WÄHREND DER FASTENZEIT

Rohrdorfer Künstler Jörg Länger zeigt für St. Nikolaus konzipierten Kreuzweg in der Kirche

Jörg Länger z in St. Nikolaus mit Pfarrer Andreas Maria Zach (rechts)
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Jörg Länger zeigt heuer in der Fastenzeit in St. Nikolaus seinen eigens für die Rosenheimer Pfarrkirche konzipierten Kreuzweg „Das Vera Icon in 14 Stationen seiner Passion“. Hausherr Pfarrer Andreas Maria Zach (rechts) hilft dem in Rohrdorf lebenden Künstler hier beim Aufhängen des Vera Icon, des wahren Antlitzes Christi, das im „Schweißtuch der Veronika“ namensgebend wirkt.

Auch heuer führt Pfarrer Andreas Maria Zach die Tradition der Fastenausstellung in St. Nikolaus fort. Diesmal ist es Jörg Länger, der in der Rosenheimer Stadtpfarrkirche sein aktuelles Werk „Das Vera Icon in 14 Stationen seiner Passion“ während der Fastenzeit präsentieren kann.

von Dr. Evelyn Frick

Rosenheim – Der gebürtige Berliner, der nicht nur Objekte der sakralen Kunst schafft, ist Rosenheimer Kirchenbesuchern und Kunstfreunden kein Unbekannter, fand doch seine „Passion auf Holz“, als sie 2018 in der Kirche St. Michael an der Westerndorfer Straße erstmals gezeigt wurde, so viel begeisterte Zustimmung, dass der Zyklus letztendlich angekauft wurde und seither das schlichte Rund der Kirche bereichert.

Stilmittel aus seinem festen Repertoire

Auch in seinem speziell für St. Nikolaus konzipierten Kreuzweg zum „Vera Icon“, dem wahren Antlitz Christi, greift Jörg Länger, der seit einigen Jahren in Rohrdorf lebt, auf Stilmittel zurück, die er sich in den letzten Jahren erarbeitet hat und die mittlerweile zu seinem festen Repertoire gehören. Da sind vor allem Materialien und Techniken, die zurückgreifen auf alte Traditionen.

So verwendet der Künstler, der seit dreißig Jahren in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland vertreten ist, gerne Holzplatten als Bildträger und präpariert sie mit einem fein geschliffenem Kreidegrund, dem Gesso, um einen idealen Malgrund zu erhalten. Auch den Goldgrund, der in byzantinischen Mosaiken zuerst auftritt und bis in die Spätgotik gegen 1500 als verbindlicher Hintergrund für Heiligenfiguren galt, entlehnt Länger aus der Tradition.

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Mit dem „Protagonisten“ setzt der 57-Jährige, der in Berlin Geisteswissenschaften und in Ottersberg bei Bremen Kunst studiert hat, ein Konzept um, das sein Schaffen unverwechselbar und charakteristisch macht. Auch hier bedient sich der seit 1990 freischaffende Künstler aus der Bilderwelt früherer Epochen und wählt einen „Hauptdarsteller“ für seine Schöpfungen aus den Werken bedeutender Vorgänger.

Doch während Länger für jede Station des Kreuzwegs in St. Michael eine andere Vorlage wählte, von Dürer, über Rembrandt bis Giacometti, konzentriert sich sein aktueller Kreuzweg ganz auf eine einzige Bildvorlage.

Auf einem Kirchenfenster in der Normandie

Es ist eine Darstellung des „Vera Icon“, des wahren Antlitzes Christi, das ein unbekannter Künstler um 1525 bis 1530 auf ein Kirchenfenster in der Normandie gemalt hat und das ganz typisch das schmale Gesicht des Heilands, gerahmt von dem in Locken herabfallenden Haupthaar und den in der Spitze geteilten Bart wiedergibt.

Durch seine Beschränkung auf einen einzigen Protagonisten konzentriert Länger die Bildaussage seines nun in St. Nikolaus ausgestellten Kreuzweges ungemein. Hier lenkt nichts mehr ab, hier ist kein Raum für Beliebigkeit, hier ist volle Konzentration.

In 14 Stationen erleidet Längers „Vera Icon“, dieses auf wunderbare Weise nicht von Menschenhand geschaffene Abbild des Antlitzes Christi, wie es uns im Turiner Grabtuch, im Schweißtuch der Veronika (der Frauenname bedeutet nichts anderes als Vera Icon) oder als Volto Santo, Heiliges Antlitz, im Schleier von Manoppello begegnet, den Weg der Passion.

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Vierzehn Stationen, das ist die traditionelle Zahl für einen Kreuzweg, die sich ab 1600 herauskristallisiert hat. Vierzehn Stationen, das ist auch die Zahl des Grabichler-Kreuzweges aus dem 19. Jahrhundert, der ständig in der Nikolauskirche hängt, und zu dem während der diesjährigen Fastenzeit der Kreuzweg von Jörg Länger in Kontrast und Dialog tritt.

„Dieser Kreuzweg zeigt, dass es durch die Abgründe des Lebens hindurch einen Weg zum Licht und zur Vollendung gibt.“ Mit diesen Worten umreißt Pfarrer Andreas Maria Zach sehr klar den Kernpunkt der Bildaussage des Zyklus von Jörg Länger.

Nicht ganz einfach wird der direkte Vergleich der beiden Kreuzwege für den Betrachter, denn Länger setzt als markanten Anfang die Taufe Christi und nicht die Verurteilung zum Tode, wie es der Spätnazarener Lorenz Grabichler in der üblichen Tradition macht.

Kein Abstieg in die Unterwelt

Mit Fußwaschung, Ölberg, Geißelung und Dornenkrönung greift Länger Geschehnisse des Gründonnerstags und des Karfreitags auf, die sich gelegentlich auch in traditionellen Kreuzwegen finden. Auch Längers Auferstehung begegnet manchmal in Kreuzwegen, der Abstieg in die Unterwelt und die Himmelfahrt dagegen üblicherweise nicht.

Ein Infoblatt, das in der Nikolauskirche aufliegt, und das jeder Interessierte mitnehmen kann, erleichtert den Zugang zu den einzelnen Stationen der beiden Kreuzwege, die hier in einer kleinen Übersicht gegenüber gestellt werden.

„Überwindende Transformation“

„Bilder für die Kar- und Osterzeit. Bilder von Leid, Tod und dessen überwindender Transformation in einer Zeit in der wir große Angst, ja Panik vor Krankheit und dem Sterben haben – können wir die Auferstehung überhaupt noch fassen, können wir sie wenigstens andenken, aufgewachsen und sozialisiert mit einem materialistischen (positivistischen) Wissenschaftsansatz.“

So äußerte sich der Künstler selbst zu seinen Kunstwerken zu Wort. „Mine Passion ist bedürftig, sie bedarf der Mittat von Ihnen, den Betrachtern: Symbole, Formen, Farben und Materialien müssen von Ihnen aktiv ersehen und angedacht werden, so besteht beispielsweise das Antlitz Christi aus unbemalter Grundierung, bereit von Ihren geistigen Phantasiekräften innerlich ausgearbeitet zu werden …“

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Mit dem „Vera Icon“ begibt sich Jörg Länger auf eine Metaebene. Der Betrachter erblickt nicht, wie er es gewohnt ist, eine Darstellung Christi auf den Stationen seines Leidensweges, sondern sieht ein Abbild seines Gesichtes als verknappte Bildchiffre. Die minimalistische Bildsprache lädt zur Auseinandersetzung ein und lässt Freiräume für die persönliche Meditation.

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