Dieser Mann vergrößert Insekten – um Rosenheim zu zeigen, wie schön sie sind

Der Schöpfer und seine Kreaturen: Peter Pohl möchte die Ästhetik der Insekten hervorheben.
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Der Schöpfer und seine Kreaturen: Peter Pohl möchte die Ästhetik der Insekten hervorheben.
  • vonAnna Hausmann
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Künstler Peter Pohl (55) aus Riedering erschafft monströse Kreaturen. Sie sind ab jetzt in Rosenheim zu sehen.

Rosenheim –Abstoßend und angsteinflößend – aber nur auf den ersten Blick. Denn seine überdimensionalen Insekten verbergen eine faszinierende Schönheit. Als Gast beim „Sommer in Rosenheim“ lädt er zum Kunstschaufenster am Ludwigsplatz, damit Besucher das Fürchten verlernen.

Es zirpt, aus allen Ecken des Gebäudes. Es wird immer lauter. Die Geräusche lassen einen glauben, mitten im Wald zu stehen. Lange haarige Beine ragen über dem Boden auf. Es sind riesige Insekten. In der Mitte des Raumes ihr Schöpfer: der Künstler Peter Pohl.

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Die Schönheit der Tiere erkennen

Brachialität trifft Verletzlichkeit. Die Arbeit an den Kunstwerken dauert viele Stunden.

Er geht zum größten Ausstellungsstück. „Man darf sich ruhig ekeln.“ Er schmunzelt. Seine Kunst spiele mit der Überwindung der Angst. Angst? Hat er selbst nicht, nie gehabt. Er schüttelt den Kopf. Schon als Kind habe er auf der kroatischen Insel Losinje Zirkaden beobachtet. Sie schlüpften aus dem Kokon, im Sonnenlicht breiteten sie das erste Mal die Flügel aus. „Das waren Eindrücke, die mich zur Kunst gebracht haben.“

Mit der Kunst schafft er seine eigene Realität im geschlossenen Raum. Seine Welt nannte er „Sommernachtstraum“. Neun Insekten und deren nachgebildete Panzer bewohnen das Gebäude der ehemaligen Post. Die Kunst mache etwas mit ihm, erzählt der Künstler, der an der Akademie der Bildenden Künste in Wien studierte. „Ich habe im Leben viele Prozesse durchmachen müssen.“ Sein Blick schweift über seine Werke. „Dabei fragt man sich: Was machen deine Arbeiten mit dir?“ Einer Antwort bleibt er schuldig, die weiß nur er selbst. Wenn er einmal mit seinen gewaltigen Skulpturen angefangen hat, wird seine Kunst zum Kraftakt. „Das Gewicht und die Größe kosten dem Geist und Körper viel Energie“, erklärt er. Die Arbeit werde zur Performance.

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Aus Montageschaum entstehen Insekten

Doch auch seine Werke durchlaufen einen Prozess. Das zeigt ein weiteres Ausstellungsstück von ihm. Es sollte eine Schlupfwespe werden, mitten in der Erstehung wandelte sie sich zum Teil zum Skorpion. Ihre Glieder wirken zerbrechlich, trotz der bedrohlichen Größe. Pohl fertigte sie aus Polyurethan-Schaum, der sonst auf Montage verwendet wird. Dazu Tüll und Lacke – und der nachgebaute Panzer sieht aus wie aus Chitin. Ein Schritt zur Seite, das Licht bricht auf der Oberfläche. Das Grün wechselt zu einem Blau. Währenddessen wandern bizarre Formen über die Wände des Raumes, eine Endlosschleife. Es sind insektoide Gebilde, digitalisierte Kohlezeichnungen von Peter Pohl.

Insekten und Krieg

Aus vermeintlichem Abfall wurde Kunst. Die übrig gebliebenen Materialien formte Pohl zu einem Gebilde.

Ein paar Schritte weiter verschlingt eine Schlupfwespe Gedärme. „Wir Menschen assoziieren Insekten mit Krieg, sie wirken abschreckend und grausam“, weiß Pohl. Es ist ein schmaler Grat von Schrecken und unbestreitbarer Ästhetik. Und das war sein Plan. Denn eigentlich, so Pohl, seien die Tiere auch friedlich, lebten in einer Gemeinschaft. Sein Leben hat der Künstler den Insekten gewidmet. Für ihn wäre es ein trauriger Gedanke, wenn diese Tiere plötzlich aussterben würden. Er ist überzeugt: „Ohne Insekten würden wir nur noch in künstlichen Räumen leben.“

Über das Projekt KunstSchauFenster

Diese Botschaft seiner Werke beeindruckte auch Ausstellungskuratorin Olena Balun: „Für mich war von Anfang an klar, dass ich die Ausstellung mit Peter Pohl machen werde, weil seine Arbeiten eine tolle inhaltliche, räumliche, ästhetische und, ehrlich gesagt auch eine aktuell brisante politische Wirkung haben.“

Die Ausstellung von Peter Pohl wird bis zum 5. September von Donnerstagbis Samstag, jeweils von 16 bis 19 Uhr, am Ludwigsplatz 4 in Rosenheim zu sehen sein.

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