Ausschussminderheit gegen Standort - Verkehrsprobleme bleiben

"NVZ ist hier sinnvoll"

Hier soll das Nahversorgungszentrum (NVZ) Nord entstehen. Unser Bild von der Westerndorfer Straße aus zeigt am linken Bildrand einen Weg am Stoppelfeld. Dort ist der Verlauf der Stichstraße zur rückwärtigen Erschließung des NVZ vorgesehen. Südlich davon sind die Erweiterungsfläche der Schulen, die vorerst als Parkplatz für FOS/BOS und Hochschule genutzt werden soll. Die Erdhaufen in der rechten Bildhälfte stammen von der archäologischen Grabung und befinden sich dort, wo zukünftig die Marienberger Straße nördlich des NVZ rechtwinkling zur Einmündung in die Westerndorfer Straße abknickt. Foto : schlecker
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Hier soll das Nahversorgungszentrum (NVZ) Nord entstehen. Unser Bild von der Westerndorfer Straße aus zeigt am linken Bildrand einen Weg am Stoppelfeld. Dort ist der Verlauf der Stichstraße zur rückwärtigen Erschließung des NVZ vorgesehen. Südlich davon sind die Erweiterungsfläche der Schulen, die vorerst als Parkplatz für FOS/BOS und Hochschule genutzt werden soll. Die Erdhaufen in der rechten Bildhälfte stammen von der archäologischen Grabung und befinden sich dort, wo zukünftig die Marienberger Straße nördlich des NVZ rechtwinkling zur Einmündung in die Westerndorfer Straße abknickt. Foto : schlecker

Rosenheim - Abermals für Diskussionsstoff sorgte im Bauausschuss das geplante Nahversorgungszentrum (NVZ) nördlich der Hochschule zwischen Marienberger und Westerndorfer Straße. Jetzt lagen die Stellungnahmen aus der frühzeitigen Beteiligung der Öffentlichkeit, der Behörden und Träger öffentlicher Belange vor.

Wie vor knapp einem Jahr mehrheitlich beschlossen, sollen hier bis zu 3800 Quadratmeter Verkaufsfläche entstehen: 2000 Quadratmeter Vollsortimenter, 1100 Quadratmeter Lebensmittel-Discounter und 700 Quadratmeter Drogeriemarkt.

Robin Nolasco, Leiter des Stadtplanungsamtes, referierte über die Problempunkte. Bei einer Informationsversammlung im Mai habe sich gezeigt, dass die Verkehrssituation für die Bürger das größte Problem darstellt. Verkehrsgutachter Professor Dr. Harald Kurzak hatte in seiner "Verkehrsuntersuchung Rosenheimer Norden" im Dezember 2009 die angespannte Verkehrssituation, vor allem im Berufsverkehr, dargelegt. Durch den Bau einer ampelgeregelten Einmündung der Marienberger Straße in die Westerndorfer Straße 70 Meter südlich der Kreuzung Ebersberger Straße blieben die Belastungen der Einmündungen Schlößlstraße und Ebersberger Straße in der Morgenspitze wie gehabt. Hierauf habe das NVZ aufgrund der Öffnungszeiten voraussichtlich keinen Einfluss. Es ergebe sich nur eine Zusatzbelastung für die weniger kritische Abendspitze. Durch das NVZ steige die Verkehrsbelastung der Westerndorfer Straße nach Umzug von Aldi von der Möslstraße ins NVZ nur gering an.

Im Bereich der Schlößlstraße und der Westerndorfer Straße bis zur Einmündung Schlößlstraße sowie der Ebersberger Straße werde die Westtangente keine Entlastung bringen. Die Westerndorfer Straße werde südlich der Einmündung Ebersberger Straße und nördlich der Einmündung Schlößlstraße weniger Verkehrsaufkommen aufweisen. Auch ohne NVZ würde die Westtangente nicht zu einer Entlastung in den Bereichen Schlößlstraße/Ebersberger Straße führen. In diesen Bereichen wird mit und ohne NVZ ein zusätzliches Verkehrsaufkommen von bis zu zehn Prozent durch die Westtangente prognostiziert. Ein vermindertes Verkehrsaufkommen von 20 Prozent wird für die Westerndorfer Straße nördlich der Schlößlstraße und südlich der Ebersberger Straße von drei Prozent prognostiziert.

Pfarramt St. Michael sieht NVZ kritisch

Zum NVZ nahm das katholische Pfarramt St. Michael kritisch Stellung: Der Stadtteil brauche eine dezentrale Nahversorgung mit kleinen Mittelpunkten, um eine gesunde, lebendige Stadtteilstruktur mit fußläufigen Treffpunkten zu fördern. Ein solch überdimensionales Zentrum werde wegen seiner Stadtrandlage vorwiegend mit dem Auto angefahren. Bestehende Einzelhandelsgeschäfte würden gefährdet; das NVZ werde "nicht nahversorgend, sondern zerstörend wirken".

Auch das erzbischöfliche Ordinariat lehnt das NVZ dort ab. Der Standort sei problematisch, da er zu weit in das bestehende Trenngrün hineinreiche und eine zusätzliche Zuspitzung der bereits vorhandenen Verkehrsprobleme mit sich bringe.

Auch das Rosenheimer Forum lehnt die Planungen als zu großflächig ab. An dieser Stelle bestehe keine Notwendigkeit eines NVZ, wohl aber im Westerndorfer Ortszentrum in reduzierter Größe.

Die Handwerkskammer signalisierte, es gebe kein prinzipielles Einverständnis. Erweiterungen von Verkaufsflächen sollten in verträglichem Maße in Abstimmung mit den vorhandenen kleinteiligen Strukturen erfolgen. Die Industrie- und Handelskammer hat grundsätzlich keine Einwendungen. Allerdings seien Verlagerungseffekten von den vorhandenen Einzelhandelsflächen in der Nähe zu erwarten.

Dazu erklärte Nolasco, Das Planungsbüro CIMA habe in seinem Einzelhandelsentwicklungskonzept in diesem Gebiet eines Versorgungslücke festgestellt. Eine Ansiedlung des NVZ in Ortsmitte sei wünschenswert, jedoch Flächen der benötigten Größe dort nicht verfügbar.

Das Landesamt für Denkmalpflege hatte erklärt, im Planungsgebiet liege ein Bodendenkmal: das Teilstück einer Straße der römischen Kaiserzeit, das erhaltungswürdig sei. Das habe ein Luftbildbefund von 1988 ergeben, der zur Eintragung des Bodendenkmals geführt habe. Zur Klärung des Sachverhalts, so Nolasco, sei im November eine Bodensondage unter Aufsicht eines Archäologen durchgeführt worden. Dabei wurden keine Spuren aus der Römerzeit gefunden, sondern eine oberflächliche Kiesschicht aus neuerer Zeit, die wohl auf einen früheren Feldweg zurückgehe, der sich auf dem Luftbild abgezeichnet hatte.

"Wir tragen das nicht mit", stellte sich Stadträtin Bärbel Thum von der Wählerinitiative WIR gegen das Projekt. Mit dem Supermarkt an der Ebersberger Straße bestehe ein Nahversorger, der noch ausbaufähig sei. Einziger Grund für das NVZ sei der Bauwunsch des Investors.

"Das ist nicht der richtige Ort - kaum einer wird zu Fuß dahin gehen", schloss sich Grünen-Stadträtin Anna Rutz an. Zwar heiße es in Gutachten, es sei eine verträgliche Lösung, "aber eine verträgliche ist nicht die beste Lösung. Die Läden müssen in die Quartiere.".

CSU-Fraktionsvorsitzender Herbert Borrmann verwies das ins Reich der wirtschaftlichen Romantik. Mit dem NVZ werde die letzte Versorgungslücke im Stadtbereich geschlossen. "Für Aising mag die Argumentation von Kollegin Rutz im Lebensmittelbereich zutreffen, aber im Norden gibt es über 4000 Studenten und große Wohnviertel, da ist das NVZ sinnvoll", erklärte CSU-Stadtrat Josef Gasteiger.

Mit dem Bau abzuwarten, bis eine Verkehrsentlastung durch die B-15-Westtangente wirksam werden, empfahl Republikaner-Stadtrat Hans Raß. "Das wird bei den leeren Kassen von Bundesverkehrsminister Ramsauer aber dauern", warf SPD-Stadtrat Andreas Lakowski ein. "Ich bin da eher zuversichtlich", sieht Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer eine baldige Finanzierung der Straße.

"Die Bürger hatten auf eine Kreisellösung an der Ebersberger Straße gesetzt", begründete CSU-Stadtrat Georg Soyer seine Ablehnung des Projekts. Zudem befürchtet er, das die Grünzäsur nicht eingehalten werde, was städtebaulich negativ zu sehen sei. Lakowski dagegen betonte, der Kreisel biete laut Gutachten keine Verbesserung, die CIMA habe die Versorgungslücke festgestellt und andere Standorte würden nicht gefährdet.

Mehrheitlich billigte der Ausschuss gegen die Stimmen von Raß, Rutz, Soyer und Thum die Behandlung der Stellungnahmen. Die Verwaltung wurde beauftragt, auf Grundlage noch ausstehender Gutachten den Bebauungsplanentwurf für die Beteiligung der Behörden und Träger öffentlicher Belange zu erabeiten. re/hh

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