Paten leisten Integrationsarbeit

Christian Hlatky betreut die Flüchtlingspaten - und hat bei der Umsetzung dieser Aufgabe bisher vor allem positive Erfahrungen gesammelt. Foto : re
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Christian Hlatky betreut die Flüchtlingspaten - und hat bei der Umsetzung dieser Aufgabe bisher vor allem positive Erfahrungen gesammelt. Foto : re

140 Paten engagieren sich bereits in der Flüchtlingshilfe. Viele weitere Bürger würden gerne helfen - auch angesichts der Tatsache, dass die Stadt derzeit die Luitpoldhalle und ein Zelt für die zusätzliche Aufnahme weiterer 1000 Asylbewerber vorbereitet.

Viele Rosenheimer wissen jedoch oft nicht, ob sie das Ehrenamt wirklich stemmen können. Christian Hlatky, Leiter des Patenprojektes bei der Bürgerstiftung Rosenheim, erläutert im Interview, welche Aufgaben Paten übernehmen, wie viel Zeit sie aufbringen sollten und warum auch die Ehrenamtlichen vom Einsatz profitieren.

∗ 140 Paten engagieren sich unter dem Dach der Bürgerstiftung in Rosenheim bereits für die Integration der Flüchtlinge. Die Soziale Stadt sucht jedoch weitere Ehrenamtliche. Welche Fähigkeiten sollte ein Pate mitbringen?

In der Arbeit mit Flüchtlingen muss man vor allem offen für Neues sein. Gewillt sein und Spaß daran haben, neue Menschen kennenzulernen und Freude am Austausch mit anderen Kulturen haben.

∗ Was sind die Hauptaufgaben eines Flüchtlingspaten?

Die Aufgaben sind sehr vielfältig und ich freue mich, wenn sich die Paten mit ihren eigenen Stärken einbringen. Es geht im Allgemeinen um die Begleitung und Unterstützung bei Ämtergängen und Arztterminen, um die Vermittlung der deutschen Sprache und gemeinsame Freizeitbeschäftigungen wie Sport, Kochen oder Bergsteigen. Die Paten leisten damit einen großen Teil der Willkommenskultur und haben einen großen Anteil an der Integration der Flüchtlinge. Die Paten leben vor, wie man sich in Deutschland verhält, wie man sich grüßt, was höflich ist, wie man den Müll trennt und all die anderen Sachen, die sonst häufig zu Missverständnisse führen können.

∗ Wie viel Zeit muss oder sollte ein Flüchtlingspate investieren?

Das ist ganz unterschiedlich. Jeder soll sich so einbringen, wie er zeitlich kann. Es gibt Paten, die treffen sich mit den Flüchtlingen mehrmals wöchentlich und es gibt Paten, die sich einmal im Monat im Café verabreden. Ich finde, es ist beides ok. Jede Hilfe ist besser als keine. Für die Flüchtlinge ist es ganz wichtig, Menschen kennenzulernen, die ihnen hier helfen können.

∗ Werden Unkosten etwa bei Fahrdiensten oder Behördengängen ersetzt?

In der Regel fallen keine Unkosten an. Über die Bürgerstiftung Rosenheim oder die Soziale Stadt besteht aber die Möglichkeit Auslagen, zum Beispiel für ein Deutschbuch, zurückbezahlt zu bekommen.

∗ Sind Flüchtlingspaten bei Ihren Tätigkeiten oder Fahrten versichert?

Ja, über die bayerische Ehrenamtsversicherung.

∗ Paten werden oft mit schweren Schicksalen der von ihnen betreuten Flüchtlinge konfrontiert. Wie kann verhindert werden, dass die seelische Belastung für die Paten zu groß wird oder eine Art Helfersyndrom entsteht?

Meine Aufgabe als Leiter dieses Projekts besteht darin, die Paten so zu schulen und vorzubereiten, dass sie richtig auf bestimmte Situationen reagieren können. Sich abzugrenzen, gehört zu einer ganz wichtigen Eigenschaft in diesem schwierigen Ehrenamtsbereich. Ich unterstütze die Paten bei all ihren Anliegen, Sorgen und Bedenken.

∗ Kann ein Pate sein Ehrenamt auch wieder aufgeben - etwa, weil die Chemie mit dem Betreuten nicht stimmt oder die Zeit nicht mehr vorhanden ist?

Die Patenschaft ist natürlich jederzeit beidseitig kündbar. Das passiert aber so gut wie nie, da die Grundvoraussetzungen in der Regel stimmen. Die Paten wollen unbedingt helfen, die Flüchtlinge benötigen dringend Hilfe. Da findet sich schnell ein gemeinsamer Nenner.

∗ Gibt es Umgangsregeln, die auf jeden Fall zu beachten sind?

Die einzige Regel, die ich meinen Paten nahelege, ist, dass es sich um eine rein ideelle und keine finanzielle Patenschaft handeln soll. Ich rate vor Geldgeschenken oder zusätzlichen Sachleistungen durch die Paten ab. Da man sonst schnell in ein Abhängigkeitsverhältnis rutschen kann.

∗ Sie kennen viele der 140 Paten, die bereits aktiv sind. Was sind die Hauptgründe, warum sie sich engagieren? Aus welchen gesellschaftlichen Bereichen kommen die Rosenheimer Paten?

Das Spektrum der Paten ist so bunt wie unsere Stadt. Die Motive sind so vielfältig, wie die Menschen es sind, die zu uns kommen. Wir haben Paten im Alter von 15 bis zu 87 Jahren. Es engagieren sich viele junge Menschen und Familien, denen die Flüchtlinge einfach leidtun und die mit der aktuellen Politik einfach nicht einverstanden sind. Sie wollen nicht nur Geld spenden, sondern ganz aktiv vor Ort anpacken. Aber auch viele ältere Menschen, die selber Fluchterfahrungen nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht haben, wollen jetzt etwas zurückgeben und helfen. Viele Familien engagieren sich, weil sie ihren Kindern Werte wie Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe sowie Toleranz vermitteln wollen.

∗ Viele Paten geben an, von ihrem Engagement auch persönlich profitiert zu haben. Teilen Sie als Koordinator der Patenaktion diese Erfahrung?

Absolut. Ich habe in den letzten drei Jahren sehr viele kluge und wunderbare Menschen kennengelernt, denen ich sonst nicht begegnet wäre - sowohl bei den Flüchtlingen als auch bei den engagierten Paten. In der Presse liest man viel über Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und besorgte Bürger. Ich habe Gott sei Dank eine ganz andere Erfahrung machen dürfen, da ich mit Menschen zu tun habe, die helfen wollen und solidarisch sind. Die Dankbarkeit, die Lebensfreude, die Motivation und der Ehrgeiz bei den Menschen, die hier Schutz und Zuflucht suchen, ist sehr inspirierend.

Interview: Heike Duczek

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