnen Bauschutt aus der Eisenwarenhandlung herausgeholt. Schubkarre für Schubkarre. Hat abgegraben, was weg musste. Nebenbei Pläne ausgearbeitet, wie es einmal aussehen könnte in dem Geschäft, das das Leben des Vaters war. Das Constantin und Rosa Förg, die Urgroßeltern von Jakob Förg, am 9. November 1922 gegründet hatten. Von dem der Vater aber sehr wohl wusste, dass es nicht ewig wird existieren können. Schon deshalb, weil es der Junior nicht übernehmen wollte.

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Es war eine anstrengende Zeit. Auch körperlich. Als Jakob Förg von den Tagen auf der Baustelle erzählt, sitzt neben ihm Erich Häckl (65). Im gebührenden Corona-Abstand lacht er unter der Maske und sagt: „Da kriegt man kräftige Unterarme, Jakob.“ Häckl ist 40 Jahre älter als Jakob Förg. Häckls Sohn Simon, Optikermeister wie er selbst, ist 35 Jahre alt. Zu dritt haben sie an einem der langen Holztische Platz genommen. Viele Worte machen sie nicht, das haben sie gemeinsam. Was sie vor allem verbindet, ist eine jahrzehntelange Freundschaft beider Familien.

Sanierung mit Weitsicht

So war es für Jakob Förg keine Fragen, die Sanierung ganz eng abzustimmen auf die Bedürfnisse der Freunde. Waschbecken, Abwasser, Leitungen: Alles hat den Platz dort bekommen, wo es ein Optiker braucht. Dabei muss nicht Schluss sein mit dem Umbau. „Ein ganzer Kilometer Leerrohr ist noch nicht besetzt“, sagt Jakob Förg.

Für Familie Häckl müssen nun die kommenden Monate zeigen, wie gut die Filiale angenommen wird, die nur wenige Minuten vom Geschäft an der Münchener Straße weg liegt. Corona hat den Start nicht einfach gemacht. Aber es laufe ordentlich an, sagt Erich Häckl. Allein schon die Neugierde, zu sehen, was aus der einstigen Eisenwarenhandlung geworden ist, zieht die Menschen ins Geschäft.

Zeit des Umbruchs geht zuende

Für Jakob Förg ist mit der Übergabe an Familie Häckl eine Zeit des Umbruchs zu Ende gegangen. Das Leben hat ihm so manchen Traum geraubt, vielleicht neue beschert. Mag gut sein, dass er mit jeder Schaufel Bauschutt ein Stück von sich selbst freigelegt hat. „Der Bachelor ist fertig, der Master ruht“, sagt er. Er arbeitet jetzt selbstständig auf anderen Baustellen. „Da gibt es wenigstens pünktlich Feierabend“, sagt er. Es klingt, als sei er angekommen.

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