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OVB-Serie „Landwirtschaft im Wandel“

Die „Wunderpflanze“ Mais wächst auf mehr als der Hälfte der Äcker im Raum Rosenheim

Maispflanzen nehmen einen großen Anteil der Ackerflächen im Landkreis Rosenheim ein. Dass die Landwirte davon in den vergangenen 30 Jahren immer mehr angebaut haben, liegt auch am Biogas-Boom.
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Maispflanzen nehmen einen großen Anteil der Ackerflächen im Landkreis Rosenheim ein. Dass die Landwirte davon in den vergangenen 30 Jahren immer mehr angebaut haben, liegt auch am Biogas-Boom.
  • Alexandra Schöne
    VonAlexandra Schöne
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Was wächst auf den Äckern in der Region Rosenheims? Welche Rolle spielen Energiepflanzen und Wasserknappheit? Und was ist das Grünlandumbruchverbot? Antworten gibt es in der zweiten Folge der Serie „Landwirtschaft im Wandel – Blick auf drei Jahrzehnte“.

Rosenheim – Bei einer Tour durch den Landkreis Rosenheim fällt vor allem eins auf: die vielen grünen Flächen, die Wiesen, die ganz klar dominieren. Dazwischen liegen immer wieder Äcker. Diese Flächen sind für Landwirte besonders wichtig, denn sie sind viel wert. Das sagt auch Josef Steingraber, Geschäftsführer des Rosenheimer Bauernverbandes.

Spricht man von Acker, stellten sich viele automatisch eine Fläche mit Mais oder Getreide vor. Zu unterscheiden seien aber: Ackerfläche und Fläche mit Ackerfrüchten. Denn oft bauen Steingraber zufolge Bauern auf ihren Äckern Gras an. Alle fünf Jahre müssten sie die Flächen wieder umpflügen. Denn eine EU-Regel besagt: Wächst auf einem Acker mehr als fünf Jahre lang nur Gras, wird die Fläche automatisch zu Dauergrünland und verliert ihren wertvollen Ackerstatus – für immer.

Gesetz schränkt Arbeit von Landwirten ein

Diese Fünf-Jahre-Regel ärgert Josef Steingraber ganz besonders. „Das schränkt uns massiv in unseren Freiheitsrechten ein“, sagt er. Ohne dieses Gesetz beließen mehr Landwirte ihre Flächen als Grünland. Vor 30 Jahren, als es die Regel noch nicht gab, sei die Arbeit einfacher gewesen.

+++ Hier finden Sie alle weiteren bislang erschienenen Teile der OVB-Serie „Landwirtschaft im Wandel. +++

Den Grund, der tatsächlich Ackerland ist, nutzen die heimischen Bauern intensiv. Laut den Zahlen vom Landwirtschaftsamt Rosenheim bauen sie am meisten Mais (52 Prozent) an. Darauf folgen Getreide (25 Prozent). Die restlichen 23 Prozent setzen sich aus Pflanzen wie Ackergras, Raps oder Sojabohnen zusammen.

Mais ist eine „Wunderpflanze“

Mais nimmt Steingraber zufolge eine primäre Stellung ein, weil er „eine futtertechnische Wunderpflanze“ sei. Ein „super Energielieferant“, sehr strapazierfähig, der fast auf jedem Boden wächst. Für den Milchviehstandort Rosenheim ist er eine wichtige Futterquelle. Durch den Anstieg der Anzahl von Biogasanlagen (von fünf im Jahr 1990 auf 107 im Jahr 2020) habe der Mais ebenfalls „einen gewaltigen Boom“ erlebt, sagt Steingraber. Waren es 1990 noch 6097 Hektar, wurden 2020 10.050 Hektar angebaut. Mittlerweile pflanzen einige Bauern Mais mithilfe von GPS.

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Die Pflanze hat jedoch einen schlechten Ruf, das sagt auch Josef Steingraber. Kritiker der Pflanze bemängeln die Gefahr der Erosion auf den Anbauflächen, wenn vor oder nach dem Anbau die Böden nicht bedeckt sind – vor allem an Hängen bei Starkregen. Auf dieses Problem weisen auch das Bayerische Landesamt für Landwirtschaft, der Deutsche Wetterdienst und die Technische Universität in einer gemeinsamen Studie aus dem Jahr 2017 hin.

Eine Lösung ist laut Steingraber das „Mulchsaatverfahren“. Zwischenfrüchte, wie Rübsen, werden im Herbst nach der Maisernte angebaut. So ist der Boden bedeckt. Im Frühjahr sähen die Bauern den Mais in die Erntereste der Zwischenfrucht ein. Das Wurzelwerk soll den Boden vor Erosion schützen.

„Tropenhäuser“ in Gelb und Grün

Ein weiterer Nachteil von Mais ist laut dem Bundesinformationszentrum Landwirtschaft, dass langjähriger, großflächiger Anbau die Artenvielfalt von Insekten, Vögeln und Pflanzen auf den Äckern einschränkt. Josef Steingraber hingegen vergleicht Maisfelder im Sommer mit „Tropenhäusern“. „Wenn man mit dem Rad durch die Felder fährt, darf man die Augen ganz fest zu machen und den Mund geschlossen halten wegen der vielen Insekten“, sagt er. Nach Angaben des Deutschen Maiskomitees leben durchschnittlich mehr als 1000 Insekten-, Spinnen- und Krebstierarten in Maisfeldern.

Beim Thema Düngung schneidet der Mais sogar besser ab als andere Kulturen, wie zum Beispiel Getreide. Drei bis vier Wochen nach Anbau braucht die Pflanze laut Streingraber einmalig ein Pflanzenschutzmittel, um das wachsende Unkraut so lange zu unterdrücken, bis der Mais groß genug ist und den Boden beschattet.

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Mais ist aber nicht die einzige Energiepflanze, die Bauern im Landkreis anbauen. Auf dem Vormarsch sei auch die „Durchwachsene Silphie“. Es handelt sich dabei um eine hochwachsende, gelb blühende Pflanze. Der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe zufolge hat „Silphie“ – in Hinblick auf Biogasproduktion – verglichen mit Mais ökologische Vorteile. Sie braucht zum Beispiel nur im ersten Anbaujahr Dünger.

Doch im Landkreis Rosenheim bauen Landwirte nicht nur an, was traditionell gut funktioniert. Sie experimentieren auch. Der angehende Obstbauer Marinus Niederthanner (20) aus Nußdorf pflanzt beispielsweise auf einem seiner Äcker Wassermelonen. Die harte Arbeit lohne sich, sagt er. „Heimische Produkte ziehen mehr, als welche aus dem Ausland.“

Trockenheit wird im Norden zum Problem

Normalerweise brauchen Wassermelonen trockenes, warmes Klima. Durch die Erwärmung des Klimas wachsen sie auch in Bayern. Klimawandel bedeutet für Landwirte auch Hagel, Starkregen und Dürren bedeuten für Landwirte schwierigere und niedrigere Erträge. Wasserknappheit werde in Zukunft in der Region Rosenheim allerdings „im Großen und Ganzen nur vereinzelt ein Problem sein“, schätzt Josef Steingraber.

Er verweist auf die günstige Lage an den Bergen, wo sich die Gewitter mit Regen entladen – jedenfalls im Süden des Landkreises. Aber im nördlichen Landkreis bekommen die Bauern die Trockenheit schon zu spüren. „Bei uns schaut es manchmal schon aus wie in der Steppe“, sagt Landwirt Josef Hintermayr aus Babensham.

Gras aufgrund von Trockenheit verloren

Er erinnert sich an das Jahr 2017. Damals habe er bei fünfmaligem Mähen am Ende insgesamt einen halben „Schnitt“ aufgrund der Trockenheit verloren. Heuer sei die Lage aufgrund des vielen Regens entspannter. 900 Milliliter Niederschlag im Jahr reichten für ein gesundes Grünland aus, sagt Niedermayr. „Drunter wird es kritisch.“

Der Landwirt wird damit auch in Zukunft zu kämpfen haben. Er und seine Kollegen werden ihre Anbaumethoden dem Klima weiterhin anpassen müssen.

Mehr Acker, weniger Grünland – warum?:

Die Ackerfläche in Stadt und Landkreis ist von 1990 bis 2020 um rund 5500 Hektar gewachsen – eine Fläche von 7703 Fußballfeldern. 2020 waren 29 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche Acker (19431 Hektar). Grünland machte hingegen nur 71 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche aus, ein Minus von zehn Prozent in den vergangenen 30 Jahren.

Erklären lässt sich das laut Wolfgang Hampel, der bis vor Kurzem Leiter des Rosenheimer Landwirtschaftsamts war und von Dr. Georg Kasberger abgelöst wurde, unter anderem damit, dass jahrelang das Grünlandumbruchverbot „angedroht wurde“. In den Jahren vor 2013 ist in Deutschland viel Grünland zugunsten von Ackerflächen verloren gegangen. Mit der EU-Agrarreform und den „Greening“-Auflagen von 2013 sollte dies gestoppt werden. Sie regeln unter anderem den Erhalt von Dauergrünland. Das sind Flächen, die in fünf aufeinanderfolgenden Jahren ununterbrochen als Wiesen bewirtschaftet werden.

Ein Überblick über die Früchte, die auf den Äckern in der Region wachsen. Grafik: Klinger

Abgesehen von der allgemeinen Genehmigungspflicht für den Umbruch von Grasflächen ist es verboten, besonders schützenswertes Grünland in Acker umzuwandeln. Für das übrige Grünland müssen die Landwirte an anderer Stelle für einen gleich großen Ausgleich sorgen. Im Vorfeld der Reform haben Hampel zufolge viele Bauern die Zahl ihrer Ackerflächen erhöht, um hinterher flexibel bleiben zu können. 2011 meldeten lokale Medien, dass der Landkreis zu den bayerischen Spitzenreitern beim Grünlandverlust gehörte.

Von 2006 bis 2011 seien rund 3200 Hektar Wiesen in Ackerflächen umgewandelt worden. Grünland zu schützen ist laut Hampel grundsätzlich aber sinnvoll. Wegen der Artenvielfalt, aber auch, weil der Boden ganzjährig bedeckt sei und wenig abgeschwemmt werde. Bei Acker versuche man, genau das durch Untersaaten und Fruchtfolgen zu erreichen. Diese sind dem Bundesinformationszentrum für Landwirtschaft zufolge auch wichtig, weil sie beispielsweise verhindern, dass sich beim wiederholten Anbau einer Pflanze Schädlinge stärker vermehren. Das zu verhindern, hat sich die deutsche Landwirtschaft in der Ackerbaustrategie zum Ziel gesetzt.

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