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Geschichte des Bunkers unter der FH

Kalter Krieg in Rosenheim: Mit Beton gegen die Apokalypse

FH Rosenheim: Der Hausherr, FH-Präsident Prof. Dr. Köster, vor einem der massiven Toren, die Studenten und Dozenten mal vor einer Atomexplosion schützen sollten.
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Hausherr im Atom-Bunker: Prof. Dr. Köster, Präsident der TH Rosenheim, kennt den Schutzraum zwar als Tiefgarage, weiß aber, wofür die massiven Tore mal gedacht waren.
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Die USA auf der einen und die Sowjetunion auf der anderen Seite, so misstrauisch wie hochgerüstet - das war der Kalte Krieg. Von 1945 bis 1990 hatte die Welt Angst. Und ein Architekt in Rosenheim kam auf eine merkwürdige Idee.

Rosenheim - Die Bilder in der Zeitung waren noch schwarzweiß. Und so präsentierte sich auch die Weltlage: Schwarz und Weiß, Gut und Böse in scharfem Kontrast gegenübergestellt. USA und Sowjetunion, so misstrauisch wie hochgerüstet. Es herrschte Kalter Krieg. Und ein Ingenieur in Rosenheim kam auf eine bemerkenswerte Idee.

Es gibt ein Schwarzweißfoto, das davon erzählt. Es zeigt einen historischen Augenblick, mitten in Rosenheim, mitten in den 80er Jahren. Da sieht man Männer in Arbeitskitteln, sie haben die Hände auf Kurbeln gelegt, links und rechts einer seltsamen Apparatur mit einer Reihe dicker Rohre. Die Männer kurbeln nicht wirklich, sie tun nur für den Fotografen so. Zum Glück. Denn hätten sie ernsthaft kurbeln müssen, hätte die Welt in Schwierigkeiten gesteckt. Vielleicht hätte es danach niemanden gegeben, der das Foto noch hätte ansehen können.

Kurbeln für den Notfall: Foto von der Einweihung des Schutzraums unter der damaligen Fachhochschule.

Das Foto belegt die Einweihung des ersten Nuklear-Schutzraums in Rosenheim. Er befindet sich unter der Technischen Hochschule. Heute dient er als Tiefgarage. Er hätte einigen hundert Menschen Schutz bieten sollen, wenn aus dem Kalten Krieg ein heißer geworden wäre.

Krieg war mehr als nur eine Theorie

„Der Dritte Weltkrieg war ja damals weit mehr als nur eine theoretische Möglichkeit“, meint Professor Dr. Hilmar Mund. Der promovierte Ingenieur baute zusammen mit seinem Vater, dem Architekten Rudolf Mund, das Kuko. Von 1982 bis 1992 war er Vizepräsident der damaligen Fachhochschule Rosenheim. Und auf ihn geht der Bunker zurück.

Munds Aufgabe seinerzeit war die Koordination der baulichen Entwicklung der Fachhochschule. Als der erste Erweiterungsbau der TH anstand, konnte er gegen den Willen der Staatsbauverwaltung, aber mit Unterstützung des Innenstaatssekretärs Franz Neubauer erreichen, dass ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben wurde. Und weil sich das Ende der Sowjetunion noch nicht abzeichnete, „Glasnost“ und „Perestroika“ nicht mal zu erahnen waren, regte Mund den Bau eines Bunkers unterm Neubau an.

Regte den Atom-Schutzraum an: Prof. Dr. Hilmar Mund

Im „Ernstfall“, wenn die Supermächte mit ihren Verbündeten aufeinander losgegangen wären, hätten Studierende und Lehrer der Fachhochschule in dem Betongewölbe Unterschlupf gefunden. An Wasser und Vorräte war seinerzeit gedacht worden, mit der seltsamen Kurbelanlage hätte man die verbrauchte Luft nach draußen gepumpt und gefilterte Luft ansaugen können. „Zwei Wochen hätte man da überleben können“, sagt Mund. „Die Frage wäre natürlich gewesen, was man dann auf der Erdoberfläche vorgefunden hätte.“

Dann kam die Entspannung - und von einem Bunker wollte niemand mehr etwas wissen

Doch schon kurz nach der Einweihung setzte die Entspannung ein. Michail Gorbatschow folgte als verhältnismäßig junger Generalsekretär auf den alten Tschernenko, und mit Gorbatschow hielt Hoffnung Einzug. Im Februar 1986 kam sein Reformprogramm ins Rollen. Wenige Jahre später waren Sowjetunion und Warschauer Pakt Geschichte und Deutschland friedlich wiedervereinigt. Die Angst vor einem Atomkrieg schwand noch schneller als die Mannschaftsstärke der Bundeswehr.

Munds Bunker war nicht mehr zeitgemäß. Er wurde bald nicht mehr als Schutzraum für Menschen, sondern nur noch als Stellraum für Autos wahrgenommen. Und heute, 35 Jahre nach Gorbatschows Initiative, 20 Jahre nach dem 11. September, drei Monate nach Russlands Überfall auf die Ukraine? „Weiß ich selber nicht, was in dem Bunker noch funktioniert“, sagt Mund den OVB-Heimatzeitungen.

Die sorglosen 90er Jahre brachen an, Mund aber warnte. Vor Umweltzerstörung, Klimakatastrophe und Krieg. Als Kind hatte er die Bombennächte im Zweiten Weltkrieg erlebt, in einem Bunker an der Klepperstraße in Rosenheim. Vielleicht rührt daher sein Interesse, oder vielmehr: sein Hang zum Apokalyptischen.

Ein Schwarzseher, der recht behält

Mund veröffentlichte ein Buch, „Endzeit-Architektur“, das eingangs erwähnte Foto findet sich in dem schmalen Band, den Professor Mund auch „Zeit“-Mitherausgeber Helmut Schmidt zusandte. „Es kam sogar ein Schreiben zurück“, erzählt Mund. „Von Helmut Schmidt – er habe es mit Interesse in die Hand genommen.“ Mund erinnert sich freilich auch an die Häme, die er abbekam. „Ich bekam öfter zu hören, dass ich ein Schwarzseher bin.“

Aus heutiger Sicht? Klingen seine Worte prophetisch. „Die gegenwärtige Bedeutungslosigkeit solcher Anlagen steht und fällt mit dem Überleben der immer wieder schwer angefochtenen Demokratie in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion“, schrieb er 1994 zu dem Foto der kurbelnden Männer. Wer wollte heute, während Putins Krieg gegen die Ukraine mit Hilmar Mund darüber streiten?