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1 JAHR CORONA-PANDEMIE

„Wie im künstlichen Koma“ – Rosenheims Wirtschaftsdezernent Thomas Bugl über das Corona-Jahr

Die Corona-Pandemie hat die Rosenheimer Innenstadt leer gefegt. Darunter leiden viele Einzelhändler und Gastronomen. Schlecker
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Die Corona-Pandemie hat die Rosenheimer Innenstadt leer gefegt. Darunter leiden viele Einzelhändler und Gastronomen. Schlecker
  • Jens Kirschner
    vonJens Kirschner
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  • Anna Heise
    Anna Heise
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Rosenheim –Die Corona-Pandemie beschleunigt das Sterben der Innenstädte. Eine Entwicklung, gegen die sich Rosenheim zu stemmen versucht. Wirtschaftsdezernent Thomas Bugl gibt Einblick in Sachen Leerstände und notwendige Initialzündungen. Und: So viele Läden und Gastro-Betriebe stehen vor der Pleite.

Herr Bugl, wie hat sich die Innenstadt seit dem Beginn der Corona-Pandemie verändert?

Thomas Bugl: Man kann es nicht anders sagen: Der Zustand bewegt sich zwischen schockgefroren, künstlichem Koma und Agonie.

Rosenheims Wirtschaftsdezernent Thomas Bugl.

Seit einigen Wochen häufen sich die Meldungen über Schließungen und Leerstände. Gibt es da konkrete Zahlen?

Bugl: Der städtischen Wirtschaftsförderungsagentur sind rund 30 Ladeneinheiten bekannt, die derzeit leer stehen, darunter einige Gastronomiebetriebe. Dazu kommen etwa zehn Ladeneinheiten, deren Zukunft ungewiss ist.

Und die Corona-Krise ist an allem Schuld?

Bugl: Natürlich ist nicht bei all diesen Unternehmen Corona die Ursache für die Schließung. Teilweise waren die Geschäftsmodelle nicht tragfähig. Teilweise war es nicht möglich, Unternehmensnachfolger zu finden. Umgekehrt deutet manches darauf hin, dass bedingt durch die Aussetzung des Insolvenzrechts derzeit noch manche sogenannte „Zombie-Unternehmen“ existieren, die unter regulären Bedingungen nicht länger überleben werden.

Wie probiert die Stadt gegen geplante Schließungen vorzugehen?

Bugl: Verhandlungen mit den Immobilieneigentümern sind Chefsache: Oberbürgermeister März kümmert sich, wo gewünscht, persönlich um den Kontakt zu den Eigentümern. Es muss aber klar sein: In die Verfügungsrechte der Eigentümer kann und wird die Stadt nicht eingreifen.

Wie erfolgreich sind diese Verhandlungen?

Bugl: Der Erfolg ist mit Händen zu greifen: Denken Sie an die Rettung von Galeria-Karstadt-Kaufhof Rosenheim trotz einer sehr heterogenen Eigentümerstruktur. Aktuellstes Beispiel ist übrigens Danone. Auch hier waren der Oberbürgermeister und schon seine Amtsvorgängerin Gabriele Bauer intensiv daran beteiligt, diese überaus sinnvolle Nachfolgelösung zum Erfolg zu führen.

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Wie hoch sehen Sie die Chancen, dass der momentane Leerstand schnellstmöglich wieder behoben werden kann? Gibt es bereits Interessenten?

Bugl: Natürlich profitieren wir in Rosenheim immer noch von der überdurchschnittlichen Kaufkraft in der Region und der hohen Einzelhandels-Zentralität. Deshalb gibt es für manche Leerstände bereits Nachfolgenutzungen, die aber derzeit eben nicht öffnen dürfen. Insgesamt wird es darauf ankommen, wie schnell der Einzelhandel insgesamt in der Lage ist, neue Betriebskonzepte zu entwickeln und sich gegen die Konkurrenz des Onlinehandels zu stemmen.

Hand aufs Herz. Wird es eine Innenstadt, wie wir sie vor Corona gekannt haben, noch einmal geben?

Bugl: Die klassische Antwort eines Ökonomen lautet: Es kommt drauf an. Wenn die Finanzhilfen endlich in ausreichendem Umfang fließen, wenn es eine verlässliche und belastbare Öffnungsperspektive gibt, wenn die Rahmenbedingungen speziell für Einzelhandel und Gastronomie zum Beispiel im steuerrechtlichen Bereich verbessert werden und wenn sich der Bayerische Landtag dazu durchringen kann, zumindest zum Wiederanfahren des Einzelhandels verkaufsoffene Sonntage ohne Anlassbezug zuzulassen, dann könnte das die dringend notwendige Initialzündung nach dem coronabedingten Tal der Tränen sein. Mehr denn je gilt: Die entscheidende Währung für unternehmerisches Engagement ist Vertrauen in die Wirtschaftspolitik. Dieses Vertrauen wieder herzustellen ist jetzt die vordringliche Aufgabe der Bundespolitik.

Gibt es bereits Pläne, wie man die Menschen zurück in die Innenstadt ziehen kann?

Bugl: Wir haben es mit einer Gratwanderung zu tun: Solange keine Herdenimmunität erreicht ist, kann und darf es die vor Corona üblichen Besucherströme in unseren Innenstädten nicht geben. Umgekehrt müssen wir versuchen, den inzwischen eingeübten Trend zur Bestellung von der Couch aus über den Onlinehandel zumindest soweit wie möglich wieder zu brechen. Dazu dienen Aktionen wie der „Sommer in Rosenheim“, der auch in diesem Jahr dank der Initiative von Wirtschafts-Bürgermeister Daniel Artmann bereits in Planung ist. Eines seiner langfristigen Ziele ist auch, unter dem Motto „Leben am Fluss“ die Flüsse mehr in den Mittelpunkt der Stadt zu rücken.

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Bugl: Solche Lösungen sind ordnungspolitisch aberwitzig. Damit käme es nicht mehr darauf an, dass sich ein Betriebskonzept am Markt behaupten muss. Über Erfolg oder Misserfolg würden dann lediglich die jeweiligen städtischen Steuerzahler entscheiden. Und wieso übernimmt eine Stadt nur die Miete für neue Händler und nicht auch für die etablierten? Das ist doch schon wieder eine Marktverzerrung. Solche direkten Eingriffe in den Wettbewerb sind der Übergang von der Markt- in die Staatswirtschaft zu Lasten all derer, die Steuern erwirtschaften.

Plant die Stadt generell, aus ihren Mitteln örtliche Händler, Gastronomen aber auch Kulturbetriebe zu unterstützen?

Bugl:Was eine Stadt tun kann und soll, ist, innerhalb ihrer kommunalen Möglichkeiten die Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln zu verbessern. Dazu gehören die Ausweitung von Flächen für die Außengastronomie, der Verzicht auf Sondernutzungsgebühren, die Stundung oder Aussetzung von Gewerbesteuerzahlungen, die Verschönerung des öffentlichen Raums in der Innenstadt, zum Beispiel durch Begrünung, Bepflanzung und attraktive Aufenthaltsmöglichkeiten und die Unterstützung von Innenstadtaktionen wie dem „Sommer in Rosenheim“.

Stichwort Tourismus: Wie groß schätzen Sie die Chance, dass Rosenheim in diesem Jahr wieder Besucher anlocken kann?

Bugl: Schon im vergangenen Jahr waren der Juli und der August dank der Touristen, die in die Stadt gekommen sind, die stärksten Monate in der Kundenfrequenz. Die entscheidende Frage ist: Wann gibt es eine verlässliche Öffnungsperspektive für die heimische Hotellerie und die Gastronomie? Solange niemand weiß, ob und wann in diesem Jahr überhaupt Reisebuchungen möglich sind, wird es keinen Tourismus geben, der über Tagesgäste hinausreicht.

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