Die Nummer für (Corona-)Kummer: Rosenheimer Telefonseelsorge hilft bei Einsamkeit

Die Telefonseesorge ist denkbar einfach zu erreichen: Birgit Zimmer empfiehlt, sich die kostenlose app „Krisenkompass“ auf das Smartphone herunterzuladen. Von ihr aus kann man direkt durch Knopfdruck bei der Telefonseelsorge anrufen, findet darüber hinaus auch sonst erste Orientierung für Krisensituationen. Thomae

Zukunftsängste und die Sorge um Angehörige belasten während der Corona-Pandemie etliche Menschen. Ein Gespräch kann helfen. Zum Beispiel mit den Mitarbeitern der Rosenheimer Telefonseelsorge. Ein Einblick in die Arbeit und wie sie sich seit der Krise verändert hat.

von Johannes Thomae

Rosenheim – Das Gute an der derzeitigen Situation ist, dass sie uns zeigt, wo die wahren Helden in unserer Gesellschaft zu finden sind – meist in jenen Berufen, die sonst eher übersehen werden, Pflegepersonal, Verkäuferinnen, Zusteller. Zu diesen Helden gehören aber ganz sicher auch die Mitarbeiter der Telefonseesorgedienste, die ihren Dienst immer fern von öffentlicher Aufmerksamkeit verrichten, derzeit aber noch mehr zu leisten haben als sonst: In Rosenheim zum Beispiel hat sich die Zahl der Anrufe verdoppelt.

Häufige Anrufe wegen Einsamkeit

Zu bewundern ist hier aber nicht nur das Ehrenamt als solches, sondern auch, wie es geleistet wird. Denn man stelle sich den Anruf einer alten Dame vor, die sagt, sie rufe an, weil das ihre einzige Chance sei, mit einem anderen Lebewesen mehr als ein paar einzelne Worte zu wechseln.

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In ihrem Pflegeheim dürfe zur Vorsicht niemand mehr aus den Zimmern, selbst zum Essen könne man es nicht mehr verlassen. Das Pflegepersonal habe für Gespräche verständlicherweise kaum Zeit, müsse darüber hinaus die Schutzmasken tragen, die den Kontakt zusätzlich unpersönlich, im Grunde sogar ein wenig beängstigend gestalten würden. Freunde und Verwandte habe sie nicht mehr, sie sei deshalb an einem Punkt, an dem sie das Gefühl habe, ohne direkte Ansprache richtiggehend verrückt zu werden.

Situation lässt sich nicht schönreden

Was kann man hier nur sagen, was raten? An der Situation kann man ja nichts ändern und schönreden lässt sie sich auch nicht. Im Gegenteil. Als Außenstehender fragt man sich, wie jemand, der solche und ähnlich Geschichten nicht nur einmal hört, sondern derzeit immer wieder, selbst damit zurechtkommt.

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Denn es geht ja hier nicht um Probleme, die einen selbst nicht betreffen, die man aus natürlichem Abstand heraus anhören und dafür einen Rat suchen kann, sondern es geht bei Corona um Lebensbereiche, die unmittelbar auch an das Leben dessen rühren, der da zuhört. Wird man da nicht zunehmend mutlos, gerät langsam selbst in einen Zustand der Verzweiflung?

Ehrenamtliche machen Leben leichter

Birgit Zimmer, die Leiterin der Telefonseelsorge des Diakonischen Werks in Rosenheim kann helfen, dieses Knäuel an Fragen etwas aufzudröseln. Zuallererst, so sagt sie, lerne jeder Neuling in diesem Ehrenamt schon ganz zu Anfang seiner einjährigen Ausbildung, dass er die vorgetragenen Probleme nur in seltenen Fällen wird tatsächlich lösen können: „Es geht um eine Anerkennung der eigenen Grenzen, wir können hier die Welt nicht retten. Was wir aber können, ist dem Betroffenen im Moment seines Anrufes das Leben ein bisschen leichter zu machen“. Man müsse deshalb lernen, diese Beschränkung aufs Hier und Jetzt zu akzeptieren.

Positive Erinnerungen im Gespräch aufgearbeitet

Im Falle der erwähnten Dame, so sagt Birgit Zimmer, die derzeit selbst auch immer wieder am Telefon sitzt, habe die Tatsache, dass diese endlich jemand zum Reden hatte, ihr über diesen einen Moment bereits hinweggeholfen. Und weil sie im Laufe des Gespräches versucht hat, ein bisschen mehr über die Dame und ihre Lebensgeschichte herauszubekommen, waren bald auch freundlichere Punkte angesprochen. Positive Erinnerungen, bei denen Birgit Zimmer das Gespräch etwas zu halten suchte – die damit verbundene Aufhellung des Gemüts, so hofft sie, hat die alte Dame dann auch noch über die nächsten Stunden hinweggetragen.

Trichter der Auswegslosigkeit

In vielen Gesprächen, so sagt sie, gehe es derzeit genau darum: Die Anrufer, die sich selbst in einen Trichter der Ausweglosigkeit hineingedacht haben, daraus zu befreien. Durch das schlichte Gespräch mit einem anderen Menschen, das allein sie schon aus dem bloßen Grübeln zurück zur Kommunikation führt und damit wieder auf den Boden des realen Lebens stellt.

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Wenn dann, wie in dem erwähnten Gespräch, aus der Stimme der Dame sogar ab und an ein Lächeln herauszuhören sei, dann so sagt Birgit Zimmer „sind das die Momente, in denen man selbst auch ein klein wenig glücklich ist, weil man weiß, dass man erfolgreich war“.

Finanzielle Schwierigkeiten durch die Krise

Zugegebenermaßen seien Gespräche wie das mit der alten Dame in gewisser Weise aber noch die der eher einfachen Kategorie. Hier ist, so meint Birgit Zimmer das Problem klar: Corona hat direkt eine Situation geschaffen, mit der schwer zurecht zu kommen ist. Gleiches gelte, wenn jemand durch die Krise in finanzielle Schwierigkeiten geraten sei – hier könne man sogar direkt mit der Nennung von Adressen und Anlaufstellen helfen.

Das Gefühl, Leben verfehlt zu haben

Schwieriger aber seien die Fälle, in denen die derzeitige Situation andere Probleme, die bislang mehr oder weniger tief in den Betroffenen verborgen waren, näher an die Oberfläche spült. Denn die seien den Anrufern gar nicht immer bewusst. Hier müsse man versuchen, unter diese Oberfläche zu kommen, herauszufinden, ob hinter der diffusen Angst bezüglich der Virus-Situation nicht eigentlich etwas anderes stecke: Bei jüngeren Leuten oft die Unsicherheit, welcher berufliche Lebensweg einzuschlagen sei, bei Älteren dagegen eher das Gefühl, das Leben verfehlt zu haben, Partnerschaftsprobleme seien ebenfalls häufig.

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Und auch hier gelte: das Problem einer endgültigen Lösung zuzuführen, sei nicht möglich, das könne die Telefonseelsorge nicht leisten. „Sie hat aber schon viel vollbracht“, so meint Birgit Zimmer, „wenn sie dem Betreffenden beim Erkennen der Tatsache helfen konnte, dass die Gründe für seine Sorgen nicht im Virus zu finden sind. Also nicht in einer Situation, gegen die man nichts ausrichten kann, sondern in Lebensbereichen, auf die man selbst Einfluss hat, so schwer das dann immer noch sein mag“.

Das „Hier und Jetzt“ ist für Arbeit wichtig

Bleibt die Frage, wie man als Zuhörer mit all dem Leid und den Problemen zurechtkommt, die an einen herangetragen werden. Und auch hier ist für Birgit Zimmer das „Hier und Jetzt“ ein Schlüsselwort.

Das sei etwas, das man in der Telefonseelsorge auch fürs eigene Leben lerne: Ganz und gar im Moment zu leben. Der Aufgabe, die sich im Augenblick stellt, dem aktuellen Gespräch mit aller Konzentration gegenüberzutreten, aber danach das Gehörte auch wieder zu verabschieden in dem Bewusstsein: Ich habe getan, was ich konnte.

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