Zeitzeugin Hella Erdmann erinnert sich an geschichtsträchtige Nacht vor 73 Jahren

"Pure Angst um das nackte Überleben"

Zeitzeugin Hella Erdmann.  Foto je
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Zeitzeugin Hella Erdmann. Foto je

Rosenheim - Zeitzeugin Hella Erdmann ist mit ihren fast 90 Lebensjahren noch recht rührig und auch sehr engagiert, wenn es um die "Rosenheimer Stadtgeschichte" geht. Sie kann über gute und schlechte Zeiten in Rosenheims jüngerer Geschichte detailliert berichten. So auch über die Vorgänge in der "Reichskristallnacht" in Rosenheim im Jahre 1938, als von der NSDAP aufgehetzte Schlägerbanden die "Endlösung in der Judenfrage" einleiteten.

Ihre Kindheit verbrachte Erdmann als Tochter eines Rosenheimer Eisenbahnbeamten im Haus der Großeltern in der Gillitzerstraße, nur wenige Meter vom früheren Konfektionsgeschäft der jüdische Familie Obernbreit entfernt - und auch nicht weit von der Münchener Straße 28, dort wo der jüdische Kaufmann Isaak Camnitzer und seine in Bamberg geborene Frau Maria, ebenfalls ein Geschäft führten. In beiden Geschäften, so Zeitzeugin Erdmann, hätten die Leute aus der Nachbarschaft und auch zahlreiche Salinenmitarbeiter gut und günstig eingekauft. Sie erinnert sich, dass sie auf ihrem täglichen Schulweg zum vornehmen Lyzeum, wo die "Armen Schulschwestern" unterrichteten, an beiden Geschäften vorbeikam und stets von den Inhabern freundlich gefragt worden sei, wie es ihr denn heute in der Schule gefallen habe. Erdmanns Eltern sowie ihr Großvater und ihre Tante hatten das Mädchen Hella "gut bürgerlich" erzogen und ihr beigebracht, alle Menschen freundlich zu grüßen und stets höflich zu antworten. Zwischen dem Kaufmann Isaak (Isidor) Camnitzer und ihr, so berichtet die Zeitzeugin heute, habe sich eine gewisse Freundschaft entwickelt. Vielen Geschichten lauschte Erdmann damals und als "kleine Göre" durfte sie im Geschäft "mithelfen" und all die Dinge tun, die kleine Mädchen gern in einem "Kaufmannsladen" erledigen.

Camnitzers Ehefrau Maria hatte sich, kaum waren die Rassengesetze verkündet worden, von ihrem jüdischen Manne scheiden lassen.

Zeitzeugin Erdmann erinnert sich, dass ihr der Großvater und die Tante oft keine Antworten auf ihre neugierigen Fragen geben wollten und lakonisch erklärten, ein Kind "plappere zu viel" und solle nur reden, wenn es gefragt werde. Heute weiß Erdmann, warum. Schmerzlich empfand sie auch die von der Obrigkeit verfügte Anordnung, dass die "Armen Schulschwestern" nicht mehr in Rosenheim unterrichten durften, fortan ein "linientreuer" Assessor als Aufpasser fungierte und niemand ihr sagen wollte, warum das so sein solle.

Ihre Tante, so erinnert sich Erdmann heute noch genau, sei einmal von einem Rosenheimer Dentisten, der oft in SA-Uniform vor dem jüdischen Geschäft von Moses Fichtmann am Max-Josefs-Platz Wache gestanden hat, pöbelhaft gefragt worden: "Sie wollen doch nicht beim Saujuden einkaufen?"

Zwei Vorfälle sind Hella Erdmann besonders in Erinnerung geblieben. Es war in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, die als "Reichskristallnacht" in die Geschichte eingegangen ist. Hella sei plötzlich aufgewacht, weil auf der Straße ein wüstes Gebrüll und Gejohle zu hören war und Scheiben splitterten. Als sie aus dem Fenster schaute, sah sie den wütenden Mob, der das Geschäft der Obernbreits in der Gillitzerstraße/Ecke Herzog-Otto-Straße plünderte, Schaufensterscheiben zertrümmerte, die Waren aus dem Geschäft auf die Straße schleuderte und lauthals grölte: "Juden raus!" Erdmann, die die Obernbreits als nette, bescheidene und stets freundliche Menschen kannte, sei damals bei diesen Anblick sehr traurig gewesen und habe geweint.

Ebenso ist ihr ein anderer Vorgang im Gedächtnis geblieben. Sie war mit ihren Großeltern nach Berlin gefahren. Vor der Abfahrt hatte Isaak Camnitzer den Großvater verschwiegen gefragt, ob dieser einige Papiere an Camnitzers Verwandte in Berlin mitnehmen wolle. Hellas Großvater hielt das für zu gefährlich, sagte aber zu, den Berliner Verwandten einige Papiere und die Grüße von Isaak Camnitzer aus Rosenheim persönlich zu überbringen.

Niemals in ihrem Leben, erklärt Zeitzeugin Erdmann heute, habe sie eine solche Angst in fast erloschenen Augen gesehen wie damals, als Hellas Großmutter an der Haustür des eleganten Hauses in Berlin läutete und eine völlig verstörte Hausangestellte sie nach einigen Zögern ins Haus ließ und ins Wohnzimmer führte. Dort hatten sich alle Familienmitglieder der Berliner Camnitzer gleich verängstigten Tieren um den großen Wohnzimmertisch zusammengeschart. Erst als sich die Besucher als Bekannter von Isaak Camnitzer aus Rosenheim vorgestellt hatten, wich die Angst. Die Berliner Verwandten sagten, dass sie beim Läuten an der Haustür das Schlimmste befürchtet hätten, die Deportation.

Während des Erzählens von ihrem damaligen Besuch in der Reichshauptstadt schließt Zeitzeugin Erdmann die Augen und ihre Stimme stockt für einen Moment, um dann fast flüsternd fortzufahren: "In ihren Augen war die pure Angst um das nackte Leben ... nie wieder habe ich erlebt, wie Angst physisch so fühlbar sein kann." je

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