Presscontainer statt Biotonne

Noch wandern Küchenabfälle in Rosenheim in die Restmülltonne. Eine Biotonne wird nicht eingeführt. Foto : Schlecker
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Noch wandern Küchenabfälle in Rosenheim in die Restmülltonne. Eine Biotonne wird nicht eingeführt. Foto : Schlecker

Klare Worte von Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer im Umweltausschuss: "Wir werden die Rosenheimer nicht zur Biotonne zwangsverpflichten. " Trotzdem fühlten sich die Mitglieder in einer Zwangslage: Denn per Gesetz sind sie aufgefordert, eine Lösung zur getrennten Sammlung von Grüngut und Küchenabfällen anzubieten.

Der Ausschuss wählte - zähneknirschend - einen Kompromiss: die zusätzliche Aufstellung von Presscontainern.

Rosenheim - In Rosenheim wandern Küchen- und Speisereste bisher auf den häuslichen Komposthaufen oder, wenn sie dort nicht hingehören, weil sie bereits gekocht wurden, in die normale Mülltonne. Wer keine Kompostiermöglichkeit hat, wirft die gesamten Nahrungsabfälle in die Restmülltonne. Von dort gelangt der Inhalt in das Heizkraftwerk. Es gewinnt aus dem Restmüll plus Küchenabfällen nicht nur Strom, der ein Drittel des Rosenheimer Bedarfs deckt, sondern auch Wärme.

Grüngut (Gartenabfälle wie Rasenschnitt) bringen die Bürger zu Wertstoffinseln und zum Entsorgungshof der Stadtwerke.

Das System klappt tadellos. Doch das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz fordert jetzt die konsequente, hundertprozentige Getrenntsammlung von Bioabfällen und Restmüll - mit dem Ziel, dass biologisch abbaubare Biomasse komplett der Verwertung zugeführt wird. Das ist in Rosenheim bereits der Fall, doch die thermische Verwertung im Heizkraftwerk besitzt vor dem Gesetz nicht den Stellenwert wie die stoffliche für die Produktion von Biogas.

Bei der ersten Diskussion zur Frage, wie die Stadt auf die zwangsweise Einführung eines neuen Systems reagieren soll, waren die Mitglieder des Ausschusses im Juni ohne Ergebnis auseinander gegangen. Sie hatten dem Umweltamt als Hausaufgabe mitgegeben, mögliche Konzepte auf ihre Realisierung hin zu überprüfen und mit der derzeit praktizierten Lösung zu vergleichen - auch hinsichtlich der Ökobilanz.

Hol- oder Bringsystem?

Grundsätzlich geht es um zwei verschiedene Lösungsansätze: die flächendeckende Einführung einer Biotonne (Holsystem) oder die Aufstellung von neuen Behältern für Bioabfälle (Bringsystem) an ausgesuchten Standorten wie dem Wertstoff- und Baubetriebshof sowie in Siedlungsschwerpunkten. Hier sollen jetzt versuchsweise für ein Jahr Presscontainer für Küchen- und Speiseabfälle aufgestellt werden. Sie werden über eine Schleuse betrieben, die sicherstellt, dass keine Gerüche entstehen. Die Bedienung erfolgt per Scheckkarte.

Das Bringsystem mit Aufstellung dieser neuen Behälter stellt jedoch eine Lösung dar, hinter der kaum jemand im Umweltausschuss hundertprozentig steht. "Der jetzige Weg ist für uns der beste", brachte der Leiter der Stadtwerke, Dr. Götz Brühl, auf den Punkt, dass die Sammlung der Speise- und Küchenabfälle in der Restmülltonne und Mitverwertung im Heizkraftwerk die für Rosenheim ideale ist. Vom "blauen Brief" der Regierung von Oberbayern, die von der Stadt eine baldige Reaktion auf die neue Gesetzeslage gefordert hatte, solle sich die Kommune nicht von diesem Weg abbringen lassen. Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer sah jedoch die Notwendigkeit, der Behörde "was zu bieten, damit Ruhe ist".

Die CSU zeigte sich durchaus bereit, sich dem Druck von oben nicht zu beugen. Dr. Wolfgang Bergmüller wies auf die gute Ökobilanz des Heizkraftwerkes hin. Die strikte Getrenntsammlung sei gut gemeint, im Fall Rosenheim jedoch nur schlecht umzusetzen. Außerdem stehe fest, dass die thermische Verwertung in einem Heizkraftwerk effektiver sei als die stoffliche in einer Biogasanlage, zeigte sich Bergmüller überzeugt.

Franz Opperer von den Grünen sah in den Argumenten der CSU jedoch eine Protesthaltung, die im Zusammenhang mit dem Wunsch stehe, dem Heizkraftwerk möglichst viel Müll zuzuführen. Die Stadt sollte sich stattdessen darauf konzentrieren, einen gesetzeskonformen Weg für die Getrenntsammelpflicht zu entwickeln, "der auch Erfolg hat". Auch Elisabeth Jordan von der SPD äußerte den Verdacht, das Holsystem mit Biotonne werde nur deshalb so stark kritisiert, weil "wir den Müll verbrennen wollen".

SPD verweist auf

Beispiel Wasserburg

Die Stadt Wasserburg beweise, dass ein finanziell tragbares und funktionierendes Holsystem mit Biotonne aufgebaut werden könne, wenn es auch gewollt werde, so Jordan. Zusätzlich würden die Bürger nur die Anschaffungskosten von etwa 36 Euro und monatlich einen weiteren Euro zahlen, berichtete Peter Weigel von den Grünen.

Bauer will den Bürgern jedoch nicht erneut eine Tonne aufdrücken. Wer eine nutzen wolle, könne dies tun, setzt sie auf Freiwilligkeit. Sie sieht außerdem große hygienische Probleme auf die Stadt zukommen, wenn sich durch die Einführung einer weiteren Tonne automatisch die Abhol-Rhythmen für Restmüll, der dann ja mengenmäßig kleiner wird, und damit auch für Bioabfall verändern. "Mich graust, da werde ich zur Veganerin", so die Oberbürgermeisterin.

CSU warnt vor

Plastik im Biomüll

Bauer und CSU-Fraktionsmitglieder wie Bergmüller wiesen außerdem auf ein weiteres großes Problem hin: Plastikreste im Biomüll. Küchenabfälle oder Speisereste würden in Tüten zur Biotonne getragen - und oft mit im Behälter landen. Von dort gelange so auch Plastik in der Biogasanlage - und als Abfallprodukt der Vergärung wieder auf Feldern, in Pflanzen und Grundwasser. Auf diese toxikologischen Zeitbomben hätten Umweltexperten wiederholt hingewiesen.

In den Augen der Grünen und SPD ist deshalb eine umfassende Aufklärung der Bürger zum Thema Biomüllentsorgung nach dem neuen Weg vonnöten. Dafür wird die Stadt nun einen eigenen Bürgerbrief herausgeben.

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