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Krieg in der Ukraine

Region Rosenheim rüstet um: Schul-Sporthallen werden zu Unterkünften für Flüchtlinge

Schulleiter Andreas Schaller in der Turnhalle des Ludwig-Thoma-Gymnasiums
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Schulleiter Andreas Schaller in der Turnhalle des Ludwig-Thoma-Gymnasiums
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Putins Krieg gegen die Ukraine jagt Hunderttausende in die Flucht. Immer mehr von ihnen kommen in Stadt und Landkreis Rosenheim an. Die ersten Schulen öffnen ihre Sporthallen für Menschen in Not. Und ein Schulleiter findet seinen Glauben in die Menschheit wieder.

Rosenheim – Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine treibt Hunderttausende in die Flucht. Nun erreichen die Ausläufer des Bebens den Landkreis Rosenheim. Das Ludwig-Thoma-Gymnasium in Prien und das Gymnasium in Bad Aibling reagieren – auf Anweisung des Landratsamtes – als erste Schulen in der Region Rosenheim auf die Flüchtlingskrise. Sie stellen ihre Sporthallen als Unterkünfte bereit.

Wie am Dienstagnachmittag (8. März) bekannt wurde, wird demnächst auch die Luitpoldhalle in Rosenheim als Zufluchtsort für Ukrainer vorbereitet. Wie Michael Fischer als Sprecher des Landratsamtes mitteilte, dürfte bereits am Mittwoch der erste Bus mit Flüchtlingen aus der Ukraine in der Region eintreffen.

Der Bescheid kam kurzfristig und doch nicht wirklich überraschend. „Gestern Abend wurden wir in Kenntnis gesetzt“, sagt Andreas Schaller, Schulleiter des Ludwig-Thoma-Gymnasiums, am Dienstag den OVB-Heimatzeitungen, „heute sind wir bereits an der Umsetzung.“ Man habe einen gewissen Vorlauf gehabt, eine kurze Frist der Vorbereitung auf das, was da kommen könnte, sagt Schaller; „es war nicht schwer zu erraten, dass der Krieg Menschen aus der Ukraine vertreiben würde“.

Abschluss in Prien: Abitur als Gast von König Ludwig

Den Vorlauf konnte er auch nutzen, um für das LTG auch Ausweichmöglichkeiten suchen. Für den Schulsport etwa. Aber auch fürs Abitur. Zunächst habe man mit dem Dienstagmittag den Schulsport in der eigenen Halle eingestellt, überdies die Priener Vereine in Kenntnis gesetzt, dass die Halle fürs erste nicht mehr zur Verfügung stehe. „Wir werden halt andere Schulen um Hallenzeiten anbetteln und uns Gedanken um mehr Schulsport im Freien machen“, sagt Schaller.

Was die Prüfungen angehe, die drei Tage nach den Osterferien beginnen: Da befinde man sich in Prien in einer gesegneten Lage. Die angehenden Abiturienten müssen lediglich einen kurzen Fußweg hinter sich bringen, um an ihren Prüfungsplätzen im König-Ludwig-Saal Platz nehmen zu können.

Auch das Gymnasium in Bad Aibling wird als Unterkunft dienen. Für den heutigen Mittwoch oder Donnerstag rechnet Schulleiter Michael Beer mit den ersten Ankömmlingen, schon laufen wie in Prien die Vorbereitungen. Böden werden abgeklebt, provisorische Abteile für jeweils ein, zwei Familien eingerichtet, dazu ein Raum zum Essen sowie Aufenthaltsbereiche und Spielbereiche für Kinder.

Corona-Pandemie und Kriegswirren: Schulleiter in der Region Rosenheim fahren auf Sicht

Beer äußert sich gelassen. „Wir können schließlich auf die Erfahrungen von 2015 und 2016 zurückgreifen, als wir ein Dreivierteljahr als Unterkunft dienten.“ Diesmal geht der Oberstudiendirektor von 200 Bewohnern aus. Und wenn es mehr werden? „Kein Problem“, sagt er, da fahre man eben auf Sicht. „Und ich bin mittlerweile ein großer Auf-Sicht-Fahrer“, sagt er und lacht. Das betrifft auch das Abitur. Es kann sich vorstellen, für die drei Tage Schüler nach Hause zu schicken. Damit Klassenräume für Prüfungen geräumt werden können.

Übers Elternportal hat er jedenfalls schon mal Väter und Mütter unterrichtet. Und die hätten Verständnis gezeigt, sagt er, nach dem Motto, was bedeute eine Stunde Schulsport, wenn man dafür Menschen eine Unterkunft geben könne? „Das gibt mir den Glauben in die Menschheit zurück“, sagt Beer.

Regierung von Oberbayern tut sich mit Prognosen schwer

Die beiden Gymnasien dürften nicht die letzten Schulen gewesen sein, die Menschen in Not ein Dach über dem Kopf gewähren werden. Die Lage sei unübersichtlich, Prognosen schwierig, sagt Rainer Scharf. Sprecher der Bundespolizei, die einreisende Ukrainer beim Grenzübertritt registriert und ihre Personalien aufnimmt, soweit sie nicht mit biometrischen Dokumenten versehen sind.

Derzeit kontrolliere die Behörde zwei, drei Züge am Tag, Pro Kontrolle begleiten die Bundespolizisten 50 bis 100 Menschen in die Dienststelle, für die „bestandssichernde Identifikation“, eine Art erster Registrierung der Personalien. „Nochmal so viele Menschen sitzen mit biometrischen Ausweisen in den Zügen“, sagt Scharf, es handelt sich um Menschen, die zur zentralen Aufnahme in München oder zu Freunden oder Verwandten fahren.

Auch die Regierung von Oberbayern - sie verteilt die geflüchteten Menschen auf kreisfreie Städte und Landkreise - tut sich mit Vorhersagen schwer. Derzeit lasse sich nicht seriös abschätzen, „wie viele Menschen bereits auf der Flucht sind und wie viele davon nach Oberbayern kommen werden“, sagt Sprecher Wolfgang Rupp. Weil bislang viele visumsfrei eingereiste Ukrainer privat Aufnahme gefunden und deswegen noch nicht amtlich registriert sind, liegen noch keine vollständigen Zahlen zu den bisher in Oberbayern angekommenen Kriegsflüchtlingen vor.

Seit 24. Februar habe alleine die Regierung von Oberbayern rund 2645 Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen. Die Hälfte davon konnte bereits auf andere Unterkünfte überwiegend in den Landkreisen und kreisfreien Städten Oberbayerns verteilt werden. Nach dem Schlüssel der Zuteilungen könnten bis zu 1000 Ukrainer zumindest vorübergehend in öffentlichen Einrichtungen des Landkreises Rosenheim Unterkunft finden.

Es dürften noch mehr Schulen werden, die ihre Hallen für Geflüchtete öffnen

Während die Mitarbeiter der Landkreis-Bauhöfe in Riedering und Wasserburg die Schulturnhallen umrüsten, stehen andere Schulen in Wartestellung. „Wir rechnen damit, haben aber noch keine Anfrage bekommen“, sagt Walter Baier, Schulleiter des Gymnasiums Bruckmühl und Vorsitzender der Bayerischen Direktorenvereinigung. Für den Krieg Putins gegen die Ukraine rechnet er mit weit größeren Dimensionen an Flüchtlingen. „Vielleicht 50 000 sind es jetzt, eine Million Menschen können es es aber auch werden“, sagt er, „da muss es die Lösung mit großen Hallen geben.“

Dass man sich darauf schlecht einrichten kann, präzise Prognosen unmöglich sind, dafür hat er Verständnis. Schwierig könnte es werden, wenn die Ansage knapp vor den Osterferien kommt. Denn dann hätte man nur noch einen Tag, um Hallen vorzubereiten und überdies noch Räume für die Abitur-Prüfungen zu suchen. Grundsätzlich aber gelte allgemein der Wille zur Hilfe, sagt Baier: „Natürlich machen wir da mit.“

Abgeblitzt mit Privatunterkunft?

Derweil schlägt den Menschen aus der Ukraine viel Hilfsbereitschaft von privater Seite aus entgegen. So wie von Florian Dobler. Schon weil die eigenen Großeltern als Vertriebene aus dem Sudetenland nach dem Zweiten Weltkrieg Aufnahme in Oberbayern erfahren hatten, will er Menschen aus der Ukraine Unterkunft in seiner Wohnung anbieten. Doch beim Landratsamt sei er abgeblitzt, sagte der Wasserburger den OVB-Heimatzeitungen. Von Landratsamtssprecher Michael Fischer kommt entschiedener Widerspruch.

Angebote würden „selbstverständlich“ nicht abgelehnt, Anbieter informiert, „dass wir bei Bedarf auf sie zukommen werden.“ Wichtig sei für die Flüchtlinge jedoch Privatsphäre, deswegen habe das Innenministerium Wohnraum nach Eignung eingestuft. „Privatwohnungen stehen hier an erster Stelle, Zimmer in Privatunterkünften dagegen weit hinten.“ Dobler will nicht lockerlassen: „Wir bieten unser Schlafzimmer als Unterkunft an.“ Bei den erwarteten Flüchtlingszahlen würden die Angebote der öffentlichen Hand „hinten und vorn nicht reichen“, fürchtet er.

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