Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Kinderbetreuung in Rosenheim

Kita geschlossen, Eltern verzweifelt: In Rosenheim mangelt es an Erziehern

Zwar gibt es genug Plätze, aber es mangelt an Personal.
+
Zwar gibt es genug Plätze, aber es mangelt an Personal.
  • Thomas Stöppler
    VonThomas Stöppler
    schließen

Zwar konnte die Stadt offiziell allen Kindern einen Kitaplatz zuweisen, aber in der Realität fehlt es weiter an Personal. Das belastet zunehmend auch die Wirtschaft. Bei den Eltern nimmt die Verzweiflung zu.

Rosenheim - Morgens um 7 Uhr kommt die SMS. Es ist nicht das erste Mal, aber es ist immer wieder eine Herausforderung. „Ich war schon in der Schule“, erzählt Marianne Struck. Ihr Mann muss dann erstmal mit den Kindern zu Hause ausharren, bis er in die Arbeit gehen kann. Marianne Struck muss dann früher gehen, um die Kinder zu betreuen. Denn der Kindergarten hat zu – mal wieder.

Offiziell ist alles in Butter, so klang es zuletzt immer wieder aus der Stadtverwaltung. Alle Kinder hätten einen Platz bekommen, erklärte Oberbürgermeister Andreas März jüngst wieder auf der Bürgerversammlung Nord. Das sei nicht einfach gewesen, aber die „familienfreundlichste Kommune Bayerns“ setze die Kinderbetreuung ganz oben auf die Agenda – „höchste Priorität“. Und es passiert tatsächlich einiges: Über 200 zusätzliche Kindergartenplätze werden bis 2025 geschaffen. Nur: Wie auch die jetzigen Plätze existiert dies alles erstmal nur auf dem Papier. Denn es fehlt Personal.

21 verschiedene Erzieher in anderthalb Jahren

Offiziell sind es neuneinhalb Stellen, die nicht besetzt sind. Der Fachkräftemangel im Bereich Kinderbetreuung ist nicht neu, aber die Pandemie verschärft die Lage massiv. „Jetzt zum Start des Kindergartenjahres war der Kindergarten zwei Tage offen und dann gleich fünf Tage zu“, erzählt Struck. Der Kindergarten, in den Strucks Sohn geht, ist klein, nur eine Gruppe ist dort. Der Betreuungsschlüssel ist eigentlich nicht so schlecht, sogar deutlich besser als das Minimum von elf Kindern pro Erzieher. Aber wenn einer ausfällt, dann liegt man gleich unter dem Schlüssel.

Auf der Bürgerversammlung Nord berichtete eine Mutter, dass ihr Kind in den letzten anderthalb Jahren 21 verschiedene Erzieher hatte – mindestens, sie erinnere sich nicht an alle. Struck hat nicht mitgezählt, aber das haue schon hin, sagt sie. „Unser Großer tut sich da recht leicht, da haben wir Glück, aber andere Kinder wollen dann nicht mehr in den Kindergarten“, erzählt sie, „da können die Springer noch so nett und engagiert sein“.

Kaum Chancen gegen den Fachkräftemangel anzukommen

Die fehlenden Stellen zu besetzen, ist für die Stadt außerordentlich schwierig. Um mehr Fachkräfte anzulocken, biete man etwa kostenlose Fitnessprogramme an, zinslose Gehaltsvorschüsse zum Kauf von Pedelecs oder Fahrrädern, und auch sonst bemühe man sich um einem gutes Arbeitsklima, sagt ein Sprecher der Stadt. Mehr Gehalt geht nicht: „Es gibt einen Tarif, an den man sich halten muss“, erklärt der Sprecher. Müssen ist freilich relativ, die Stadt könnte durchaus mehr zahlen, aber zum einen braucht es dafür Geld und zum anderen entschärft es die Situation nicht: Erzieher, die dann zu den städtischen Kindergärten wechseln, fehlen dann bei den Kindergärten der freien Träger.

Sonja Gintenreiter, Fraktionsprecherin der Grünen-Fraktion im Rosenheimer Stadtrat, hakt im Stadtrat regelmäßig nach. Aber auch sie will der Verwaltung auch keinen Vorwurf machen: „Der Fachkräftemangel ist natürlich auf kommunaler Ebene kaum zu bekämpfen“, sagt sie. Aber es gäbe schon Möglichkeiten, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Erzieher zu verbessern: „Wir müssen den Erziehern mehr Wertschätzung entgegenbringen und zusammen mit den freien Trägern Hand in Hand arbeiten.“ Etwa durch ein Jobticket oder bezahlbaren Wohnraum.

Wenn der Kindergarten trotz Krankheitsfällen nicht schließt, wird es kritisch: „Ich bin froh, dass mein Kind so liebevoll betreut wird, aber bei dem tatsächlichen Betreuungsschlüssel ist mir dabei nicht immer wohl“, sagt Struck. In ihrem Kindergarten helfen sich die Eltern soweit es geht selbst: Im Wechsel übernehmen die Eltern häufig die Betreuung, aber das klappt natürlich nicht immer und vor allem nicht, wenn es so schnell gehen muss.

Die Frauen schultern die meiste Last

Dann ist Struck auf die Kulanz ihres Arbeitgebers angewiesen. Denn dann fällt sie aus, die Kinder mitzunehmen ist quasi unmöglich. Struck ist Lehrerin und ihr Gymnasium hat Verständnis. „Aber ich will ja arbeiten, es herrscht auch Lehrermangel, da sollte ich eigentlich nicht fehlen“, erklärt sie. Kinderkranktage gelten nicht, wenn die Kita wegen Personalmangel schließen muss. Sich spontan frei zunehmen, ist nicht immer möglich. Wer kann, verlegt die Arbeit dann aufs Wochenende oder in die Nacht. Das geht alles auf Kosten des Familienlebens.

Struck hat jetzt die Stunden reduziert - nicht freiwillig: „Es geht einfach nicht anders“, sagt sie. Damit ist Struck nicht alleine. Bereits in den vorherigen Lockdowns haben vor allem Mütter beruflich zurückgesteckt und die Kinder daheim betreut, das geht aus einer Studie des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervor. Dass Frauen mehr zu Hause bleiben, widerspricht aber der Lebensrealität vieler Familien. Die Zeiten, in denen ein Einkommen reichte, um in eine Familie zu ernähren, sind vorbei. Die Erwerbstätigkeitsquote von Frauen ist in den letzten 20 Jahren um 13 Prozent gestiegen. Fällt aber die Kinderbetreuung weg, droht diese Zahl langfristig wieder zu sinken - trotz Fachkräftemangel aller Orten.

Kommentare