Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Drogenbeauftragter des Bundes im Exklusiv-Interview

Sollte Cannabis legal sein? Warum Burkhard Blienert ein Umdenken in der Drogenpolitik fordert

Bundesdrogenbeauftragter Burkhard Blienert besucht am Mittwoch, 16. November, den 6. Rosenheimer Suchthilfetag - und will unter anderem über die Legalisierung von Cannabis sprechen.
+
Bundesdrogenbeauftragter Burkhard Blienert besucht am Mittwoch, 16. November, den 6. Rosenheimer Suchthilfetag - und will unter anderem über die Legalisierung von Cannabis sprechen.
  • Anna Heise
    VonAnna Heise
    schließen

Burkhard Blienert ist der neue Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Gekifft hat er noch nie, trotzdem setzt er sich für eine Legalisierung von Cannabis ein. Jetzt kommt der SPD-Politiker nach Rosenheim - und erklärt, warum es ein Umdenken in der Drogenpolitik braucht.

Rosenheim - Braucht es eine Altersgrenze für Alkohol? Wie soll der Tabakkonsum reduziert werden und welche Lehren hat man aus der Pandemie gezogen. Ein Gespräch mit dem Bundesdrogenbeauftragten Burkhard Blienert - dem Nachfolger von Daniela Ludwig.

Sie gelten als Vorkämpfer für eine Legalisierung von Cannabis. Warum ist Ihnen das Thema so wichtig?

Burkhard Blienert: „Wir müssen ehrlich sein: So, wie die bisherige Cannabispolitik gehandhabt wurde, kann es nicht weitergehen. Es gibt immer mehr junge Konsumentinnen und Konsumenten, der Schwarzmarkt blüht und die Verunreinigungen nehmen zu. Die kontrollierte Abgabe soll hieran etwas ändern. Ich möchte noch einmal klarstellen: Wichtig für mich als Sucht – und Drogenbeauftragter ist insbesondere der Jugend- und Gesundheitsschutz, der steht an allererster Stelle.“

Bleiben wir beim Jugendschutz: Sollte es dann nicht auch eine Altersgrenze für Alkohol geben?

Blienert: „Ich habe gleich zu Beginn meiner Amtszeit klargestellt, dass ich eine neue Alkohol-Debatte fordere. Viel zu lang wurde Alkoholmissbrauch in Deutschland als Randthema behandelt, dabei sterben jedes Jahr schätzungsweise 60.000 bis 70.000 Menschen an den gesundheitlichen Folgen. Alkohol ist ein Genussmittel und kein Lebensmittel, das sollten wir uns immer wieder klarmachen.“

Und doch dürfen 14-Jährige in Begleitung ihrer Eltern Bier und Wein in einer Bar trinken.

Blienert: „Vom begleiteten Trinken ab 14 Jahren halte ich überhaupt nichts. Das ist eine deutsche Unart, die wir dringend überdenken sollten, ebenso die eher laxen Altersgrenzen insgesamt. Wer seinem 14 Jahre alten Kind in der Kneipe ein Bier bestellt, der bringt nicht bei, wie man klug mit Alkohol umgeht, sondern sendet ein völlig falsches Zeichen. Denn die Forschung zeigt ja ganz klar, wie schädlich Alkohol in dem Alter ist.“

Eines Ihrer Ziele ist es zudem, den Tabakkonsum weiter zu reduzieren. Wie wollen Sie das schaffen?

Blienert: „Aktuell läuft die Aktionswoche Nichtrauchen im Rahmen unserer Kampagne „Rauchfrei Leben – Deine Chance“. Ich will mehr Menschen motivieren, es mit dem Rauchstopp zu versuchen und aufzeigen, wer ihnen dabei alles helfen kann. Denn klar ist: Wer sich fachliche Hilfe holt, hat eine fünf Mal größere Chance, das Rauchen zu überwinden.“

Wie stehen Sie eigentlich zu den abschreckenden Bildern auf den Zigarettenschachteln?

Blienert: „Aus Studien dazu wissen wir, dass sie vor allem jugendliche Nichtraucherinnen und Nichtraucher abschrecken. Das ist auch eins der zentralen Ziele dieser Bilder. Rauchen tötet, das ist keine Übertreibung, sondern eine Tatsache.“

Veraltete Vorurteile gegenüber Sucht und Drogen

Die Zahl der Drogentoten ist in Deutschland während der Pandemie deutlich gestiegen. Hauptursache war vor allem der Konsum von Opioiden. Wie lässt sich der Konsum illegaler Drogen Ihrer Meinung nach unterbinden?

Blienert: „Wir müssen uns endlich von veralteten Vorurteilen gegenüber Sucht und Drogen verabschieden. Die Wahrheit ist doch: Menschen werden sich berauschen wollen, egal, wann und wo. Wir werden dies nicht in Gänze verhindern, aber wir können die Folgen minimieren und daran arbeiten, dass Prävention besser und wirksamer wird.“

Heißt?

Blienert: „Was wir brauchen, sind stabil finanzierte Beratungsangebote für Betroffene, ihre Eltern, Partner und Kinder. Auch eine sichere Substitutionsversorgung gehört unbedingt dazu - in ganz Deutschland –, denn Methadon und Co. können dabei helfen, den Kreislauf von Sucht und Beschaffungskriminalität zu überwinden und überhaupt wieder handlungsfähig zu werden. Außerdem brauchen wir Instrumente der Schadensminimierung wie Drogenkonsumräume und Drugchecking-Projekte. Gerade, was Drogenkonsumräume betrifft, liegt der Ball übrigens ganz klar bei der Staatsregierung in München.“

Digitale Suchthilfeangebote

Während der Pandemie sind gewohnte Strukturen, persönliche Hilfsangebote und Ansprechpartner von einem Tag auf den anderen weggebrochen: Welche Lehren hat man aus der Pandemie gezogen?

Blienert: „Dass das Thema Sucht eher größer, als kleiner wird und auch die Suchthilfeangebote digitaler werden müssen. Da sind wir auf einem guten Weg. Beispielsweise gibt es das neue Portal www.suchtberatung.digital , welches Betroffenen und ihren Angehörigen quasi rund um die Uhr Hilfsangebote und Beratung in ihrer Nähe vermittelt.“

Wer sollte den Rosenheimer Suchthilfetag am Mittwoch, 16. November, ihrer Meinung nach besuchen?

Blienert: „Jeder, der in der Region ein Anliegen daran hat, Menschen mit Suchtproblemen schneller und besser zu helfen, Angehörige zu unterstützen und das Thema weiter in die ganze Gesellschaft zu tragen. Sehen Sie, Sucht ist keine Randerscheinung. Sucht ist mitten unter uns.“

Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen?

Blienert: „Ich bin angetreten, um das Motto „Hilfe und Schutz statt Strafe“ zu etablieren. Menschen, die krank sind, und das sind Menschen mit Suchtproblemen, brauchen keinen repressiven Druck, sondern jemanden, der ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht. Ich möchte, dass wir erreichen, dass Sucht ohne Wenn und Aber als das anerkannt wird, was sie ist: eine Krankheit. Der Koalitionsvertrag bietet eine wertvolle und gute Grundlage, um auch beim Thema Alkohol und Tabak weitere Schritte in Richtung Gesundheitsschutz zu unternehmen. Das reicht von Einschränkungen beim Sponsoring bis hin zum Ausbau der Prävention für Kinder und Schwangere. Ich möchte einen Paradigmenwechsel, einen Neuanfang. Das brauchen die Menschen, das braucht die Drogenpolitik in Deutschland.“

Der 6. Rosenheimer Suchthilfetag findet am Mittwoch. 16. November, im Kultur- und Kongresszentrum statt. Um 13 Uhr eröffnet Oberbürgermeister Andreas März die Veranstaltung. Es folgen Grußworte des Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer und eine Botschaft des Drogenbeauftragten der Bundesregierung Burkhard Blienert. Er hat auch die Schirmherrschaft für die Veranstaltung übernommen. Ab 13.45 Uhr gibt es Vorträge zu verschiedenen Themen. Eine Programmübersicht gibt es unter neon.zohobackstage.eu. Die Teilnahme ist kostenlos und für jeden zugänglich.

Kommentare