Ein Recht für alle Kinder

OVB
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Ob behindert oder nicht - alle Kinder sollen alle Schulen besuchen können.

Rosenheim - Alle Schüler, ob behindert oder nicht, sollen in Bayern jede allgemeinbildende Schule besuchen können, so hat es der Landtag im März beschlossen. Doch der Weg dorthin ist lang.

In Rosenheim gibt es noch keine einzige Schule, die diese "Inklusion" anbietet. Mit einer sogenannten Außenklasse wird zumindest ein bescheidener Anfang gemacht.

Moritz ist sieben Jahre alt. Er hat das Fragile X-Syndrom, eine Behinderung ähnlich dem Down-Syndrom. Seine Schwester sieht er täglich in die Schule gehen, das will er nun endlich auch. "Für mich gibt es keinen Grund, warum Moritz nicht in eine normale Schule gehen sollte, er lernt soviel von anderen Kindern, die mehr können als er", sagt seine Mutter Vera Stalla.

Eine erste Außenklasse in Rosenheim

Das Inklusions-Profil haben bisher 41 Schulen in Bayern. Die Staatsregierung hat dafür zunächst 200 zusätzliche Lehrer und Sozialpädagogen für die kommenden zwei Schuljahre zur Verfügung gestellt.

In Rosenheim habe man bisher mit sogenannten Kooperationsklassen gute Erfahrungen gemacht, sagt Schulrätin Helga Wichmann. Dabei handelt es sich um Volksschulklassen, die Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf aufnehmen. Diese müssen die Anforderungen der Volksschule im Wesentlichen erfüllen. Genau diese Kondition entfällt mit der Inklusion, die, so Wichmann, selbstverständlich auch in Rosenheim für die Zukunft angestrebt werde: "Das ist ein Riesenthema für uns."

Christine Mayer, Behindertenbeauftragte der Stadt, ist eine entschiedene Verfechterin des Wandels. Bisher, sagt sie, habe man von Integration gesprochen, was aber zunächst immer Ausgrenzung und dann Eingliederung bedeute. Inklusion hingegen heiße: Von Anfang an dabei. Kein Kind solle wegen einer körperlichen oder geistigen Behinderung vom allgemeinen Schulbetrieb ausgeschlossen sein, so fordert es auch die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die in Deutschland im März 2009 in Kraft getreten ist. Mit der ersten Außenklasse in Rosenheim wird zwar Inklusion nicht in vollem Umfang erreicht, aber zumindest der Weg dorthin beschritten. Eine Gruppe von sechs Schülern, die zum benachbarten Heilpädagogischen Förderzentrum der Caritas gehört, wird örtlich der Grundschule Erlenau zugeordnet. Für den siebenjährigen Moritz ergibt sich zufälligerweise die ideale Situation, dass er im Gegensatz zu den anderen behinderten Gruppenmitgliedern in dem Stadtteil wohnt, wo er zur Schule geht. So kann er seinen Mitschülern auch in der Freizeit begegnen. So oft wie möglilch soll die Gruppe gemeinsam mit einer ersten Klasse der Schule Erlenau Unterricht haben. Es hängt von den beteiligten Lehrern und Sozialpädagogen ab, wie sie das Zusammensein gestalten und wie häufig es stattfindet. In München, weiß Christine Maier, gibt es Außenklasen, die eine gemeinsame Quote von 75 bis 80 Prozent schaffen. Als Einstieg in die Inklusion sieht sie die Außenklasse als gute Variante an.

Wann das gewünschte Miteinander in allen Schulen Bayerns funktioniert, dazu heißt es aus dem Kultusministerium: "Die Entwicklung eines inklusiven Schulsystems ist ein sukzessiver, im Grunde lebenslanger gesamtgesellschaftlicher Prozess, der ständiger Veränderung unterliegt. Eine Aussage über einen konkreten Abschluss dieses Prozesses kann daher nicht getroffen werden."

In der Stadt nur vier Schulen rollstuhlgerecht

Barrierefreiheit ist eine Bedingung dafür, dass Behinderte alle Schulen besuchen können. Auf eine Anfrage der SPD-Fraktion musste Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer kürzlich einräumen, dass es in Rosenheim in dieser Hinsicht noch viel zu tun gibt. Bei Ausbauten und Neubauten achte man selbstverständlich darauf, doch viele Altbauten seien noch nicht rollstuhlgerecht. Im Altbau des Karolinen-Gymnasiums beispielsweise sei ein solcher rollstuhlgerechter Umbau kaum machbar.

Von 17 Schulgebäuden in Rosenheim tragen nur vier das Prädikat "rollstuhlgerecht", die Grundschule in der Prinzregentenstraße, die Hauptschule Mitte, die Mädchenrealschule und die Förderschule Am Gries. Alle anderen sind nur teilweise rollstuhlgerecht, zehn haben keinen Aufzug. Im Finsterwalder-Gymnasium kann eine im Rollstuhl sitzende Lehrkraft nicht einmal das Lehrerzimmer erreichen. Dort werden jetzt für 500.000 Euro zwei Liftanlagen eingebaut. "Selbstverständlich müssen wir versuchen, alle Schulen so auszustatten, dass Behinderte nicht ausgeschlossen werden. Das wird noch lange dauern, aber wir werden das Ziel nicht aus den Augen verlieren", versicherte Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer bei der Behandlung der SPD-Anfrage im Schul-, Kultur- und Sportausschuss.

Elvira Biebel-Neu (Oberbayerisches Volksblatt)

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